Das Zuhause als unsicherer Ort

Mit der häuslichen Gewalt greift das fabriggli Buchs für seine Eigenproduktion ein schwieriges, aber sehr aktuelles Thema auf. Regisseurin Brigitte Walk und Produktionsleiterin Hedy Sutter erzählen von ihren Beweggründen.

Corinne Hanselmann
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«Tatort.Liebe.»-Produktionsleiterin Hedy Sutter, Schauspielerin Beatris Senften, Regisseurin Brigitte Walk und Schauspieler Filip Vasic (von links). (Bild: Corinne Hanselmann)

«Tatort.Liebe.»-Produktionsleiterin Hedy Sutter, Schauspielerin Beatris Senften, Regisseurin Brigitte Walk und Schauspieler Filip Vasic (von links). (Bild: Corinne Hanselmann)

BUCHS. «Täglich zwei bis drei Fälle von häuslicher Gewalt im Kanton St. Gallen», stand gerade Ende März im W&O. Eine Feststellung der Polizei. «Es vergeht kaum ein Tag, an dem keine Meldung darüber in der Zeitung ist», sagt die Produktionsleiterin von «Tatort.Liebe.», Hedy Sutter. Zusätzlich sei die Dunkelziffer von solchen Übergriffen sehr hoch.

Am häufigsten sei die Gewalt gegen Frauen und Kinder. Sie ziehe sich durch alle sozialen Schichten und finde meist zu Hause statt. Also gerade dort, wo man Schutz und Geborgenheit suche. Das vermeintlich «sichere» Zuhause wird durch die Gewaltübergriffe der nahestehenden Personen zu einem unsicheren Ort. Denn meist sind die Täter Personen, denen die Opfer zuvor vertraut haben.

Aus realistischem Umfeld

Damit das Theater-Thema einen gewissen Rahmen hat, haben sich Regisseurin Brigitte Walk und Produktionsleiterin Hedy Sutter darauf geeinigt, die Gewalt von Männern an Frauen in den Fokus zu stellen. In Wirklichkeit sind, wenn auch deutlich seltener, auch Männer als Opfer betroffen. Gewalt in einem Theaterstück sei an und für sich nichts neues. Auch in Opern, Krimis und klassischen Theaterstücken gäbe es immer Szenen mit Gewalt, sagt Walk.

In «Tatort.Liebe.» greift die Regisseurin Brigitte Walk das Leben von vier Frauen auf – von der Immigrantin bis hin zur typischen Schweizer Familienfrau. Diese sind zwar fiktiv, könnten aber in der näheren oder weiteren Umgebung jedes Zuschauers leben und innerhalb der Mauern von Haus und Schweigen Gewaltübergriffen – physischer, psychischer oder sexueller Art – ausgesetzt sein. «Wir zeigen die Entstehung, den Verlauf und den Schlusspunkt einer gewaltgeladenen Beziehung», ergänzt Walk. «Es ist ein Bild von hier und jetzt und zeigt, dass aus Liebe plötzlich Gewalt werden kann.»

Von Amateuren und Profis

Sieben Frauen und sieben Männer, von 17- bis 65jährig, gehören zu den Amateur-Schauspielern. Ihnen wird im fabriggli ein professioneller Rahmen geboten mit einem Team aus Kostüm- und Maskenbildnern und Bühnenbauern.

Die Zusammenarbeit sei, auch aufgrund des grossen Altersspektrums, für alle sehr bereichernd. «Es ist uns wichtig, dass wir im fabriggli auch jungen Schauspielern eine Bühne geben», sagt Sutter. Die meisten Akteure spielen gleich mehrere Rollen im Theaterstück. «Es ist wirklich ein Ensemble-Werk aller Beteiligten», so Walk.

Hilfe von Beratungsstellen

Oft versuchen Betroffene nach einem Vorfall von häuslicher Gewalt, dies zu verbergen. Vor den Kindern, vor den Verwandten, den Nachbarn und allen Aussenstehenden. Ein langer Prozess nimmt seinen Lauf. Studien haben aber gezeigt: Ohne fremde Hilfe kommt man aus diesem Teufelskreis kaum raus. «Wir möchten auch zeigen, dass betroffene Frauen und Männer durch fremde Hilfe, wie beispielsweise Beratungen, an der eigenen Beziehung arbeiten können und eine Chance haben, wieder zu einem normalen Zusammenleben zu kommen», sagt Sutter.

An der Rahmenveranstaltung am Freitag, 8. Mai, gibt das fabriggli den Zuschauern im Anschluss an die Vorstellung die Gelegenheit, mit Brigitte Huber von der Opferhilfe SG-AR-AI und Marcel Müller von der Beratungsstelle für gewaltausübende Männer über häusliche Gewalt zu diskutieren. Auch greifen sie Themen aus dem Theaterstück auf.

Dass die Eigenproduktionen vom fabriggli jeweils ein hohes Niveau haben, haben die Projekte der letzten Jahren bewiesen. «Wir hoffen, dass die Leute nun auch für dieses Theater mit einem schwierigen Thema offen sind», sagt die Produktionsleiterin.

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