«Den Fokus von Hotspots lösen»

Braucht die Ostschweiz eine ETH? Die Frage wirft Kurt Weigelt auf, um sie gleich selber bejahend zu beantworten. Erste Reaktionen zeigen: Der Direktor der Industrie- und Handelskammer muss noch wacker Überzeugungsarbeit leisten.

Regula Weik
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IHK-Direktor Kurt Weigelt, Nationalrat Andrea Caroni und Empa-Direktor Gian-Luca Bona (von links) diskutieren unter der Leitung von Robert Stadler, stellvertretender IHK-Direktor. (Bild: Urs Bucher)

IHK-Direktor Kurt Weigelt, Nationalrat Andrea Caroni und Empa-Direktor Gian-Luca Bona (von links) diskutieren unter der Leitung von Robert Stadler, stellvertretender IHK-Direktor. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Das Areal Wil West erfülle alle Voraussetzungen «für den Aufbau eines zusätzlichen Standorts für die ETH Zürich», sagt Kurt Weigelt, Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell. Das Gelände sei verkehrstechnisch gut erschlossen, gehöre dem Kanton St. Gallen und liege im Kanton Thurgau. Und der Masterplan gehe von bis zu 3000 möglichen Arbeitsplätzen aus und von einer Nutzfläche von 300 000 bis 500 000 Quadratmetern. Ein ideales Gelände also, um Weigelts Idee einer «ETH Science City Wil» zu realisieren, – ein Vorschlag, dem viel Skepsis entgegenschlägt, wie die anschliessende Podiumsdiskussion zeigt.

Weg von der Zentralisierung

Die Ostschweiz habe bereits zwei ETH, stellt etwa Gian-Luca Bona, Direktor Empa Dübendorf, fest. Das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos und die Empa in St. Gallen. Er hält nichts von einem Ausbau. Auch der Ausserrhoder Nationalrat Andrea Caroni ist mit den heutigen beiden «ETH-Zweigstellen» ganz zufrieden.

«Nicht die Ostschweiz braucht eine ETH, sondern die Schweiz braucht einen ETH-Standort in der Ostschweiz», hält Weigelt dagegen. Seine Forderung sei nicht regionalpolitisch motiviert – «es geht hier nicht um regionale Interessenpolitik».

Der IHK-Direktor ist vielmehr überzeugt: «Es macht keinen Sinn, die wirtschaftliche Zukunft der Schweiz mit staatlichen Investitionen in zwei oder drei Metropolitanregionen zu konzentrieren. Wir müssen uns von der gedanklichen Fixierung auf einige Hotspots verabschieden.»

Ansporn für Start-ups

Weigelt lenkt dennoch den Blick nochmals auf die Ostschweiz und hält fest: Sie gehöre gemeinsam mit dem Fürstentum Liechtenstein und dem Vorarlberg zu den höchstindustrialisierten Regionen Europas. «Im Gegensatz zur Stadt Zürich wird hier unverändert produziert», so der IHK-Direktor. «Ein Steilpass für alle Disziplinen, die sich mit Engineering, industriellen Prozessen und neuen Materialien befassen.» Und für Start-ups. Der Grossraum Zürich und die Genferseeregion zählten heute zehnmal so viele Unternehmensgründungen wie die Ostschweiz. Ein ETH-Campus in Wil könne Ansporn und Antrieb für weitere sein – in der Ostschweiz.

So fliessen die Bildungsgelder

Weigelt hat auch den Fluss der Bundesgelder für Bildung und Forschung – insgesamt 6,5 Milliarden Franken jährlich – angeschaut und festgestellt: Knapp die Hälfte fliesst in den ETH-Bereich – «also von Bern nach Zürich und in die Waadt». Damit relativiere sich auch die Klage der Geberkantone im nationalen Finanzausgleich. Caroni kann dieser Verknüpfung wenig abgewinnen. Es gehe nicht an, dem Finanzausgleich einzig die Geldflüsse im Bildungsbereich gegenüberzustellen. «Wo bleiben die Gelder in anderen Bereichen? Etwa in der Landwirtschaft?»

Weigelt lässt davon nicht von seiner zentralen Botschaft ablenken: «Die Zukunft der Schweiz findet nicht in Wil West und auch nicht in Dübendorf Ost statt, sondern in einem geschlossenen Wirtschaftsraum zwischen Bodensee und Genfersee, zwischen Chiasso und Basel.»