Bald Euro-Lohn für Grenzgänger?

Durch die Aufhebung des Euro-Mindestkurses der SNB erhalten die Grenzgänger aus dem Euroland mehr Salär. Doch die Freude wird getrübt, weil einige Exportunternehmen sich offenbar eine Lohnzahlung in Euro überlegen.

Johanna Senn
Merken
Drucken
Teilen
Grenzgänger in der Schweiz und in Liechtenstein werden wohl auch weiterhin in Franken bezahlt. (Bild: Bilderbox)

Grenzgänger in der Schweiz und in Liechtenstein werden wohl auch weiterhin in Franken bezahlt. (Bild: Bilderbox)

REGION/ST. GALLEN. Zu einer Lohnerhöhung von fast 20 Prozent würde kaum jemand Nein sagen. Für die rund 8400 Grenzgänger des Kantons St. Gallen – und die rund 8000 Vorarlberger, die in Liechtenstein ihr Brot verdienen – wurde das vor einer Woche Wirklichkeit.

Rolf Wirth vom Amt für Wirtschaft und Arbeit in St. Gallen weiss: «Normalerweise werden in Arbeitsverträgen zwischen Schweizer Firmen und Grenzgängern die Löhne immer in Schweizer Franken vereinbart.»

Angst vor Arbeitslosigkeit

Unter dem starken Franken leidet auch die Exportwirtschaft der Schweiz. So ist es für die Firmen zunehmend schwerer, sich im Standort Schweiz zu behaupten. Diese Entwicklungen bestärkt die Angst der Grenzgänger, den Arbeitsplatz in der Schweiz unter Umständen ganz zu verlieren. «Generell kann das nicht gesagt werden», sagt Wirth. Zudem sei das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein zusätzlicher Schutz.

Eine Sparmöglichkeit für die Exportunternehmen wäre, die Löhne der Grenzgänger künftig in Euro, auf Basis vor dem Frankenschock, zu zahlen. «Eine Lohnkürzung nur für Grenzgänger erachten wir als nicht sinnvoll und problematisch», erklärt Rolf Wirth. Ausserdem plädiert er dafür, erst einmal mittelfristige Wechselkursentwicklungen Euro-Franken abzuwarten.

Eine andere Alternative wäre, den Lohn mit dem Einverständnis aller Mitarbeiter gesamthaft und vorübergehend etwas zu kürzen. Eine solche, konjunkturell bedingte Massnahme führte die Hilti AG in Schaan vor einigen Jahren durch. Um die Arbeitsplätze zu sichern, zogen Mitarbeitende und Chefs solidarisch mit, bis dies wieder aufgehoben werden konnte.

Die Grenzgänger würden grundsätzlich bei Lohnzahlung in Euro gleich viel verdienen wie vor der Stärkung des Frankens. Markus Probst, Präsident des Arbeitgeberverbands Sarganserland-Werdenberg, gibt zu bedenken: «Eine Bezahlung des Gehaltes in Euro würde bei Grenzgängern weniger <Schmerzen> verursachen als beispielsweise eine generelle Lohnsenkung bei Mitarbeitern mit Wohnsitz in der Schweiz.» Doch ob diese Massnahme tatsächlich durchgesetzt werde, sei schwer zu sagen.

Gehälter in Euro problematisch

Eine Bezahlung der Gehälter der Grenzgänger in Euro werde dann problematisch, wenn die Festsetzung gegen die Mindestlohnbestimmungen in Gesamtarbeitsverträgen verstosse oder eine «wiederholte missbräuchliche Unterbietung der orts-, berufs- oder branchenüblichen Löhne darstelle», heisst es beim kantonalen Amt für Wirtschaft. «Schutz bieten die Massnahmen zum Personenfreizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU», so Rolf Wirth.

Dass solche Massnahmen heikel sind, zeigt auch ein Entscheid des Kantonsgerichts Baselland aus dem Jahr 2012. Demnach verstösst eine Kürzungen der Löhne von Ausland-Pendlern gegen das Diskriminierungsverbot im Freizügigkeitsabkommen mit der EU («Tages-Anzeiger» vom 22. Januar).

«Vermutlich nicht zulässig»

Auch Unternehmen mit Sitz in der Region Liechtenstein-Werdenberg geben sich zurückhaltend: Ruedi Burkhalter, Geschäftsleitungsmitglied der Herbert Ospelt Anstalt in Bendern: «Die bei uns beschäftigten Arbeitnehmer haben einen Arbeitsvertrag in Schweizer Franken, der für beide Parteien verbindlich ist.» Aufgrund der aktuellen Wechselkurs-Situation prüfe man derzeit sehr intensiv, welche Massnahmen insgesamt notwendig sind, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig abzusichern. Aber spezielle Regelungen für Grenzgänger sieht er als heikel an: «Der Abschluss neuer Arbeitsverträge auf Eurobasis, welche nur Grenzgänger betreffen, ist vermutlich nicht einfach umzusetzen», fügt Burkhalter bei.

Bei Ivoclar Vivadent aus Schaan heisst es: «Die unerwartete Aufgabe des Euro-Mindestkurses trifft die Schweizer und Liechtensteiner Exportindustrie. Wir diskutieren gegenwärtig Massnahmen, um die finanziellen Auswirkungen abzufedern. Die Arbeitnehmer sollten von diesen Massnahmen unmittelbar nicht betroffen sein.» Generell sind vom W&O angefragte Unternehmen in dieser Frage sehr zurückhaltend respektive wollten gestern auf Anfrage keine Stellung nehmen.