Das Ticken der guten alten Zeit

Im Museum Schlangenhaus lässt sich in das Leben der einfachen Leute von Werdenberg eintauchen. Nidija Felice kennt hier jeden Stein. Sie führt Gruppen und Einzelpersonen durch das Haus, dessen Baugeschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht.

Bettina Kugler
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Nidija Felice und die Pendeluhr im Museum Schlangenhaus: «Ohne ihr Ticken fehlt mir etwas.» (Bild: Ralph Ribi)

Nidija Felice und die Pendeluhr im Museum Schlangenhaus: «Ohne ihr Ticken fehlt mir etwas.» (Bild: Ralph Ribi)

WERDENBERG. Für Nidija Felice ist es zu einer Art Ritual geworden. Wann immer sie das Haus betritt, und sei es nur, um am Empfang zu sitzen und Besuchern Einlass zu gewähren, hält sie kurz inne. Dann geht sie über den mit Schieferplatten bedeckten Flur ins Stübli und schaut, ob die Pendeluhr an der Wand richtig läuft. Ist sie stehengeblieben, greift sie zur Kurbel, zieht die Uhr vorsichtig auf – und lauscht dem Ticken. Geschichte und Gegenwart verbinden sich in diesem Klang. «Es beruhigt mich, sie ticken zu hören», sagt sie. «Ohne dieses Geräusch fehlt mir etwas.»

Der älteste Balken von 1261

Seit 2013 führt die studierte Biologin Gruppen und Einzelpersonen durch das Schlangenhaus: Schulklassen, Senioren, historisch Interessierte. «Neulich waren Elsässer hier, ältere Leute. Die wollten gar nicht mehr gehen, so begeistert waren sie. Sie fühlten sich zurückversetzt in eine Zeit, die sie als Kind noch erlebt haben.» Sie selbst ist fasziniert von der Baugeschichte des Hauses, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Ihr Lieblingsobjekt? Eigentlich das Schlangenhaus selbst, errichtet auf der einstigen Stadtmauer von Werdenberg.

Selbstbewusst, ein wenig abgesetzt von den übrigen Häusern, steht es in der südlichsten Ecke des Städtchens – und Nidija Felice kennt jeden Stein, jeden Winkel. Alle erzählen sie: von Menschen, die hier mitgebaut und gelebt haben. Im Keller sehen wir den vermutlich ältesten Balken von Werdenberg, sein Eichenholz lässt sich besonders gut datieren: 1261. Oben in der winzigen Dachkammer hat man einen zauberhaften Blick auf das Städtli, auf Schloss und Weinberg.

Zur Begrüssung sitzen wir ein Weilchen im kleinen Barockgarten, geniessen die Morgensonne, den Duft der von Buchs eingefassten Blumenbeete. Bienengesumm, zwitschernde Vögel: schön, im Hier und Jetzt zu sein, mit Nidija Felice den Blick nach oben auf die Giebellukarne mit ihren alten Butzenscheiben zu richten.

Geschenk zur Eröffnung

Um dann wenig später auf kürzestem Wege in andere Zeiten zu gelangen. Von denen beispielsweise die Pendeluhr in der biedermeierlich eingerichteten Stube erzählt. Sie stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; bis 1998 gehörte sie dem Sammler Albert Bicker, der sie dem Museum Schlangenhaus zur Eröffnung schenkte.

Punkt halb elf beginnt sie zu schlagen, nicht ganz so, wie sie sollte. Doch das spielt keine Rolle. «Ihr Ticken sagt mir, dass unsere Zeit vergänglich, begrenzt ist und wir sie nutzen sollen», sagt Nidija Felice. Carpe diem, zu Deutsch «Nutze den Tag», das sei für sie eine Lebensmaxime.

«Gute alte Zeit» ohne Verklärung

Darüber hinaus erinnert die Uhr sie an ihre Kindheit in Istrien, an das Bauernhaus ihrer Grosseltern auf dem Land: Auch dort hing eine solche Pendeluh. Sie strukturierte das einfache Leben auf dem Hof mit Kühen, Schweinen und Ziegen, den von harter Arbeit geprägten Tag. «Wir sprechen gern von der guten alten Zeit. Hier im Museum kann man sie wiederfinden, ohne verklärenden Blick, mit all ihren Mühen. Man spürt auch, dass die Menschen bescheidener waren.»

Viele Gegenstände, wie sie in der Stube und nebenan in der Küche zu sehen sind – mit Draht geflickte Schüsseln, Töpfe für Sauerkraut, das Bügeleisen, das mit Kohle gefüllt wurde – kennt sie aus dem Haushalt der Grossmutter. Sie vergegenwärtigen ihr diese fröhliche, unermüdliche und zufriedene Frau, das Leben von einst. «Sie hat noch alles selbst gemacht, Brot gebacken, eingekocht, Wäsche im Holztrog gewaschen. Und dabei viel gesungen.» Das Wasser hat Nidija Felice als Kind am Brunnen geholt; anstrengend war das, aber auch ein grosser Spass: eine reiche Kindheit in bescheidenen Verhältnissen. Mit elf Jahren kam sie in die Schweiz, ging später in Schaan ins Internat. Und kam über diverse andere Tätigkeiten, unter anderem als Betreuerin und Deutschkursleiterin im Flüchtlingsheim Eichlitten in Gams, zu ihrer neuen Aufgabe im Museum. Eine «Führungsposition», die sie mit spürbarer Leidenschaft ausfüllt. Obwohl man das Schlangenhaus auch allein erkunden kann.

Hörspuren in die Vergangenheit

Am besten bringt man dafür genug Zeit mit, nimmt Platz auf den in den Räumen verteilten Sitzbänken, setzt sich Kopfhörer auf – und lauscht. Dann beginnen die Dinge zu sprechen. Erst im vergangenen Jahr wurde die Ausstellung des 1998 eröffneten Museums völlig neu konzipiert. Wer mag, kann hier eintauchen in das Leben der einfachen Leute von Werdenberg, kann Hörspuren folgen, Alltags- und Einrichtungsgegenstände früherer Zeiten mit Geschichten verbinden. Etwa die Uhr. Die, während Nidija Felice erzählt, leise und unbeirrt mitredet.

Museum Schlangenhaus, Werdenberg, bis 31. Oktober; geöffnet Di–Fr, 11.30–18 Uhr, Sa, So und allgemeine Feiertage von 10–18 Uhr.