«Da draussen wimmelt's von Leben»

Für den als Sohn einer Arztfamilie in Buchs aufgewachsenen und heute in Chur wohnhaften Florian Kehl erfüllt sich ein Bubentraum: Anfang Jahr fliegt er nach Kalifornien, um ab 18. Januar als Postdoktorand für die Nasa zu arbeiten.

Ursina Straub
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Der junge Forscher Florian Kehl ist von der unendlichen Weite des Universums fasziniert. Bei der Nasa kann er sich auch beruflich damit befassen. (Bild: Marco Hartmann)

Der junge Forscher Florian Kehl ist von der unendlichen Weite des Universums fasziniert. Bei der Nasa kann er sich auch beruflich damit befassen. (Bild: Marco Hartmann)

BUCHS/CHUR. So richtig fassen kann es Florian Kehl noch immer nicht. «Einen Freudenschrei ausstossen werde ich vermutlich erst am 18. Januar», meint der 31jährige Nanowissenschafter. Dann wird er am Jet Propulsion Laboratory (JPL) der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa im kalifornischen Pasadena seinen ersten Arbeitstag antreten.

In einem kleinen, internationalen Team von sechs Wissenschaftern ist Kehl für die Gesamtsystemintegration eines Prototyps verantwortlich. Eines Prototyps, der dereinst womöglich mit einer Weltraumsonde mitfliegen wird und Messdaten darüber abliefert, ob es Voraussetzungen für potenzielles Leben auf einem anderen Planeten gibt. «Solche Lebensbausteine zu finden», erklärt Kehl, «ist eines der Ziele der Raumfahrt für die nächsten Dekaden.»

Biosenorgerät mitentwickelt

Der Buchser bringt beste Voraussetzungen mit, um im Strahlantriebslabor – so lautet die Übersetzung von Jet Propulsion Laboratory – zu arbeiten: Er studierte an der Universität Basel Nanowissenschaften mit Hauptfach Physik und arbeitete fünf Jahre als ETH-Doktorand bei der CSEM in Landquart. Da war er unter anderem damit beschäftigt, ein Biosensorgerät mitzuentwickeln, welches Hormone in der Umwelt feststellen kann. «Man nimmt an», holt Florian Kehl aus, «dass kleinste Rückstände hormonähnlicher Stoffe – etwa in Flüssen – den menschlichen Organismus negativ beeinflussen.»

Acht Jahre bis Jupiter

Das besagte Biosensorgerät zeichnet sich dadurch aus, dass es autonom Vor-Ort-Messungen durchführt und die gewünschten Stoffe detektiert – das heisst, feststellt – und quantifiziert. Ganz ähnliche Eigenschaften besitzen Messgeräte, die mit Rovern in den Weltraum fliegen, mit jenen motorisierten Landfahrzeugen also, die fremde Himmelskörper erkunden. Nur dass sich die Weltraumforschung in völlig anderen Dimensionen bewegt: Rund acht Jahre braucht eine Raumsonde, um zum Jupiter zu fliegen; bis zum Mars ist es ein Jahr.

Bewerbungsgespräch per Skype

Bereits während des Studiums konnte Kehl ein Semester lang an der kalifornischen University of California in Berkeley an einem Mikroraketenprojekt mitarbeiten.

Auch das passte zum Profil, das für die jetzige Stelle gefordert war. Das Bewerbungsprozedere sei recht schlicht verlaufen, schildert Kehl: Nachdem der JPL-Gruppenleiter seine Bewerbungsunterlagen gesichtet hatte, führte er mit ihm ein Skype-Interview – und danach war für den Gruppenleiter klar, dass er Kehl ins Postdoc-Programm, das Nachwuchswissenschafter fördert, aufnehmen will. Etwas länger dauerte die Eingabe bei der zuständigen Stipendienstelle. Doch Anfang Oktober erhielt Kehl positiven Bescheid für seine Reise nach Amerika.

Menschlicher Entdeckergeist

Drei Jahre darf Florian Kehl jetzt als einer von rund 5500 Vollzeitangestellten für das JPL arbeiten. Dieses gehört zum renommierten California Institute of Technology (Caltech), unter dessen Federführung die erfolgreichsten Raumsondenprojekte der Nasa gestartet wurden. Was bringt die Weltraumforschung? «Ihr liegt der menschliche Entdeckergeist zugrunde und die Urfrage, ob es andere Lebewesen im Universum gibt», antwortet Kehl. «Abgesehen davon liefert die Raumfahrt zahlreiche Technologien, die heute selbstverständlich genutzt werden, etwa Satelliten für Navigationssysteme und Kommunikation.»

Vom Forscherdrang beseelt

Der in Buchs aufgewachsene Florian Kehl war schon als Knabe von Forscherdrang beseelt. Er wollte wissen, wie etwas funktioniert. Anstatt mit seinen Modellautos zu spielen, schraubte er sie auseinander. Wenn es gewitterte, versuchte er, den Blitz einzufangen. Während andere Primarschüler Vorträge über Wale und Elefanten hielten, referierte er über den Mars-Lander «Pathfinder». Und als er kürzlich sein Kinderzimmer räumte, stiess er auf selbst gebastelte Raketen mit dem Nasa-Logo. Die unendliche Weite des Universums fasziniert ihn, und er ist überzeugt, «dass es darin von wie auch immer geartetem Leben wimmelt». Er habe seinen Traumberuf gefunden – und seine Traumfrau, sagt Florian Kehl. Dass die diplomierte Psychologin ihre Assistentenstelle aufgibt und Anfang Jahr mit ihm nach Kalifornien reist, rechnet er ihr hoch an.

Wann genau ihr Flieger startet, weiss der junge Doktor noch nicht – die Nasa bucht den Flug. An welcher Adresse sie wohnen werden, auch nicht – ein Freund riet, erst nach der Ankunft eine Bleibe in East Hollywood zu suchen.

Wie die Arbeitstage aussehen? Sicher intensiv, vermutet Kehl. Eines aber weiss Kehl – dessen Tage bis zum Abflug ausgefüllt sind mit Wohnung auflösen, Möbel einstellen, packen und Abschied nehmen – genau: «Alles ist möglich, wenn man einen Traum zielstrebig und motiviert ohne jegliche Verbissenheit verfolgt.» Und er lächelt. Entspannt.

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