Der Anruf mitten in der Nacht

Doppelbürgerin Vicki Gabathuler verfolgte den US-Wahlkampf intensiv – einerseits im US-Bundesstaat Tennessee, andererseits zu Hause in Gams. Sie schildert ihre Beobachtungen und Erfahrungen.

Thomas Schwizer
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Vicki Gabathuler: «Auch für manche überzeugte Republikaner ist Donald Trump nicht wählbar, doch eine Demokratin wählen kommt für sie nicht in Frage.» (Bild: Robert Kucera)

Vicki Gabathuler: «Auch für manche überzeugte Republikaner ist Donald Trump nicht wählbar, doch eine Demokratin wählen kommt für sie nicht in Frage.» (Bild: Robert Kucera)

Um genau 2.22 Uhr früh läutete Vicki Gabathulers Handy in Gams. Am Telefon war ein Wahlkomitee-Mitarbeiter des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, der offensichtlich die Zeitverschiebung nicht berücksichtigt hat. Bei der schweizerisch-amerikanischen Doppelbürgerin Vicki Gabathuler war er nicht erfolgreich. Sie hat das Telefon rasch aufgehängt. Im Nachhinein wundert sie sich, wie der Anrufer zu ihrer Handynummer gekommen ist.

Donald Trump als Präsident verhindern

Sie selbst wird ihr Wahlrecht in den USA nicht ausüben (siehe Kasten). Doch wen würde sie bevorzugen? «Ich würde Hillary Clinton wählen», macht Gabathuler klar – obwohl auch diese nicht ihre absolute Wunschkandidatur sei. Aber es gelte in erster Linie, Donald Trump als Präsident zu vermeiden.

Kürzlich besuchte die Gamserin Verwandte in Tennessee. Dieser Bundesstaat ist traditionell fest in der Hand der Republikaner. Ihre Schwester, eine Lehrerin für Politik, habe demokratisch gewählt. Das habe zu Hause beim Vater für grossen Ärger gesorgt. Am 8. November, wenn die Präsidentschafts-Würfel fallen, würden in Tennessee auch manche überzeugten Republikaner nicht wählen, wie sie ihr schilderten. «Donald Trump ist für sie nicht wählbar und gefährlich, aber eine Demokratin wählen kommt für sie nicht in Frage», sagt Gabathuler im Gespräch mit dem W&O. Zudem würden sie Hillary Clinton als Lügnerin empfinden, indem sie Bezug auf deren E-Mail-Affäre nehmen. Der Demokratin Hillary Clinton werde vorgeworfen, sie sei Teil des politischen Establishments in Washington.

«Wir brauchen etwas total anderes in der Regierung als bisher»: Selbst gut gebildete Leute würden so begründen, dass sie Trump wählen.

«Republikaner rückten von Grundsätzen ab»

Doch eine einzelne Person könne in der politischen Maschinerie Washington nicht alles ändern, sagt Gabathuler. Zudem wisse niemand, was Trump wirklich ändern würde – und auch nicht wie. Zudem sei wesentlich, welche Berater er nach der Wahl bestimmen werde, denn deren Einfluss auf einen Präsidenten sei sehr gross. Im Gegensatz zu Trump habe Clinton 23 Jahre Erfahrung in der US-Politik und man wisse, wie sie tickt, so Vicki Gabathuler. Sie selbst wählt seit dem Jahr 2000 nicht mehr in den USA, weil damals ihre Stimme in Florida – wo sie ihren letzten Wohnsitz in den USA hatte – nicht gezählt wurde. Damals ist Demokrat Al Gore in der Präsidentenwahl am Republikaner George W. Bush hauchdünn gescheitert – auf sehr umstrittene Weise. Sie sei republikanisch geprägt, stellt sie fest. «Möglichst wenig Staat, möglichst viel Eigenverantwortung» sei eigentlich die Basis der republikanischen Partei. Leider sei die republikanische Partei in den Vereinigten Staaten aber zunehmend von diesen Grundsätzen abgerückt.

Der steinreiche Donald Trump

Wegen der Grösse des Landes brauche man enorme finanzielle Mittel, um in der nationalen Politik vorwärtszukommen. «Nur wer steinreich ist oder finanzkräftige Unterstützer hat, hat eine Chance», bedauert Vicki Gabathuler. Selbst Republikaner würden sich wundern, wie Trump so weit gekommen ist. «Wegen des Geldes?», lautet ihre rhetorische Frage.

Sie verfolgt den US-Wahlkampf vor allem im TV auf CNN oder CNBC, aber auch in Schweizer Medien. In den USA wisse man, welche Medien republikanisch oder demokratisch ausgerichtet seien. Doch selbst stur republikanische Sender wie Fox News würden in diesem Wahlkampf kritisch über Donald Trump berichten. Gibt es einen Unterschied in der Berichterstatterin der Medien in den USA und der Schweiz? In der Schweiz sei das Erstaunen grösser, dass Trump echte Chancen auf die Präsidentschaft habe, sagt Vicki Gabathuler.

Daueranrufe und das Waffenrecht

Als sie bei ihren Verwandten in Tennessee war, habe während des Abendessens das Telefon fast pausenlos geklingelt und Wahlkampfhelfer hätten um Stimmen für Donald Trump geworben, aber vor allem auch um Wahlkampfspenden. Um in Ruhe essen zu können, habe man schliesslich das Telefon während dieser Zeit ausgesteckt.

Da im republikanischen Tennessee Hillary Clinton eh keine Chance habe und nur wenig Wahlmännerstimmen vergeben werden, verzichte die Demokratin hier auf einen aktiven Wahlkampf. Jeder Kandidat konzentriere sich auf die «eigenen Staaten» und die Swing States, die einmal demokratisch und dann republikanisch wählen würden. Letztere würden über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Wie wird die Wahl ausgehen? Vicki Gabathuler hofft auf Hillary Clinton. Ob die traditionell republikanischen Wähler trotz der Empörung über ihren Kandidaten letztlich nicht doch Trump wählen, sei schwer zu sagen. Zudem habe in den Südstaaten die Waffenlobby viel Einfluss, und Trump habe dort viel Goodwill, weil er gegen jegliche Einschränkung im Waffenrecht sei.

Bild: Thomas Schwizer

Bild: Thomas Schwizer

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