BUCHS: Geschichten, die das Leben schreibt

Die ausgezeichnete Schweizer Autorin Susanna Schwager war mit ihrem neuesten Werk «Das halbe Leben – junge Frauen erzählen» im Fabriggli zu Gast. Gleichzeitig wurde die 7. Ausgabe des Postermagazins «Onepage» lanciert.

Mengia Albertin
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Zwei Frauen, eine Leidenschaft: die Autorin Doris Büchel und die Schriftstellerin Susanna Schwager im ­Fabriggli. (Bild: Mengia Albertin)

Zwei Frauen, eine Leidenschaft: die Autorin Doris Büchel und die Schriftstellerin Susanna Schwager im ­Fabriggli. (Bild: Mengia Albertin)

Mengia Albertin

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«Wenn auf dieser Welt etwas zu begreifen war, dann musste das auf dem Weg über die Frauen ­geschehen.» Dieses Zitat des Schriftstellers Cees Nooteboom stimmt die Leser auf Susanna Schwagers neustes Buch und die 7. Ausgabe der «Onepage» ein. Zur Lesung von «Das halbe Leben – junge Frauen erzählen» und der Lancierung der aktuellen «Onepage» fanden sich am Donnerstagabend Junge, Alte, Frauen und Männer im Kleintheater Fabriggli in Buchs ein. Es war ein besinn­licher Abend, die Zuhörer lauschten gebannt den lebensnahen und verrückten Geschichten der jungen Frauen. Zu erzählen gab es nämlich eine Menge. Die Texte bestechen mit entwaffnender Natürlichkeit und Fokus aufs Detail.

«Ich schreibe keine ­Geschichten»

Schwager gehört zu den bekanntesten Schweizer Schriftstellerinnen. «Das volle Leben – Frauen über achtzig erzählen» steht 2007 fast ein Jahr lang in den Top Ten der Schweizer Bestseller­liste, mehrere Wochen auf dem ersten Platz. Ein Jahr später erschien dann der Folgeband «Das volle Leben – Männer über achtzig erzählen». 2012 erschien der dritte Band mit Lebens-Porträts, «Das halbe Leben – junge Männer erzählen». Im neuesten Werk werden junge Frauen, von Rapperin über Mütter, bis hin zur Boxweltmeisterin und Lernender por­trätiert. Ihre Werke bezeichnet Schwager selbst als «dokumentarische Literatur».

«Ich mache nicht Geschichten und erfinde nichts dazu. Alles wird mir mündlich mitgeteilt und ich schreibe das dann nieder», sagt die 58-Jährige. Die beson­dere Verbindung zu den erzählenden jungen Frauen ist bemerkbar. Je nach Text liest die Autorin mal nachdenklich, mal frustriert, mal ironisch, mal ­schäkernd. Tatsächlich ganz so, als würden die jungen Frauen selbst erzählen.

In einen Bruchteil des Ge­sagten vermochte man während der Lesung einzutauchen. In den Geschichten stecke noch viel mehr, erzählt Schwager. So viele junge Frauen hätten Schlimmes erlebt, sie sei selbst überrascht gewesen. «Aber die jungen ­Frauen haben so eine wahn­sinnige Kraft, das ist gewaltig.» Ausserdem habe sie das Gefühl, dass besonders die jungen Frauen unter grossem Druck stehen. Eine hochrangige Wissenschafterin habe ihren Text zum Beispiel zurückgezogen. Ein womöglich falsches Wort im Text könne ihr, tätig in einer Männerdomäne, zu stark schaden.

«Onepage», das Postermagazin aus dem Liechtenstein und Werdenberg im A1-Format, prä­sen­tiert sich bewusst reduziert. He­rausgeberin ist die Buchser Schreiberin und Kolumnistin Doris Büchel. Die an diesem Abend lancierte «Onepage Nr. 7» mit dem Namen «Frauenstimmen», besteht aus Texten des neuen ­Buches von Schwager. Ebenfalls finden sich Geschichten aus «Das volle Leben – Frauen über achtzig erzählen». Insgesamt ergibt das 23 Erzählungen aus den Jahr­gängen 1896 bis 1994.

Zu Beginn der Lesung meinte Büchel zu Susanna Schwager: «Wenn ich deine Bücher lese, denke ich immer, dass in jedem von uns so viele Geschichten schlummern.» Nach der Lesung wird für jeden klar gewesen sein, was sie damit meinte. Mit dem achtsamen Zuhören der Geschichten wird entschleunigt und einzelne Worte bekommen ein enormes Gewicht. Es wird ­bewusst, dass viel Erzähltes im Alltagsstress untergeht – und vor allen Dingen, wie viel jeder zu ­erzählen hätte. Fast hat man nach dem Anlass das Bedürfnis, den Nächstbesten nach seinen Gedanken zu fragen und aufmerksam weiter zu lauschen.