«Der Verzicht ist konsequent»

Die St. Galler CVP zieht die Konsequenzen aus dem schlechten Abschneiden in den Ständeratswahlen und gibt Forfait. Der zweite Wahlgang wird damit zu einer Auseinandersetzung zwischen links und bürgerlich.

Regula Weik
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Worauf schwor CVP-Präsident Patrick Dürr den FDP-Fraktionschef Reini Rüesch am Sonntagabend wohl ein? (Bild: Michel Canonica)

Worauf schwor CVP-Präsident Patrick Dürr den FDP-Fraktionschef Reini Rüesch am Sonntagabend wohl ein? (Bild: Michel Canonica)

ST. GALLEN. Es lässt sich nicht schönreden: Die CVP ist in den Ständeratswahlen abgestürzt – schlimmer, als es die düstersten Prognosen und die ärgsten politischen Gegner zu prophezeien gewagt hätten. Ihr Kandidat Thomas Ammann musste die Grüne Yvonne Gilli vorbeiziehen lassen – da tröstet auch nicht, dass Ammann den Sprung in den Nationalrat geschafft hat, während Gilli abgewählt wurde. Der Gemeindepräsident von Rüthi konnte nicht einmal alle Wähler seiner Partei abholen.

Mit Ammann konnte die CVP also nicht mehr antreten. «Das Resultat lässt sich nicht wegradieren», sagt denn auch Parteipräsident Patrick Dürr. Und einfach jemanden portieren, um weiter dabei zu sein, konnte es ebenso wenig sein. «Wir wollten keine Alibiübung veranstalten», sagt Dürr, «es hätte eine Kandidatur mit Hand und Fuss sein müssen.» Ein echter Herausforderer für Paul Rechsteiner (SP) und Thomas Müller (SVP), die beide zum zweiten Wahlgang antreten.

In vier Jahren wieder dabei

Auf die Frage, ob es die Partei versäumt habe, eine gute Kandidatur aufzubauen, sagt Dürr: «Ich bin erst seit einem Jahr Präsident.» Dann fügt er an: «Wir hatten ganz klar mehr erwartet. Doch jetzt liegt das Resultat vor – und da ist der Verzicht konsequent.»

Auf die immer wieder als mögliche Kandidaten für den zweiten Wahlgang genannten Markus Ritter und Beni Würth mag Dürr nicht eingehen. Ob Bauernpräsident Ritter in den städtischen Gebieten gepunktet hätte, ist fraglich. Regierungsrat Würths Interesse an Bern dürfte in vier Jahren ausgeprägter sein als heute. Dass die Partei dannzumal wieder mitmischen will, hat sie gestern klargemacht: «Jetzt gilt es, die Kräfte zu bündeln für die Kantons- und Regierungsratswahlen und dann in vier Jahren wieder für den Ständerat anzutreten», heisst es in der Medienmitteilung.

Bürgerlicher Kanton

Nach dem Verzicht der CVP ist für SVP-Präsident Herbert Huser klar: «Nun gibt es noch einen bürgerlichen Kandidaten.» Befürchtet er nicht, dass sich – wie vor vier Jahren – eine breite Allianz gegen die SVP bilden wird? Huser verneint: «Das wird in jener Form nicht mehr der Fall sein.» St. Gallen sei ein durch und durch bürgerlicher Kanton – «nach den Gewinnen von FDP und SVP noch stärker als bisher». 80 Prozent der St. Galler Bevölkerung hätten am Wochenende bürgerlich gewählt – «ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Kanton nochmals denselben Fehler wie vor vier Jahren macht und sich für eine weitere Legislatur durch einen linken Gewerkschafter in Bern repräsentieren lassen will. Das kann es nicht sein.»

Husers Einschätzung von Rechsteiners Leistungsausweis fällt kurz aus: «Mehr als mager.» Er habe ihn stets als Gewerkschafter und nicht als Vertreter des Kantons wahrgenommen. An das Bahn-Y erinnert, meint Huser: «Ob dieses derart matchentscheidend für den Kanton sein wird, erschliesst sich mir nicht und ist noch völlig offen.»

SVP erwartet Unterstützung

Huser weiss wohl, dass die SVP alleine nicht reüssieren wird. «Wir sind auf die Unterstützung anderer bürgerlicher Parteien angewiesen.» Seine Erwartungen sind klar: FDP und Teile der CVP müssten Thomas Müller unterstützen. «Jetzt sind die Fronten geklärt», sagt Huser, «jetzt geht es um links gegen bürgerlich.»

FDP-Präsident Marc Mächler sagt dazu lediglich: «Wir werden Hearings mit den Kandidaten durchführen und dann entscheiden, wen wir unterstützen.» Und wie sieht es bei der CVP aus? «Die Delegierten entscheiden morgen abend», sagt Dürr. Bekannt ist der Vorschlag der Parteispitze: Sie will keine Wahlempfehlung abgeben.

«Komfortable Situation»

SP-Präsidentin Monika Simmler reagiert gelassen auf die SVP-Äusserungen. Der zweite Wahlgang werde zu einem «1:1-Abrieb» und zu einer Links-rechts-Auseinandersetzung – «umso mehr, als der SVP-Kandidat alles andere als ein gemässigter Kandidat ist». Die Ausgangslage für Rechsteiner schätzt sie als «komfortabel» ein – und: «Er versteht es, weit ins bürgerliche Lager hinein zu mobilisieren.»