BEWERTUNGSPLATTFORMEN: Werdenberger Gastronomen setzten auf Tripadvisor

Das Werdenberg ist in diesem Jahr mit zwei Restaurants im Gault-Millau-Guide vertreten. Regionale Gastronomen setzen mehr auf Tripadvisor und Co. als auf den exklusiven Gourmetführer.

Mengia Albertin
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Wichtig für die Gastronomen der Region: zufriedene Gäste. Ein Zeichen dafür kann ein leergegessener Teller sein. (Bild: Sandra Sutter)

Wichtig für die Gastronomen der Region: zufriedene Gäste. Ein Zeichen dafür kann ein leergegessener Teller sein. (Bild: Sandra Sutter)

Mengia Albertin

mengia.albertin@wundo.ch

Ja, das Werdenberg wird sicherlich nicht zu den Schweizer Mekkas der gehobenen Küche und des guten Geschmacks gezählt. Dass aber gerade mal zwei Restaurants der Region mit zwölf und dreizehn Punkten im diesjährigen Gault-Millau-Führer stehen – die «Mühle» in Oberschan und die «Traube» in Azmoos –, macht doch stutzig. Was ist denn da los im Werdenberg? Reichen uns ­Fitnessteller mit laschen Fertigsaucen, aufgetautem Poulet­flügeli und labbrigem Salat? Der W&O hat bei regionalen Gastronomen nachgefragt.

Um die etwas provokante ­Frage zum Fitnessteller gleich vorweg zu beantworten: Nein, selbstverständlich nicht. Die Werdenberger Geschmacks­nerven sind äusserst anspruchsvoll. Darüber sind sich alle befragten Restaurants einig. Was die Restaurant-Besucher aber nebst feinem ­Essen ebenfalls schätzen, sind Gastfreundschaft und ein Gefühl des Aufgehobenseins bei ihrem Besuch. Die regionalen Gastronomen setzen mehr darauf als auf ein Erscheinen im «roten Buch».

Um einen sogenannten Testesser im eigenen Betrieb bekochen zu können, werden Restaurants bei Gault Millau von Gästen empfohlen oder die Köche melden sich selber an. «Die Aufnahme in den Guide ist für die Restaurants mit keinen finanziellen Mitteln verbunden», informiert Kathrin Berchtold von Gault Millau. Bewertet werden die Restaurants dann von einem der 45 Testesser. Diese geben sich während ihres Besuchs nicht als solche zu erkennen und schreiben anschliessend einen Bericht über ihr Essen. Zwölf bis zwanzig Punkte können verteilt werden. Wer diese Bewertung erreicht, landet im renommierten Führer.

Aufnahme im Gault Millau mit Druck verbunden

Die Köche stehen infolge dieser Tatsache das ganze Jahr unter starkem Druck einer möglichen Testung. Ausserdem erzählt Norma Gehin von der «Traube» Buchs: «Die Gäste, die wegen des Gault Millau in ein Restaurant kommen, haben hohe Erwartungen. Dies steht für die Gastronomen mit finanziellem wie auch psy­chischem Druck in Verbindung». Die Aufnahme in den Guide wird somit auch zur Verpflichtung, die Gäste stets positiv zu über­raschen oder zumindest die Erwartungen zu erfüllen. «Die Luft in der Spitzengastronomie ist dünn und der Arbeitsaufwand ­gewaltig», sagt Robert Taucher vom Restaurant Taucher in Buchs. Er kochte vor dem «Taucher» in den Restaurants des «Baur au Lac» und des «Dolder Grand ­Hotel» in Zürich. Beide sind seit Jahren Bestandteil des Gault-­Millau-Guides.

Auch die Lage einzelner Restaurants hat Einfluss auf die mögliche Teilnahme. «In den ‹Taucher› am Marktplatz kommen Ein­heimische, Touristen, Vereine, Stammgäste und Hotelgäste. Ein Gourmet­lokal würde an diesem Standort keinen Sinn machen, da der Gästemix von hohen Preisen abgeschreckt würde», ist sich Taucher sicher.

Jürg Gabathuler vom Restaurant Öpfelbom in Buchs nennt noch zwei weitere Gründe, weshalb zwei Betriebe aus dem Werdenberg im Restaurantführer ­genannt sind. «Lokale Aushängeschilder wie der ‹Schneggen›, die ‹Alte Mühle› oder das ‹Gecco› wurden in den letzten Jahren dauerhaft geschlossen, andere sind in durch Pächterwechsel ­vorübergehend ausgeschieden», sagt Gabathuler. Ein weiterer Grund sei auch die Konzentration auf einzelne Standorte des «internationalen und gut betuchten ­Publikums, welches Wert auf die Etikette ‹Gault Millau› legt»: ­Diese würden sich mehrheitlich in Bad Ragaz und Vaduz als ­Finanzplatz aufhalten. Ent­sprechend befinden sich dort auch mehr Lokale im Gault-­Millau-Führer.

Orientierung an digitalen Bewertungsplattformen

Für Gastronomen, insbesondere für Junge, sei es sicherlich nach wie vor eine grosse Anerkennung, von Gault Millau entdeckt zu werden, sind sich alle lokalen Be­triebe sicher. «Besonders ist es eine Anerkennung der beruf­lichen Fähigkeiten für den Koch», sagt Norma Gehin. Noch wert­voller scheinen aber allen Befragten zufriedene Gäste mit positiven Rückmeldungen und Stamm­kunden, welche das Lokal regelmässig aufsuchen. Ganz nach dem Motto: «Wir sind dann zufrieden, wenn die Gäste es auch sind.» Die «Traube» Buchs, das Restaurant Soulfood wie auch der «Öpfelbom» weisen darauf hin, dass Restaurantbesucher sich heutzutage mehrheitlich auch an Bewertungsplattformen wie Tripadvisor oder Google orientieren. Einzelne Lokale können auf den Plattformen sogar bereits vorab virtuell besucht werden. «Bei ­allen anonymen Abrechnungen und Bewertungen, die im Internet teilweise publiziert werden, sind die Kritiken in der Summe doch relativ aussagekräftig», ist sich Jürg Gabathuler sicher. Die Restaurants Soulfood und Taucher setzen auch auf Mund-zu-Mund-Propaganda.

Keines der befragten Restaurants hat vor, sich in Zukunft vom bekannten Restaurantführer bewerten zu lassen. Ausserdem gibt es noch diverse andere Bewertungsmöglichkeiten, auf welche sich die lokalen Restaurants stützen. So zum Beispiel den «Guide Michelin», die «Gilde etablierter Schweizer Gastronomen» oder das «Culinarium-Label». Und auch diese Kritiker lassen sich nicht mit aufgetautem Poulet­flügeli abspeisen.