Der Terror und wir

Leitartikel zum Anschlag in London

Pascal Hollenstein,
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Menschen in Grossbritannien trauern um die Opfer des Anschlags von London. (Bild: Robert Perry/EPA (Carlisle, 4. Juni 2017))

Menschen in Grossbritannien trauern um die Opfer des Anschlags von London. (Bild: Robert Perry/EPA (Carlisle, 4. Juni 2017))

Am Pfingstsamstag also London. Wieder ein Kleinlaster. Wieder Messer. Wieder Tote und Verletzte. Zuvor der Anschlag auf das Diplomatenviertel in Kabul (Sprengstoff), auf koptische Christen in Ägypten (Schusswaffen), ein Selbstmordanschlag auf Konzertbesucher in Manchester (Sprengstoff). Wikipedia ist keine offizielle Quelle, aber bisweilen eine recht verlässliche. 38 Terroranschläge hat das Internet-Lexikon in diesem Jahr gezählt. Die allermeisten davon waren sicher oder höchstwahrscheinlich islamistisch motiviert. Auf der Liste fehlen die Tötungen, Vergewaltigungen und Folterungen der Islamisten in ihrem direkten Einflussgebiet. Es fehlt die alltägliche Unterdrückung von Frauen, Homosexuellen, Christen, Andersdenkenden. Kein Lexikon ist in der Lage, dieses Panoptikum des Grauens zu erfassen.

Terror ist nicht zur Normalität, aber längst zur Routine geworden. Für die Politik, die jeden Anschlag verurteilt, Verbesserungen der Sicherheitsvorkehrungen verspricht und gelobt, man werde die Werte unserer Zivilisation verteidigen. Für die Öffentlichkeit, welche all das zur Kenntnis nimmt und sich – zu Recht – fragt, weshalb die Versprechungen keine Früchte zu tragen scheinen. Und für uns Medien. Nach dem Terror folgt der Push auf die News-App, es folgt der Newsticker, der erste Kommentar, die Hintergrundgeschichte über dieses oder jenes Quartier, in dem sich der Anschlag ereignet hat, über diesen oder jenen Täter und wie er sich radikalisiert hat. Es folgen die Spekulationen zur Frage, ob dieser oder jener Geheimdienst die Täter wohl im Visier gehabt habe. Es folgen Interviews mit so genannten Experten. Und es folgen – auch hier – wohlmeinende Sonntagspredigten zum Wert der Freiheit, wider die totale Überwachung des Bürgers und zur Notwendigkeit der Verteidigung unserer Art zu leben. Und dann folgt: Das Vergessen. Bis zum nächsten Anschlag.

Wir Medien haben für die publizistische Begleitung von Terroranschlägen ein mehr oder weniger fixes Drehbuch entwickelt. Wir lassen uns treiben von dem, was wir als öffentliches Interesse werten. Die Leser in Print und Online, die Fernsehzuschauer und Radiozuhörer, so glauben wir, haben ein Recht auf Information. Also liefern wir. Im Sekundentakt, wenn es sein muss. Kein Aspekt ist bisweilen zu belanglos, um zur Nachricht zu werden. Beim jüngsten Anschlag entblödete sich selbst eine angesehene Zeitung nicht, den Anstieg der Opferzahl von sechs auf sieben per Push-Meldung kundzutun. Als ob diese Differenz irgendeine Relevanz für den politischen Umgang mit dem Islamismus hätte.

Die Wahrheit ist: Auf dem moralischen Hochsitz in unseren Redaktionsstuben drohen wir zu Aasgeiern des Terrors zu werden. Manche sagen: Zu Komplizen der Terroristen. Denn wäre der Terrorismus nicht wirkungslos, wenn seine Botschaft nicht in Windeseile um den Globus getragen würde? Der Schrecken hat keine Macht über uns, wenn wir von ihm nichts wissen. Und die fehlgeleiteten Existenzen, die diese Brutalitäten begehen, sie hätten keinen Vorbildcharakter für weitere Täter, wenn man über sie nichts erführe. Welche Ironie, dass ausgerechnet an Pfingsten der Hass zur globalen Botschaft wurde!

Die Wahrheit ist aber auch: Genauso wie wir Journalisten haben unsere Leser eine beängstigende Routine entwickelt. Ein Anschlag wie jener von Manchester hätte noch vor wenigen Jahren die Öffentlichkeit über lange Zeit beschäftigt. Heute vernimmt es das Publikum – und geht grossmehrheitlich zum Tagesgeschäft über. Die Klickzahlen auf den Onlineportalen sind ein recht guter Gradmesser für das Publikumsinteresse. Sie zeigen: Terror ist längst kein Strassenfeger mehr. Man mag das alles nicht mehr lesen. In dieser Zeitung hat letzte Woche ein Interview mit dem Kinderarzt Remo Largo das Publikumsinteresse messbar besser getroffen als die Berichterstattung über Manchester.

Soll man den Terror deshalb ignorieren? In der Debatte ist gelegentlich der Einwurf zu hören, es stürben in Westeuropa weit mehr Menschen in Verkehrsunfällen als in Terroranschlägen. Es gebe deshalb keinen Grund, diesen besonderes Augenmerk zu schenken. Der Einwand beruht auf einem Denkfehler: Individuelle Angst entzieht sich der statistischen Rationalität. Aggregierte Ängste aber sind, wie gerade wir Schweizer aus der Auseinandersetzung etwa um die Atomenergie oder die so genannte Masseneinwanderung wissen, machtvolle Treiber der Politik. Und darum geht es doch auch hier: Wie reagieren wir politisch auf den islamistischen Terror?

Das ist die Kernfrage, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Denn es geht um nichts weniger als um unsere Gesellschaft und das Leben unserer Nachfahren. Was tun wir gegen islamistische Parallelgesellschaften? Wie verhindern wir die Immigration von Islamisten, wie die Radikalisierung junger Muslime in unserer Mitte? Welche Rolle spielte der Westen in den Ursprungsländern des Islamismus, und welche soll er spielen? Wie viel Freiheit können, müssen oder dürfen wir opfern, um die Sicherheitslage zu verbessern? Und wie viel Toleranz liegt noch drin? Hier geht es ums grosse Ganze, ums Politische. Die journalistische Atemlosigkeit nach jedem Anschlag hingegen, sie bringt uns nicht weiter.

Eine Zeitung, ob gedruckt oder als E-Paper, hält jeden Tag einmal die Uhr an und fragt: Was ist wirklich wichtig? So auch diesmal. Wir haben uns entschieden, in dieser Ausgabe auf eine Berichterstattung über das Londoner Attentat zu verzichten. Die Täter waren Islamisten, es gab Tote. Mehr braucht man im Grunde nicht zu wissen. Stattdessen publizieren wir eine leere Seite. Im Gedenken an die Opfer des islamistischen Terrors. Und als Zeichen, dass wir uns von diesen erbärmlichen Gewaltverbrechern mit ihrer primitiven Ideologie nicht die Agenda diktieren lassen.

Es ist dies ein kleiner Anstoss zur Debatte. Mit den Lesern, mit der Politik und mit Vertretern anderer Medien. Aber machen wir uns nichts vor: Wir Medien haben schon lange die Herrschaft über die Information verloren. Selbst wenn diese Zeitung es täte – die Verbreitung des Schreckens lässt sich nicht ohne Weiteres beenden. Klug wäre das obendrein nicht. Information darf man nicht unterdrücken oder undurchsichtigen Portalen überlassen. Die Öffentlichkeit muss wissen, was ist und sie hat Anspruch auf Einordnung – auch und gerade, wenn einige beginnen, die Augen zu verschliessen. Wir werden also nach dieser Zäsur wieder über den Terror berichten. Berichten müssen. Immer mit dem Bestreben, in der Hektik den Blick für das wirklich Wichtige nicht zu verlieren.

Pascal Hollenstein,

Leiter Publizistik

pascal.hollenstein@tagblatt.ch