Das Leben im Brennglas

Gerichtssäle bieten ein Panoptikum menschlicher Schuld und Abgründe, aber auch der Einfalt und überraschender psychischer Windungen. Die Reflexion eines journalistischen Beobachters.

Reinhold Meier
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An Schranken werden Licht und Schatten menschlicher Schicksale sichtbar, wie hier am Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland. (Bild: Reinhold Meier)

An Schranken werden Licht und Schatten menschlicher Schicksale sichtbar, wie hier am Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland. (Bild: Reinhold Meier)

REGION. Der Alltag ist weniger aufregend als gedacht. Nicht grosse Schlagzeilen beherrschen das Tagesgeschäft, sondern Strassenverkehrsdelikte, Drogenvergehen oder Privatklagen wegen lauten Ausrufens, erhobenen Fäusten und bösen Blicken. Mord und Totschlag sind Ausnahmen, obwohl sie, medial verstärkt, den Eindruck einer immer bedrohlicher werdenden Gesellschaft vermitteln.

Hinzu kommt, dass Verhandlungen keine dramatischen Shows sind wie im Kommerzfernsehen, sondern einer strengen Agenda folgen, die in ihrer erschöpfenden Detailtreue ermüdend sein kann.

Dabei sind «kleine» Fälle zuweilen spannend, oft sogar äusserst unterhaltsam, jedenfalls von aussen, wie etwa jener Nachbarschaftsstreit, der in Buchs verhandelt wurde, weil sich zwei ältere Damen mit Klagen überzogen. Die eine mahnte stinkenden Pneurauch aus dem Kamin der Kontrahentin an, die andere einen überhängenden Holunderbusch, der dann auch noch von einem nichtsahnenden Handwerker gefällt wurde. Da war dann buchstäblich Feuer unterm Dach.

Der Gipfel der Kurzweil

Auch im Strassenverkehr gibt's Originelles wie jenen Touristen, der seinen Töff auf der Autobahn parkierte, sich über die Leitplanke schwang und ein Nickerchen anpeilte. Bis die Polizei kam und weniger ein Schlafdefizit als vielmehr Alkoholüberschuss diagnostizierte. Oder jener Mann, der sich über seinen belegten Parkplatz ärgerte und die Radmuttern eines Falschparkierers abschraubte. Nicht ohne vorsorglich einen Warnzettel anzubringen, wie er am Kreisgericht Mels vergeblich beteuerte. Schuldsprüche gab's in beiden Fällen.

Den Gipfel der Kurzweil schossen jedoch zwei Frauen ab, die sich vorwarfen, die jeweils andere habe ihr den Mann ausgespannt. Furien gleich zerrten sie bereits auf dem Gang lautstark kleinste Details ihres Liebeslebens, ihrer körperlichen Vorzüge sowie der offensichtlichen Defizite der anderen ans Licht, wobei sogar einschlägige Nacktfotos kursierten. Wie es der Gerichtspräsidentin in dem ohrenbetäubenden Zwist gelang, eine Abschreibung der Klage zu erreichen, bleibt dem Beobachter bis heute ein Rätsel.

Bedrückend, verstörend

Als äusserst bedrückend bleiben hingegen jene Fälle in Erinnerung, die von brutaler Gewalt zeugen und lebenslang gezeichnete, gar tote Opfer hinterlassen, wie die Anklage gegen einen Mann, der seinen Kollegen wegen einer Pizza totgetreten hat und auch in dritter Instanz vom Kantonsgericht St. Gallen zu einer hohen Haftstrafe verurteilt wurde.

Von schwer erträglicher Gleichgültigkeit schien auch das Verhalten eines Rasers, der auf einem Fussgängerstreifen eine Nonne totgefahren hatte, ohne Ausweis, mit überhöhtem Tempo und danach kaltblütig die Scheibe auswechselte, um Spuren zu vertuschen. Das Kreisgericht Uznach verhängte eine mehrjährige Haftstrafe.

Absolut verstörend war eine Kindesmisshandlung, bei der zwei Mädchen vom Täter nicht nur über Jahre hinweg vergewaltigt, sondern auch noch an Dritte «verliehen» worden waren. Dieser Fall führte an die Grenzen objektiver Berichterstattung, die doch immer alle Perspektiven fair und ausgewogen zu berücksichtigen hat, jene der Anklage, die der Opfer und ebenso die der Verteidigung mit den entlastenden Momenten für einen Angeklagten.

Spitze des Eisberges

Betroffen machte auch die Anklage gegen einen Vater, die in Lichtensteig verhandelt wurde, nachdem ihn seine Kinder wegen sexueller Handlungen beschuldigt hatten. Die Vorwürfe waren jedoch frei erfunden und es erfolgte ein Freispruch erster Klasse. So bleibt nüchtern festzuhalten, dass Gerichtsverhandlungen vielfach wie die Spitze eines Eisberges scheinen.

Die zwischenmenschliche Tragik, welche dabei meist unsichtbar bleibt, lässt vermuten, dass der Fokus einer juristischen Beurteilung kaum ausreicht, um das Problem an der Wurzel zu lösen. Auch wenn Strafe sein muss, braucht es zur Herstellung des Friedens wohl mehr als einen Gerichtsentscheid, wie eine kluge Richterin in Mels einmal festgehalten hat.