Biber: Liechtenstein befindet sich in einer Ausnahmesituation

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Michael Fasel*
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Eine von Pro Natura und WWF verfasste Pressemitteilung stösst grundsätzlich in die richtige Richtung, beinhaltet aber ein paar Ungenauigkeiten. So wurden bisher nicht zwei Dutzend Biber getötet, sondern weniger als 20. Auch wurden keine direkt geschossen, sondern nur in Fallen gefangen. Dass vom Wirken des Bibers auch andere Tierarten profi- tieren, stimmt nur sehr ein- geschränkt in Gebieten, wo die Gewässer genügend Raum haben, was in Liechtenstein fast nirgends der Fall ist. Biberdämme haben in Liechtenstein auch schon zum Austrocknen grosser Fliessstrecken von Giessenbächen geführt. Der Schutz des Bibers in Liechtenstein ist nur marginal. Die Berner Konvention gestattet, die im Anhang III aufgeführten Arten – wo neben Biber auch bejagte Arten wie Hirsch, Reh, Gams, Steinbock, Dachs enthalten sind – so zu nutzen, dass die Population nicht gefährdet wird, das ist alles. Das wird im Fürstentum Liechtenstein eingehalten, die Population des Rheintals und Liechtensteins floriert und ist nicht gefährdet.

Was verpasst wurde, ist, dass das Fangen und Abschiessen der Biber von der Regierung verordnet wurde, wie das bei den anderen Arten auch gemacht wird. Die Berner Konvention fordert für Anhang-III-Arten, dass ein Vertragsstaat (Liechtenstein) seine Massnahmen mit den Nachbarstaaten (Schweiz, Österreich) koordiniert, auch das wurde verpasst!

Liechtenstein befindet sich bezüglich der «Bedrohung» durch Biber in einer Ausnahmesituation, die es in diesem Mass nirgends im gesamten Alpenraum gibt. Rund 70 Prozent der Bevölkerung des Landes leben unmittelbar im Einzugsbereich der Rüfen – Erosionskanäle unserer Gebirgszüge, die bei Starkregen enorme Mengen Schlamm, Gestein und Wasser ins Tal bringen können. Die Dörfer wurden durch Dämme geschützt. Diese werden nun in Siedlungsnähe von den Bibern unterhöhlt. Massnahmen zur Regulierung der Biberbestände sind sicher diskutierbar, aber das Abfangen bringt definitiv nicht die erwartete Sicherheit, um diese Dämme zu schützen. Biber gelangen immer wieder kurz-zeitig und unbemerkt in solche Anlagen und können sie nach ein paar Tagen wieder verlassen. Inzwischen haben sie allerdings bereits einige Löcher gebohrt, die dann kaum zu bemerken sind, weil deren Eingänge unter Wasser liegen.

Das eigentliche Problem in Liechtenstein ist, dass Schutzmassnahmen gegen Biber-Grabaktivitäten von den Behörden bisher zu wenig ernsthaft in Angriff genommen wurden, und dass die Regierung von den Amtsstellen nicht überzeugt werden konnte, dass diese Massnahmen (Vergitterung von Schutzdämmen) unumgänglich notwendig sind. Da sind sich alle Biberfachleute einig. Das Abschiessen von Bibern ist langfristig unwirksam, wenn man Hochwasserschutzbauten bibersicher machen möchte. Das Vorgehen in Liechtenstein ist konzeptlos, seit fünf bis sechs Jahren wartet man auf ein amtliches Biberkonzept. Und das obwohl damals schon öffentlich darauf hingewiesen wurde, dass jedes Bibervor-kommen zu Chaos führt, wenn Zuständigkeiten und Entschädigungen nicht detailliert geregelt werden.

*Michael Fasel ist Autor des Buches «Der Rückkehrer – die Wiedereinwanderung des Bibers im Alpenrheintal»

Michael Fasel*

Wildtierbiologe, Vaduz