Aus den Alpen ins Jazzlokal

In Brunnadern wird am Sonntag die Alphornmesse «Volles Rohr» uraufgeführt. Sie stellt ein Instrument ins Zentrum, das heute Anhänger auch unter Jazzmusikern hat. Und dem schon Pepe Lienhard einen seiner Grosserfolge verdankt.

Rolf App
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Über den Dächern der Grossstadt: Eliana Burki und ihr Alphorn. (Bild: pd)

Über den Dächern der Grossstadt: Eliana Burki und ihr Alphorn. (Bild: pd)

Pepe Lienhard weiss noch genau, wie 1977 das Alphorn in seine «Swiss Lady» gekommen ist. Etwa drei Jahre zuvor war er an der Funkausstellung Berlin mit seinem Sextett, dort sollten sie einen welschen Sänger namens Zaneth begleiten, «der auch ein paar Töne auf dem Alphorn spielte». In einer Pause probierte der Trompeter des Sextetts das Alphorn aus. «Ich glaube, er spielte <When the Saints go marching in>, der Regisseur war begeistert.»

Peter Reber komponiert ein Lied

Als Geschenk hat der Trompeter kurz darauf ein Alphorn bekommen, «von da an war es immer dabei», erzählt Pepe Lienhard in seinem Haus in Frauenfeld. Peter Reber komponierte dann jenes Lied, mit dem Pepe Lienhard für die Schweiz am «Grand Prix d'Eurovision» teilnahm und in der Schweiz Furore machte: «Swiss Lady» machte aus dem Alphorn ein Trendinstrument und löste es weithin sichtbar aus jener volkstümlichen Ecke, in die dieses Instrument durch seine Geschichte geraten war.

Dass so ein Alphorn mühelos ganz verschiedenartige Kulturen zu überbrücken vermag, weiss auch der Saxophonist und Komponist Daniel Schnyder in New York. Schnyder hat ein Konzert für Alphorn und Sinfonieorchester komponiert, das im Dezember auch vom Musikkollegium Winterthur aufgeführt wird – mit Eliana Burki am Alphorn. Schnyder ist in der Ostschweiz kein Unbekannter: Mit dem Artemis-Trio hat er letzten November eine Tournée durch den Thurgau unternommen. Schnyder lacht laut, als wir ihn fragen, ob er das Instrument denn auch schon gespielt habe. «Hineingeblasen habe ich schon, aber mit ganz mässigem Erfolg. Das Mundstück ist relativ klein, deshalb findet man unter den Alphornspielern auch viele Hornisten.»

«Funky Swiss Alphorn»

Der bekannteste unter ihnen ist der russische Jazzmusiker Arkadi Shilkloper. Noch einen zweiten Namen erwähnt Schnyder: Jenen von Eliana Burki, die auf einer CD sein Alphornkonzert spielt sowie das Stück «Der Bergschuh». «In poppigem Outfit macht sie unter dem Motto <Funky Swiss Alphorn> vor, dass das Instrument auch sexy sein kann», stellen Dieter Ringli und Johannes Rühl in ihrem kürzlich erschienenen Standardwerk «Die neue Volksmusik» fest.

Jazz und Alphorn, das scheint gut zu harmonieren. Daniel Schnyder erklärt auch, warum. «Das hat mit der Stimmung dieses Naturinstruments zu tun. Dessen Möglichkeiten sind zwar limitiert, aber man kann sehr interessante Sachen machen.» Eine physikalische Gesetzmässigkeit bedingt es, dass der siebte und vor allem der elfte Naturton für unsere Ohren «falsch» klingen. Der elfte Naturton heisst Alphorn-Fa und findet sich auch bei Naturtrompeten und Naturhörnern. «Jazzmusiker wie John Coltrane und Miles Davis haben gern auf diese lydische Farbe zurückgegriffen», sagt Daniel Schnyder. «Deshalb eignet sich das Alphorn so wunderbar für Jazz. Sowohl Eliana Burki wie Arkadi Shilkloper spielen denn auch Jazz.»

Den Auftrag für sein Alphornkonzert hat Schnyder übrigens vom Leiter des Menuhin-Festivals in Gstaad bekommen. «Ich hatte zuvor Trompeten- und Posaunenkonzerte komponiert, es sollte etwas Modernes werden, nicht so ein alpenmässiges Stück.»

Ein Lockmittel

«Alpenmässig» ist das Instrument über Jahrhunderte gewesen. 1527 wird zum ersten Mal in einer Urkunde ein Alphorn erwähnt. Bis ins frühe 19. Jahrhundert dient das Instrument weitgehend als Werkzeug der Alphirten, die es als Lockmittel einsetzen, wenn die Kühe zum Stall kommen sollen. Und die im Winter gern in die Dörfer ziehen, um dort, gegen Geld, das Alphorn zu spielen.

Ekkehards «Tuba alpina»

Weit früher, nämlich im Jahr 1030, beschreibt der St. Galler Mönch Ekkehard IV. eine «Tuba alpina, die dem Hirten dazu dient, seine Tiere zu versammeln». Allerdings ist dieses Blashorn noch weit vom heutigen Alphorn entfernt.