Das aufgebrochene Ei

Von Pfarrer Erich Guntli, Buchs

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Anfang Fastenzeit wurde auf Facebook ein Videoclip geteilt. Mit versteckter Kamera wurde in Geflügelfarmen gefilmt. Eierschalen brechen auf, Küken schlüpfen. Die nächste Sequenz zeigt ein Förderband. Flinke Hände sortieren die männlichen Küken aus und werfen sie in Körbe. Sind diese voll, kommen sie in den Vergasungsschrank. In einer anderen Farm werden die männlichen Küken gleich bei lebendigem Leibe zerhackt. Für die industrielle Fleischproduktion ist das Tier eine Ware, mehr nicht. Manchmal lassen erst solch brutale Dokumentationen aufhorchen.

Beim Einkauf wird diese Grausamkeit nicht sichtbar. Das Fleisch wird schön präsentiert, die Eier sind sauber verpackt. Wie ich einmal ein Ei aufschlug, gab es mir doch zu denken. Welches Leben hatte wohl das Huhn, das dieses Ei legte? Wäre es befruchtet worden, was hätte es gegeben? Ein weibliches Küken, auserwählt zum Überleben oder ein männliches, zum Sterben bestimmt? Wie zu Weihnachten der Christbaum, gehören die bemalten Eier zu Ostern. Welches es denn sein darf, darüber wird eher gebrütet als über die Frage, weshalb überhaupt Eier zu Ostern.

Wie das war mit der Auferstehung Jesu an Ostern, bringt rational Denkende in einen Erklärungsnotstand. Das Argument, man müsse eben an die Auferstehung glauben, weil es in der Bibel steht, hat an Überzeugungskraft verloren. Gewohnt, zu unterscheiden zwischen richtig und falsch, zwischen möglich und nicht möglich, zwischen echt und gefälscht, ist für eine Auferweckung aus dem Tod kein Platz.

Es gibt jedoch die Ebene der Überzeugungen. Sie können nicht ins Entweder-Oder-Schema eingeordnet werden. Sie können nicht bewiesen, nur durch Zeichen und Symbole angedeutet werden. Schon früh taucht das Ei in der christlichen Kultur als Symbol der Auferstehung auf. Zu einer Zeit, als die biologischen Zusammenhänge des Befruchtungsvorgangs noch weitgehend verborgen waren, erlebten es Menschen als Wunder, wie die Schale eines Eis aufgebrochen wurde und ein Küken schlüpfte.

Das Bild wurde auf die Auferstehung übertragen. Die Evangelien berichten davon, wie die Jüngerinnen und Jünger ein leeres Grab vorfanden. Diese waren davon überzeugt: Jesus lebt. Er wurde auferweckt. Darauf will das Ei als Symbol hinweisen: die Schale des Grabes ist leer. Das Küken, der lebendige Christus lebt.

Das Leben setzt sich über den Tod hinaus durch. Das ist christliche Hoffnung. Die Mächte des Todes werden durchbrochen, aufgebrochen, wie die Schale eines Eis. Es ist diese grosse Hoffnung, welche Ostern ausstrahlt. Die Mächte des Todes werden durchbrochen.

Das gilt nicht nur für die Küken der industriellen Tierhaltung. Dies gilt noch mehr für die Menschen, denen keine Überlebenschance zugestanden wird in der Schreddermaschinerie der Weltpolitik. Gerade um all dieser Opfer willen ist es sinnvoll, an ein Leben zu glauben, welches die rauhe Schale dieses Lebens durchbricht. Sie werden jene Gerechtigkeit erfahren, die ihnen auf dieser Erde vorenthalten wurde. Das ist keine Vertröstung auf ein Jenseits, umso mehr letzte Hoffnung für die Opfer.