Der Banker und der Mächler

Die St. Galler Freisinnigen haben einen freien Sitz in der Regierung zu verteidigen. Sie trauen das Parteipräsident Marc Mächler zu. Der Banker jongliert gekonnt mit Zahlen – und mit Vorurteilen ihm gegenüber.

Regula Weik
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«Die Haushaltssanierung steht auf dünnem Eis», sagt Marc Mächler, FDP-Kandidat für die Regierungsratswahlen. (Bild: Ralph Ribi)

«Die Haushaltssanierung steht auf dünnem Eis», sagt Marc Mächler, FDP-Kandidat für die Regierungsratswahlen. (Bild: Ralph Ribi)

WITTENBACH. Er wollte in die Industrie. Doch da wurde ihm ziemlich direkt beschieden: falsche Ausbildung. Marc Mächler hatte gerade sein Studium in Volkswirtschaftslehre an der HSG abgeschlossen. So landete er im Bankwesen – wo er ursprünglich ganz und gar nicht hin wollte. Heute ist Mächler 45 und noch immer bei der Bank. Ganz so übel scheint die «Alternative» zur Industrie nicht gewesen zu sein. Damals sei es kein Makel gewesen, bei einer Bank zu arbeiten. «Später schon», schaut Mächler auf die jüngere Vergangenheit zurück. Es habe Zeiten gegeben, in denen er seinen Beruf niemandem «aufgedrängt» habe. «Es war nicht immer lustig, Banker zu sein.»

«Arrogant, steif, strebsam»

Wer sich über Mächler umhört, merkt rasch, wovon er spricht. Er sei «ein typischer Banker», heisst es etwa. Er sei «arrogant, steif, strebsam». So komme er jedenfalls rüber, wird da und dort relativierend nachgeschoben. Ganz so genau wissen es die wenigsten – denn: Wer will schon allzu nahe mit einem Banker verkehren?

«Humorvoll, locker, geistreich»

Und was sagen jene, die ihn besser kennen? Er sei weit lockerer und spontaner, als sein Äusseres erahnen lasse. «Ein humorvoller und geistreicher Typ», sagt Parteikollege und erinnert sich an gemeinsame Bahnfahrten, während denen Mächler «halbe Waggons unterhalten hat». Und er sei weltoffen, keineswegs kleinkariert oder konservativ, wie seine Hornbrille – möglicherweise – vermuten lasse. Bekannt ist: Mächler reist gern. Am liebsten in fremde Länder. Er ist neugierig nach anderen Kulturen, anderen politischen Systemen.

Mächler ist der amtsälteste Präsident einer St. Galler Kantonalpartei. «Wenn ein Verfalldatum darauf stünde, wäre ich längst weg.» Mächler steht seit zehn Jahren den Freisinnigen vor. Seit 15 Jahren politisiert er im Kantonsparlament, zuvor hatte er vier Jahre dem Zuzwiler Gemeinderat angehört, noch früher der Geschäftsprüfungskommission der politischen Gemeinde Zuzwil. «Die klassische Ochsentour eben», sagt er, und augenzwinkernd fügt er an: «Parteikollege Marcel Dobler würde wohl sagen: Marc, du hast etwas gar viel Zeit verloren, bis du etwas erreicht hast.» Der politische Quereinsteiger ist vor zweieinhalb Wochen auf Anhieb in den Nationalrat gewählt worden.

Augenmerk auf Finanzen

Mächlers Flair für Zahlen ist hinlänglich bekannt. An seiner Finanzkompetenz hat am Mittwochabend in Wittenbach kaum ein Delegierter gezweifelt (Ausgabe von gestern). Er verstehe die Mechanismen der Finanzen und der Finanzwelt, meint einer anerkennend. Mächler verspricht, auch künftig ein Augenmerk auf die Kantonsfinanzen zu haben, denn diese seien nach wie vor «fragil». Die Haushaltssanierung stehe «auf dünnem Eis». Das schreckt ihn nicht ab. Stürze ins Wasser ist er gewöhnt, Tauchen ist sein Hobby.

In den sauren Apfel gebissen

Die diversen Finanz-, Steuer- und Spardebatten im Kantonsparlament haben gezeigt: Mächler kann hartnäckig sein. Doch er weiss: «Es braucht Kompromisse.» Und: «Politische Erfolge setzen überparteiliche Zusammenarbeit voraus.» Ab und zu beisst er auch in einen sauren Apfel – so beim Pendlerabzug; seine Zustimmung zur Begrenzung des Abzugs dürfte frei von Bauchweh gewesen sein.

An Mächlers fachlichen Fähigkeiten für ein Regierungsamt zweifeln selbst politische Gegner kaum. Er sei «einer der gescheitesten Köpfe seiner Fraktion», er sei ein verlässlicher Gesprächspartner und denke durch und durch politisch. Wen wundert's: Die Hälfte seines Lebens übt Mächler bereits ein politisches Amt aus.

Zur Politik fand er zügig, etwas weniger rasch zur Frau. Er habe etwas länger gebraucht, sagt der dreifache Familienvater. Seine Frau ist Logopädin – «also sicher keine Freisinnige» habe anfangs ein Parteikollege stirnrunzelnd konstatiert, erzählt Mächler vergnügt. Heute stimme seine Frau öfter wie er – «ganz ohne Einfluss blieb ich nicht».

Mächler wuchs in Zuzwil auf und wohnt mit seiner Familie heute noch dort – «so richtig ein Langweiler», sagt er und nimmt damit seine Kritiker gleich selbst auf die Schippe.