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BUCHS: «Am Puls von Zeit und Kindern orientiert»

Die privat geführte Schule Scuola Vivante wurde vor 25 Jahren gegründet und behauptet sich heute im bildungspolitischen Umfeld dank wachsender Nachfrage. Unterschiede zur öffentlichen Schule gibt es nicht nur in der Struktur und im Menschenbild.
Armando Bianco
Die Schulleitung der privat geführten Scuola Vivante in Buchs: Jürg Mäder und Veronika Müller Mäder. (Bild: Armando Bianco)

Die Schulleitung der privat geführten Scuola Vivante in Buchs: Jürg Mäder und Veronika Müller Mäder. (Bild: Armando Bianco)

Armando Bianco

armando.bianco@wundo.ch

Zum Betriebsstart 1992 nannte sich die Scuola Vivante noch Freie Volksschule Werdenberg. Der Verein mit dem Namen Freie Volksschule Buchs war ein Jahr zuvor von einer Elterngruppe mit dem Ziel gegründet worden, eine «umfassende Freie Volksschule», sprich Kindergarten bis 9. Schuljahr aufzubauen. Das Angebot gibt es nun seit einem Vierteljahrhundert. Die Schulleitung äussert sich im Gespräch mit dem W&O.

Die Anzahl Privatschulen im Kanton hat in den letzten Jahren zugenommen, heute gibt es 29. Woher rührt das Bedürfnis?

Jürg Mäder: Wir haben in den letzten Jahren vermehrt Visitations- und Beratungsanfragen von Lehrpersonen oder Eltern, die im Begriff sind – oder mit dem Gedanken spielen – eigene Schulen zu gründen. In Deutschland zum Beispiel schiessen die «Schulen der Zukunft» wie Pilze aus dem Boden. Das rührt unter anderem daher, dass in der Bildung ein Paradigmenwechsel stattfindet.

Wie sieht dieser Wechsel aus?

Veronika Müller Mäder: Es gibt mehrere Punkte. Das klassische Unterrichtsmodell zum Beispiel, das den Fächer- und Lektionentakt bestimmt, stösst in der För­derung und Ausbildung des Menschen an ihre Grenzen.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Veronika Müller Mäder: Ein gutes und auch sehr aktuelles Beispiel ist heute der Sprachenstreit. Obwohl drei Viertel aller Kinder fähig sind, sich zwei oder auch mehr Fremdsprachen auf natürliche Weise und gleichzeitig anzueignen, wird diskutiert, ob in der Primarstufe nur noch Englisch oder Französisch unterrichtet werden darf. Der Einbezug von fremdsprachigen Schulassistentinnen, wie wir dies in der Scuola Vivante handhaben, schafft vom Kindergarten an ein mehrsprachiges Umfeld, das die Kinder in allen Fachbereichen vernetzend begleitet.

Trotzdem besuchen «nur» rund zwei Prozent aller ­Schülerinnen und Schüler im Kanton eine Privatschule.

Jürg Mäder: Eine andere als die öffentliche Schule zu besuchen ist leider immer noch mit hohen Kosten verbunden. Das ist eine grosse und für die meisten Fa­milien eine unerschwingliche Hürde. Das bekommen wir oft zu hören.

Ob eine Privatschule bewilligt wird, entscheidet der Kanton, beaufsichtigt werden sie durch das Bildungsdepartement. ­Finanziell werden sie mit ­wenigen Ausnahmen aber nicht unterstützt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Veronika Müller Mäder: Es ist eher eine Ungerechtigkeit gegenüber den meisten Eltern, die eine andere als die öffentliche Schule in Anspruch nehmen. Sie sub­ventionieren mit ihren Steuern weiterhin die öffentliche Schule und müssen parallel die Schule ihrer Wahl nochmals selber bezahlen. Hier fördert die Schweizer Bildungspolitik die Zwei­klassen­gesellschaft in der Bildung, die man eigentlich vermeiden will.

Das Amt für Volksschule bezeichnet die Privatschulen «durchaus als Bereicherung in der Bildungslandschaft» und sieht in diesen «keine Konkurrenz für die öffentliche Schule». Einverstanden?

Jürg Mäder: Unsere Erfahrungen an der Basis zeigen beides. Wir haben Kinder in der Scuola Vivante, deren Schulgeld einzelne Schulgemeinden übernehmen. Da gibt es vom Gesetz her einen gewissen Spielraum und da spüren wir auch, dass unsere Schule als wertvolle Ergänzung wahr­genommen wird. In der Regel lehnen Schulgemeinden eine Kostenübernahme ab.

Weshalb?

Jürg Mäder: Sie haben Angst, ein Präjudiz zu schaffen. Dabei ist die Vielfalt an Schulmodellen eine Bereicherung. Konkurrenz hält lebendig und fördert das Be­streben, sich zu verbessern. Das würde die Bildungslandschaft qualitativ aufwerten.

Welchen Mehrwert bietet eine private gegenüber einer öffentlichen Schule?

Veronika Müller Mäder: Viele Schulen zeichnen sich durch einen familiären Charakter aus und verfügen über ein überdurchschnittlich hohes Engagement in der Lehrerschaft. Sie haben mehr Möglichkeiten und strukturelle Freiheiten, die Schüler in den Schulalltag und in ihr Lernen mit einzubeziehen und sie in ihren individuellen Stärken und Schwächen zu begleiten. Es gibt in der Region Werdenberg bekanntlich mehrere privat geführte schulische Angebote.

Ihre Schule ist in einem schwierigen Umfeld gross geworden. Wäre die Gründung einer Privatschule heute einfacher?

Veronika Müller Mäder: Es braucht neben der Volksschule eine Vielfalt an kleineren, schlanken und unabhängigen Schulen, die den Mut, die Freude und das Selbstvertrauen haben, sich auch aktiv an diesem Wandel zu beteiligen, ihn zu beeinflussen. Gute Zukunftsaussichten hatte die Scuola Vivante bisher darum, weil sie sich in ihrer breit gefächerten Bildung konsequent am Puls des Kindes und am Puls der Zeit orientiert hat und dabei den Mut hatte, neue und zum Teil auch unkonventionelle Wege zu beschreiten. Die Entwicklungen in der Schweiz und in weiten ­Teilen Europas zeigen eine deutliche ­Zunahme an unabhängigen Schulen.

Wie sieht die Abgrenzung einer privaten zur öffentlichen Schule aus?

Jürg Mäder: Inhaltlich grenzen wir uns überhaupt nicht ab, in der Struktur und vom Menschenbild her sind wir schon unterschiedlich. Der Lehrplan ist für die Scuola Vivante genauso verbindlich. Neben diesem wird noch der persönliche «Lehrplan» jedes Kindes mit einbezogen. Die Struktur des Unterrichtskonzeptes ermöglicht es, diese beiden Lehrpläne miteinander zu verbinden. Dabei spielt der Ein­bezug der Aussenwelt eine grosse Rolle wie auch der konsequente Einbezug der Schülerschaft in möglichst viele Lebensbereiche und in die Ausgestaltung des Schulalltags. Vielleicht könnte man den Unterschied der öffentlichen Schule und der Scuola Vivante etwas plakativ so beschreiben: In der Struktur der öffent­lichen Schule steht der Schüler im Dienste des Lehrplanes; in der Struktur der Scuola Vivante steht der Lehrplan im Dienste des Schülers.

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