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BEILATTACKE: Er fiel im Juni erstmals auf

Der 17-jährige Angreifer von Flums ist den Behörden bekannt. Sie wussten von seinen Gewaltfantasien – und gingen von keiner akuten Gefährdung Dritter aus. Viele Fragen bleiben vorerst offen.
Regula Weik
Grosses Medieninteresse: Sigi Rüegg, Stellvertretender Kommandant der Kantonspolizei St. Gallen, informiert über den Einsatz in Flums. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Grosses Medieninteresse: Sigi Rüegg, Stellvertretender Kommandant der Kantonspolizei St. Gallen, informiert über den Einsatz in Flums. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Regula Weik

regula.weik@tagblatt.ch

Er ist 17. Er ist Lette. Er absolviert eine handwerkliche Berufslehre. Er lebt seit gut vier Jahren in der Schweiz; er war im Juni 2013 im Rahmen eines Familiennachzugs von Riga nach Flums gekommen. Er besitzt eine Aufenthaltsbewilligung B. Diese Informationen waren teils bereits in der Tatnacht bekannt; gestern Morgen hat sie die Kantonspolizei St. Gallen an einer Medienkonferenz bestätigt und ergänzt. Und dabei zeigte sich: Der Angreifer von Flums ist den Behörden bekannt. Jedenfalls seit Juni dieses Jahres.

«Er verhielt sich im Juni erstmals auffällig», sagt Stephan Ramseyer, Leiter Jugendanwaltschaft St. Gallen. Damals sei eine erste Meldung eingegangen – von der Jugendarbeit wegen «auffälligen Verhaltens». Wie sich dieses konkret geäussert hat, bleibt unklar. Es wurde damals die Kriseninterventionsgruppe des Kantonalen Schulpsychologischen Dienstes beigezogen. Im September folgt eine weitere Meldung – diesmal von der Berufsschule. Der Jugendliche soll «Anspielungen auf Gewalt» gemacht ­haben. Die Kriseninterventionsgruppe nahm, in Absprache mit der Polizei, eine Gewalteinschätzung vor und informierte darüber auch die Staatsanwaltschaft. «Dabei sind wir zum Schluss gekommen, dass keine Zwangsmassnahmen angeordnet werden müssen», sagt Ramseyer. «Es bestand keine akute Gefährdung von Drittpersonen.»

Der 17-Jährige und die Eltern werden laut Polizei seither eng begleitet. Sie hätten sich an die Massnahmen gehalten. «Der Jugendliche wie die Eltern zeigten sich kooperativ», sagt Ramseyer. Die Gewaltfantasien deuteten am ehesten auf eine Persönlichkeitsstörung des Jugendlichen hin. «Doch das sind derzeit noch Mutmassungen.»

Hängen Gewaltfantasien und Tat zusammen?

Ein Jugendlicher fällt auf, hat Gewaltfantasien – dann tickt er aus und attackiert mehrere Personen mit einem Beil? Das wirft Fragen auf. Was geht in dem 17-Jährigen vor, als er von hinten an das Ehepaar herantritt und dieses mit dem Beil verletzt? Treiben ihn in diesem Moment Gewaltfantasien an? So wie er sie eineinhalb Monate zuvor schon gehabt hatte? Haben die Behörden seine Gewaltbereitschaft falsch eingeschätzt?

Ramseyer hat Verständnis für die Fragen. Antworten darauf hat er nicht. Noch nicht. Welche Äusserungen über Gewalt hat der Täter konkret gemacht? «Es waren Anspielungen.» Was wissen Sie über seine Gewaltfantasien? «Dazu kann ich im Moment nichts sagen.» Hat er sie auch im Netz verbreitet? «Das ist Gegenstand der Ermittlungen.» Besteht ein Zusammenhang zwischen der Tat und den Gewaltfantasien? «Das wird abgeklärt.» Wurde die Ernsthaftigkeit seiner Anspielungen unterschätzt? «Das ist rückblickend schwierig zu beurteilen. Wir können nicht jede Person, die Gewaltfantasien äussert, in Untersuchungshaft nehmen.» Also lief nichts falsch? «Das werden die Ermittlungen zeigen.» War der Jugendliche vor der ersten Meldung schon einmal auffällig gewesen? «Nein. Bis Juni 2017 wurde kein Vorgang verzeichnet. Er hat sich bis zur Attacke vom Sonntagabend in Flums nicht strafbar gemacht.» Auf dem russischen Social-Media-Profil «VKontakte» soll der 17-Jährige laut «Blick» unter seinen Interessen Genozid nennen, er arbeite bei der Al-Kaida und seine Firma heisse «Kinderschlachterei AG». Sein Lieblingsbuch sei «Mein Kampf» von Adolf Hitler.

Der Angreifer ist gestern Nachmittag erstmals einvernommen worden. Über sein Tatmotiv ist noch nichts bekannt. Einen terroristischen Hintergrund hatte die Polizei bereits am Sonntagabend ausgeschlossen. Sie geht von einem Einzeltäter aus. Es spreche «derzeit nichts für Komplizen». Der Jugendliche dürfte wegen mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung angeklagt werden, sagt Ramseyer. Und er werde sich wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz zu verantworten haben. Er sei einvernahmefähig trotz der erlittenen Schussverletzung bei der Festnahme.

«Eine Schussabgabe ist ein Albtraum für jeden Polizisten»

Die Polizei war am Tatabend bei der Tankstelle auf den Angreifer gestossen und hatte mehrere Schüsse auf ihn abgegeben. Weshalb? «Er reagierte nicht auf die Anordnungen der Polizei», erklärt Kripo-Chef Stefan Kühne. So sei er der Aufforderung, das Beil wegzulegen, nicht nachgekommen, habe sämtliche Haltesignale ignoriert und sei auf die Polizisten losgegangen. «Es ging darum, ihn handlungsunfähig zu machen», sagt Sigi Rüegg, Stellvertretender Kommandant der Kantonspolizei St. Gallen und Gesamteinsatzleiter. Daher habe die Polizei Taser und Schusswaffe eingesetzt. Weshalb der Taser nicht gewirkt habe, werde die Untersuchung zeigen, sagt Kripo-Chef Kühne.

Auf die Frage, wie viele Schüsse abgegeben wurden, antwortet Kühne: «Es waren mehrere.» Muss vor einem Schusswaffeneinsatz Rücksprache genommen werden? «Nein. Dazu fehlt die Zeit. Das sind Sekundenbruchteile.» Dann fügt er an: «Eine Schussabgabe ist ein Albtraum für jeden Polizisten.»

Die beteiligten Polizisten werden denn auch psychologisch betreut; sie sind weiter im Dienst. Droht ihnen wegen des Schusswaffengebrauchs ein Strafverfahren? Da kommt eine st.-gallische Besonderheit zum Tragen: Bevor die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung gegen Mitarbeitende der Kantonsverwaltung führen kann, muss die Anklagekammer über ihre «Ermächtigung» dazu entscheiden. Erst wenn diese vorliegt, kann die Staatsanwaltschaft aktiv werden.

Der letzte Schusswaffengebrauch liegt Jahre zurück. Als zwei Polizisten im März 2002 in Wittenbach einen wegen mehrerer Strassenverkehrsdelikte verurteilten und zur Verhaftung ausgeschriebenen Mann festnehmen wollten, weigerte sich dieser, die Tür zu öffnen. Eine Schlüsselservicefirma verschaffte den Polizisten schliesslich Zutritt zur Wohnung. Der Mann trat mit einem Sturmgewehr in den Händen vor die Polizisten. Daraufhin schossen die Polizisten auf den Mann und verletzten ihn. Die Anklagekammer entschied damals, gegen die beiden Polizisten sei eine Strafuntersuchung zu eröffnen. Das Untersuchungsamt verfügte später deren Aufhebung.

Das Medieninteresse an der Beilattacke von Flums war gestern riesig. Die Verantwortlichen von Kantonspolizei und Jugendanwaltschaft blickten in zahlreiche Kameras und gaben Dutzende von Interviews. Fast schien es, die Verantwortlichen hätten aus der Kritik an ihrer Kommunikation nach dem Fall Salez, als im August 2016 ein 27-Jähriger in einem Regionalzug Passagiere mit einem Messer und einer brennbaren Flüssigkeit bedroht hatte, gelernt: Die Kantonspolizei lud ihre Communiqués mehrsprachig auf die Homepage und benutzte die Kanäle der sozialen Medien.

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