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Der bockige Rheintaler Moslem

Kopftuch in Schule erzwungen, Schwimmen und Skilager verweigert: Seit Jahren streitet ein moslemischer Familienvater mit den Behörden. Die SVP will ihn aus dem Land werfen, die CVP fordert strenge Integrationsregeln. Ein Hausbesuch bei einem kompromisslos Strenggläubigen.
Marcel Elsener/Andri Rostetter
Emir Tahirovic mit seinem Sohn und den beiden jüngeren Töchtern vor seinem Wohnhaus in St. Margrethen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Emir Tahirovic mit seinem Sohn und den beiden jüngeren Töchtern vor seinem Wohnhaus in St. Margrethen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Wer ist dieser Mann? Wer ist dieser renitente Moslem, der schweizweit die Volksseele zum Kochen bringt, weil er Sonderrechte für sich einfordert? Der seine Tochter schnurstracks aus der Schule holt, wenn der Lehrer spontan einen Badibesuch ansetzt? Der schon im Gefängnis sass, weil ihm sein Glaube an Allah wichtiger ist als die Schweizer Gesetze? Kann man mit ihm reden? Lässt er Leute ins Haus, die nicht an seinen Gott glauben? Nimmt er das Telefon ab? Hat er überhaupt ein Telefon?

«Kein Problem, kommen Sie morgen nachmittag vorbei. Und erschrecken Sie nicht, wenn meine Frau Ihnen die Hand nicht gibt. Das machen Moslems so.» Emir Tahirovic hat also ein Telefon. Und er lässt jeden in sein Haus, der darum bittet.

Immer wieder entlassen

Tahirovic sitzt vor dem Haus in St. Margrethen, einem heimattümelnden Strickbau an der Umfahrungsstrasse. Der 40jährige Bosnier bewohnt mit seiner Frau und seinen vier Kindern eine Vierzimmer-Wohnung. Die Industrie liegt in Sichtweite, vor dem Haus fahren die Lastwagen im Minutentakt vorbei.

Die Familie lebt von der Sozialhilfe, Tahirovic findet seit Jahren keine feste Stelle mehr. «Sie wollen mich immer nur testen», sagt er. Eine Stelle über die Gemeinde, ein paar Monate Arbeit, dann wird er wieder entlassen. Grundlos, wie er meint. Wie zuletzt im Brockenhaus. «Besteck sortieren, Geschirr ordnen. Ich fühlte mich wie ein Fisch im Wasser.» Doch dann plötzlich die Kündigung. «Die Leute reden nicht mit mir. Es heisst einfach, es geht nicht mehr, du musst gehen.» In Beschäftigungsprogrammen hat er als Schreiner und als Lastwagenfahrer gearbeitet. Die Arbeitszeugnisse sind gut; sein handwerkliches Geschick, seine Zuverlässigkeit und sein angenehmer Umgang werden hervorgehoben. Probleme gab es da und dort wegen seiner Gebetszeiten – zweimal fünf Minuten, sagt Tahirovic, selbstverständlich habe er dafür jeweils die Pausen gebraucht.

Nun versucht er sich anderweitig zu beschäftigen. Er passt auf die Kinder auf, sitzt am Computer. Er würde gern als Grafikdesigner arbeiten. «Photoshop beherrsche ich ziemlich gut, ich habe ein paar Logos für Bekannte gemacht.» In Bosnien würde er sich selbständig machen.

Im Militär zu Allah gefunden

Bosnien: 1990 verliess er sein kriegserschüttertes Herkunftsland, als 15-Jähriger. Kam zunächst nach Walzenhausen, machte eine Lehre als Servicefachangestellter im Kurhotel Heiden, arbeitete danach in einem Restaurant in St. Gallen.

1999 geht er zurück in die Heimat, in den Militärdienst. Der Vater hatte ihm dazu geraten. «Ein guter Ratschlag», sagt Tahirovic. Und einer, der sein Leben verändern sollte: In seiner Kompanie lernt er einen älteren Kameraden kennen, einen Mann, der sein Leben streng nach Allah ausgerichtet hat. Und der «keine Spielchen macht wie die andern, nicht lügt und betrügt». «Er hat mir die Augen geöffnet», sagt Tahirovic. Er kehrt zurück in die Schweiz, hört auf zu rauchen und beginnt die Gesetze von Hanafiyyah zu studieren, der ersten der vier Schulen des orthodoxen sunnitischen Islams. Er lässt seinen Bart wachsen, das sichtbare Merkmal eines strenggläubigen Moslems, und er hat ihn bis heute nicht mehr geschnitten.

Mit am Tisch sitzt die älteste Tochter, sie ist 13 und geht in die Realschule. Wegen ihr stand Tahirovic mehrfach vor Gericht, es ging um das Kopftuch. Für ihn auch das ein wichtiges Zeichen seines Glaubens. Mittlerweile hat das Verwaltungsgericht der Familie recht gegeben, die Tochter darf mit dem Kopftuch in die Schule, zumindest vorläufig, bis das Bundesgericht die Sache entschieden hat.

Auch in einem anderen Fall streitet die Familie noch mit den Behörden: Im Februar hat Tahirovic seiner Tochter die Teilnahme am Skilager verweigert. Jetzt läuft ein Rekursverfahren vor dem Bildungsdepartement. Tahirovic will, dass man seine Tochter nachträglich vom Skilager dispensiert. Seine Begründung: Aus Sicht eines strenggläubigen Moslems dürfen Kinder nicht ohne die Eltern übernachten. «Ich habe der Schule angeboten, dass ich mitgehe und ebenfalls dort übernachte. Doch das wollten sie nicht.» Seine Frau schüttelt den Kopf, als könne sie es immer noch nicht glauben. «In anderen Gemeinden ist das doch auch möglich. Warum in St. Margrethen nicht?»

In einem Punkt haben sie nun recht bekommen: Das Verwaltungsgericht hat entschieden, dass Tahirovic die Kosten des Verfahrens nicht übernehmen muss, egal wie es herauskommt.

Anwältin oder Dolmetscherin

Wegen des Kopftuchstreits hat die Tochter ein Semester verloren, wie sie sagt. Sie – und ihr Vater – durften das Schulareal nicht betreten, die Mutter holte wöchentlich die nötigen Schulunterlagen. Die Tochter geht indes gern in die Schule und ist ehrgeizig. «Ich will in die Sek wechseln. Ich bin gut genug.» Die Mutter bestätigt: «Sie ist die Beste in ihrer Klasse.» Später will sie einmal Anwältin oder Dolmetscherin werden. Neben der Mutter ist sie die einzige, die ein Kopftuch trägt. Die anderen beiden Töchter sind noch zu jung. Doch schon jetzt ist absehbar, dass es in ihrem Fall wieder zum Streit kommt.

Zum Beispiel wegen des Schwimmunterrichts: Sobald die weiblichen Formen unter der Kleidung erkennbar werden, müssen sich die Töchter verhüllen. Aus Respekt vor Allah. Die Schule habe ihnen angeboten, dass die 13-Jährige mit einem Taucheranzug am Schwimmunterricht teilnimmt. «Sie nennen es Burkini», sagt Tahirovic und winkt ab. Er will nichts davon wissen. «Die Schamteile sind erkennbar.»

Die Kinder sollen trotzdem schwimmen lernen. Jeden zweiten Sonntag geht er deshalb ins St. Galler Volksbad. Zusammen mit einer Gruppe, «wir haben viel Spass». Er mit dem Sohn, die Mutter mit den Töchtern.

«Wir sind die Schlechtesten»

Die Wohnung ist eng, spärlich möbliert. An der Küchentür hängen Kinderzeichnungen, auf der Anrichte liegen Smartphone und ein älterer Laptop. Wir reden von den Konflikten und den Folgen für das Leben der Familie. «Warum klappt es bei uns nicht, wenn es sonst so viele Ausnahmen gibt?» Mutter Mirzeta kann nicht begreifen, wie ihnen geschieht. Sie redet sich in Rage: «Warum reagieren die so hart in Schulfragen, die man lösen könnte? Als ob wir die schlechteste Familie wären und den Ruf aller Ausländer gefährdeten.» Dabei würden viele Unwahrheiten verbreitet.

Zum Beispiel habe ihr Mann zwar mit der Schulleiterin Probleme gehabt, aber sicher nicht grundsätzlich die Zusammenarbeit mit Lehrerinnen verweigert. Ungläubig lachen müssen die beiden, als die Verweigerung von Elternabenden zur Sprache kommt. «Stimmt alles nicht. Ein einziges Mal vielleicht fehlten beide von uns an einem Elternabend.» Nie hätte sie gedacht, sagt Frau Tahirovic, dass ihre Familie wegen «dieser Sachen» einmal Gefahr laufen würde, das Land verlassen zu müssen. «Wir haben überhaupt nichts gemacht.» Kürzlich habe sie einen selbstgemachten Käsefladen zum Fussballspiel ihres Buben gebracht, doch «alle gingen auf Abstand». Traurig sei dies und bei ihrem Mann noch schlimmer: «Jeder meint, er explodiere gleich, wie ein Terrorist.»

Glaubensgruppe aufgelöst

Emir Tahirovic nickt. «Seit das Integrationsprogramm läuft, wird uns alles genommen und verboten.» Was meint alles? «Unseren Gebetsort, unsere Gruppe. Dass ich mein Freitagsgebet mache, dass ich am Arbeitsplatz mit Kollegen spreche und so weiter.» Wenn er nachfragte, blieben die Begründungen vage. «Sie sagen, ich sei ein Hirnwäscher.» Die Moschee hätten er und seine «Brüder» vor Jahren verloren, ein zugesagter Ersatzraum sei ihnen von der Gemeinde kurzfristig wieder entzogen worden. «Niemand will mit uns zu tun haben. Obwohl wir den ersten Gebetsraum im Land hatten, der frei war von Extremisten», behauptet Tahirovic. «Damals wurde in andern Moscheen noch für Bin Laden und Al-Qaida gesprochen und der Aufstand verkündet.» 13 «Brüder» seien sie gewesen, Anhänger einer gewaltfreien, traditionellen Islam-Version. Unter dem Druck fielen sie auseinander. Zwei zogen in die Anonymität Zürichs, einer ist «durchgedreht» und seither in der Psychiatrie, einer beging Selbstmord – ausgerechnet der Schweizer, der mal bei den Zeugen Jehovas war und dann als Konvertit «fertiggemacht» wurde, bis er vom Hochhaus sprang.

Er will zurück nach Bosnien

Jetzt ist Tahirovic allein. Zum Beten geht er in die mazedonische Moschee in Rorschach, die wegen extremistischer Moslems schon in die Schlagzeilen kam. Wie extrem ist Tahirovic selber? «Ich bin Salafist, kein Terrorist.» Weder Kampf noch Politik interessierten ihn, sondern nur der friedfertige Islam, der «richtige Jihad, ohne falsche Führer». Selbstverständlich halte er sich an die Schweizer Gesetze, «jede gesetzliche Ordnung ist besser als die Anarchie».

Und die Bussen und Gefängnisstrafen wegen der Streitereien mit der Schule? Ein Widerspruch? Nicht für Tahirovic. «Ich würde nie mehr anders leben wollen», sagt er. Dafür würde er sogar das Glück der Familie aufs Spiel setzen. «Wichtiger als alle Umstände ist, dass ich meine Religion mit meiner Familie praktizieren kann.» Sprich: Er will zurück nach Bosnien. «Ich wollte immer zurück. Aber meine Familie will nicht.» Seine Frau, seit 15 Jahren in der Schweiz, möchte die aufgebaute Existenz nicht aufgeben und die Kinder nicht aus ihrem Umfeld reissen. «Hier ist alles, was wir haben, in Bosnien ist nichts», sagt sie. Und: «Hier hat es trotz allem viele gute Leute.»

Sorgen wegen der Kinder

Wie es weitergeht? Schweigen, Schulterzucken. Der Vater schenkt bosnisches Fanta aus, «Fanta blau, ein Hit, wie Sauser, und günstig». Blueberry, präzisiert die Tochter, englisch. Warum er mit der Presse sprechen will? «Wegen des Drucks von der SVP und jetzt auch von der CVP.» Angst habe er keine, jedenfalls nicht um seine Person, aber wegen der Kinder mache er sich schon Sorgen. Er kann nicht verstehen, warum er von der Schule und nun auch von der Politik nicht in Ruhe gelassen wird.

Wenn nur der Bart nicht wäre

Noch einmal ist von den «kleinen Problemen» die Rede, die sich «mit ein bisschen Akzeptanz» doch lösen liessen. Aber eben: «Niemand will mit uns zu tun haben.» Sogar die moslemischen Freunde wandten sich von ihm ab, sagt Tahirovic. «Ich weiss nicht, warum, ich bin offen und diskutiere gern.» Die Isolation will so gar nicht zu dieser freundlichen Familie passen. Und zum oft aufblitzenden Schalk des Mannes. Er wirkt keineswegs bedrohlich. Man könnte ihn sich in einer Jass- oder Kegelrunde vorstellen. Wenn nur dieser unheimliche Bart nicht wäre.

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