Das Leben in Freiheit erlernen

In der Strafanstalt Saxerriet werden Straftäter auf den Tag der Entlassung vorbereitet. Unbegleiteter Ausgang und Urlaubstage helfen den Insassen, das Leben in Freiheit in den Griff zu bekommen.

Alexandra Gächter
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Für die Hälfte der 120 Insassen im «Saxerriet» steht die Türe für Ausgänge oder Urlaub offen. (Bild: Urs Bucher)

Für die Hälfte der 120 Insassen im «Saxerriet» steht die Türe für Ausgänge oder Urlaub offen. (Bild: Urs Bucher)

Früher oder später wird fast jeder Straftäter entlassen. Deshalb fragte René Frei, Leiter des Straf- und Massnahmenvollzug an der Medienkonferenz in der Strafanstalt Saxerriet: «Wen hätten Sie lieber als Nachbar: Einen entlassenen Straftäter, der ohne Kontakt zur Aussenwelt jahrelang in seiner Zelle isoliert war, oder jemanden, der in einem offenen Vollzug war und sich im Urlaub bewähren konnte? – Die Antwort liegt wohl auf der Hand.»

Eine Garantie, dass im Hafturlaub nichts passiere, gebe es nicht. «Menschliches Verhalten kann man nicht mit Sicherheit voraussagen», so Frei. Dennoch sei vorgeschrieben, dass dem Gefangen Urlaub gewährt wird. Es gibt Ausgänge, Sachurlaube und Beziehungsurlaube.

Gefangene müssen sich im Vollzug bewähren

Ausgänge werden frühestens nach zwei Monaten Aufenthalt in der Anstalt bewilligt und können längstens fünf Stunden dauern. Zu Sachurlauben gehören besondere Ereignisse wie die Geburt des eigenen Kindes, schwere Erkrankungen oder Tod eines nahen Angehörigen, ein Termin bei einer Amtsstelle oder ein Vorstellungsgespräch bei einem künftigen Arbeitgeber. Die Dauer richte sich nach dem Urlaubszweck, ist aber auf maximal 16 Stunden begrenzt.

Wer wenigstens einen Sechstel seiner Strafe im offenen Vollzug verbüsst hat, hat die Aussicht auf Beziehungsurlaube. «Sie werden bewilligt, wenn sie für die soziale Wiedereingliederung des Gefangenen wertvoll und nötig sind», sagt Frei. Der Gefangene müsse in der Anstalt zeigen, dass er zuverlässig und absprachefähig ist. Und man müsse davon ausgehen können, dass er rechtzeitig in die Vollzugseinrichtung zurückkehrt. Dies war im vergangenen Jahr bei 99,6 Prozent der bewilligten Ausgänge und Urlaube der Fall (vergleiche Titelseite).

Von den 120 Männern im Saxerriet erfülle rund die Hälfte der Insassen die Kriterien für die Bewilligung von Ausgang und Urlaub. Solche Kriterien seien unter anderem kein Konsum von Alkohol oder Drogen, eine aktive Mitarbeit, Fortschritte in der Therapie sowie ein positiver Entscheid nach einer Risikoanalyse.

Übergang wird durch Lockerungen erleichtert

Martin Vinzens, Direktor der Strafanstalt Saxerriet, sagte: «Das Leben in Freiheit muss erlernt werden.» Das Paradoxe sei, dass die Insassen in Gefangenschaft auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden müssen. Der Übergang werde wesentlich erleichtert, wenn er durch entsprechende Lockerungen vorbereitet wurde. Vor allem nach einem längeren Vollzug.

Ausgänge und Urlaube seien wichtig, um Entwicklungsschritte des Insassen beurteilen zu können, so Vinzens weiter. Zudem müsse sich der Straftäter wieder in die Gesellschaft integrieren. Mit einem intakten sozialen Umfeld gelinge diese Integration besser, sagte Vinzens. Darum sei es wichtig, Beziehungen zu Ehe- oder Lebenspartnern, Kindern, Eltern, Geschwistern, Freunden und Bekannten im Urlaub zu pflegen.