Darüber reden hilft

Zum Sonntag

Pfarrer Martin Frey, Grabs-Gams
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Auf einem Schild steht: «Verzweifelt? Stopp. Rufen Sie uns an, darüber reden hilft. Telefon 143.» Es ist ein Gesprächsangebot, festgemacht am Geländer einer hohen Brücke. Hier hängt dieses Gesprächsangebot 24 Stunden an einer Stelle, wo nicht immer jemand für ein Gespräch zu finden ist. An einer Stelle, an der wahrscheinlich früher jemand stand, der verzweifelt war. Es war niemand anderes da, und er sprang von der Brücke in die Tiefe.

Ein Mann, der beruflich mit Menschen nach einem Suizidversuch zu tun hatte, sagte in einem Interview: «Viele wollen nicht den Tod, aber sie wollen noch weniger den gegenwärtigen Zustand und sehen selbst keinen anderen Weg mehr, diesem zu entkommen.» Telefon 143, die dargebotene Hand, möchte mit ihrem 24-Stunden- Gesprächsangebot solche anderen Wege öffnen. Ihr Signet zeigt ein Herz und eine Hand. Ich verstehe es als Angebot: Wir öffnen unser Herz, wir hören zu, und zusammen finden wir einen Schritt, der weiterführt. Ein solches Angebot ist immer wieder nötig, nicht nur dann, wenn jemand nur noch den Tod als Ausweg sieht.

Johannes schildert in seinem Evangelium ein Gespräch Jesu mit einer Frau, die auch jemanden brauchte, der ihr das Herz öffnete und mit ihr den nächsten Schritt fand. Am Mittag sitzt Jesus an einem Brunnen ausserhalb einer Stadt in Samarien. Da kommt eine Frau mit einem Krug. Es ist eine ungewöhnliche Zeit zum Wasserholen, denn in der Mittagshitze schleppt sonst niemand Wasser nach Hause. Wahrscheinlich tut sie das absichtlich, weil zu dieser Zeit niemand anders an dem Brunnen ist. Sie hat verschiedene Männerbeziehungen gehabt und dafür die Verachtung der anderen Frauen in der Stadt zu spüren bekommen.

Jesus merkt, dass diese Frau in einer besonderen Situation ist und er tut das für diese Zeit doppelt Ungewöhnliche, er spricht sie an. Ungewöhnlich, weil Samariter und Juden sich mieden und weil Männer Frauen nicht so in der Öffentlichkeit ansprachen. Jesus tut es trotzdem, er bietet ihr mit der Bitte um Wasser eine feinfühlige Gelegenheit, in ein Gespräch einzusteigen, und geht dabei auf sie ein.

Das Gespräch endet damit, dass sie in die Stadt läuft und all die Menschen, die sie bis jetzt gescheut hat, einlädt zum Brunnen zu kommen um diesen Jesus zu sehen. Sie macht den Schritt aus ihrer Sackgasse hinaus.

Das macht Mut, offen zu sein für andere, die ein Gespräch suchen, sogar einmal aktiv auf jemanden zuzugehen, wenn zu spüren ist, da könnte ein Gesprächswunsch da sein, da könnte ein Gespräch helfen.

Pfarrer Martin Frey, Grabs-Gams