Brav wie Familienfernsehen

Im Hotel Kongress Einstein wurde am Samstagabend vor etwa 500 Zuschauern die neue Miss Ostschweiz gekürt. Das Rennen um das Krönchen machte eine Glarnerin: Sie heisst Michelle Schmid und studiert an der ETH Biologie.

Michael Hasler
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Michelle Schmid (grosses Bild links) stellt sich den «heissen Fragen» von Moderatorin Miriam Rickli. (Bilder: Benjamin Manser)

Michelle Schmid (grosses Bild links) stellt sich den «heissen Fragen» von Moderatorin Miriam Rickli. (Bilder: Benjamin Manser)

ST. GALLEN. Es gibt durchaus Schulschlussfeiern, die mehr Rock'n'Roll versprühen als gängige Misswahlen. Das ist auch am Samstagabend in der perfekten Location des Kongress Hotels Einstein in St. Gallen nicht anders. Die Stimmung unter den 400 bis 500 gekommenen Gäste ist gegen 20 Uhr so unaufgeregt ausgewogen, als ob es auf dem hübsch hergerichteten Catwalk eher um den Verkauf von Wärmedecken als um eine fiebrige Suche nach der schönsten Ostschweizerin ginge. Natürlich ist der Empfang der neun Kandidatinnen warm und herzlich – doch bis auf Kuhglocken aus Herisau und artigen Einzelpfiffen bleibt die Spannung im Raum überschaubar.

Perfekt, aber antiquiert

Die Show, die die Veranstalter ab 20 Uhr inszenieren, ist zwar perfekt orchestriert, allerdings wirkt das Setting etwas in die Jahre gekommen. Bis 20.19 Uhr tänzeln die Kandidatinnen gerade mal einmal über den Laufsteg. Dann werden vorproduzierte Videoeinspieler der einzelnen Kandidatinnen auf eine Grossleinwand projiziert. Wer nicht mitschreibt, hat bis zur nächsten Runde vergessen, dass die jungen Frauen allesamt wirklich schön anzusehen sind, ihre Mütter oder Grossmütter verehren, sportlich sind und gerne mit ihren Kollegen abhängen.

Ironiefreie Fleischbeschau

Um 20.33 Uhr wird immerhin die spätere Miss Ostschweiz 2014 Michelle Schmid schon mal prophylaktisch zur Miss Friendship gewählt. Eine Kumulierung aus SMS-Voting und Social-Media-Reichweite soll ihr den Titel gesichert haben, erklärt die durchaus kecke Moderatorin Miriam Rickli dem Publikum. Aus chauvinistischer Sicht hat der Abend um 20.48 Uhr seinen Zenit überschritten. Dann nämlich wird Polina Beer nach einem komplett Ironie-freien Unterwäsche-Durchgang aller Kandidatinnen zur Miss Body gekürt. Was schon bisher sehr artig war, wird nun keimfrei und die Misswahl erinnert stark an jene Modeschauen, wie sie etwa jährlich an der Offa präsentiert werden.

Valable Siegerin

Nach einer etwas lange geratenen Pause geht es um 21.36 mit einem weiteren Auftritt der Missen weiter. Das modische Thema könnte nun «Casual» heissen. Herrlich unsentimental werden von 21.41 bis 21.43 drei Kandidatinnen verabschiedet. Nach einem weiteren Catwalk und dem Einspielen von Selfie-Videos sind bis 22.22 weitere drei Probandinnen eliminiert. Michelle Schmid aus Glarus, Nadine Reich aus Herisau und Alma Jasic aus Chur werden schliesslich zu den «heissen Fragen» eingeladen. So heissen sie zumindest im Programm. Tatsächlich sind gesittet genug fürs Familienfernsehen. Denn mehr, als dass die Kandidatinnen ihre Familien und Freunde über alles verehren und als Ostschweizer Botschafterinnen einen tollen Job machen würden, ist schlicht nicht zu erfahren. Fast vergessen: Um 22.31 Uhr wird ETH-Biologiestudentin Michelle Schmid zu Miss Ostschweiz 2014 gekürt.