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ANGRIFF: «Verrückt, was passiert ist»

Am Tag nach der Beil-Attacke versuchen die Einwohner von Flums zur Normalität zurückzukehren. Doch das fällt schwer. Bei vielen herrscht Ratlosigkeit.
Hans Bärtsch
Zurück bleibt Leere: der Flumser Postplatz in der Nacht auf Montag. (Bild: Eddy Risch/KEY)

Zurück bleibt Leere: der Flumser Postplatz in der Nacht auf Montag. (Bild: Eddy Risch/KEY)

Hans Bärtsch

redaktion

@wundo.ch

Die Verkäuferinnen an der Agrola-Tankstelle sind freundlich wie immer, die Sandwiches zur schnellen Zwischenverpflegung schmackhaft – ebenfalls wie immer. Wenn man nicht wüsste, dass noch wenige Stunden davor Blutlachen den Teerboden vor dem Shop rot eingefärbt hatten, käme man nie auf die Idee, dass sich hier Ausserordentliches ­zugetragen hat. Die einzige Auffälligkeit: Die Reporterin eines Zürcher Lokalradios sucht ­Gesprächspartner. Über die Ausgiebigkeit der Aussagen schweigt sie sich aus. Sehr gesprächig seien die Leute im Dorf tatsächlich nicht.

Dieser Eindruck bestätigt sich auf dem Postplatz, wo das Unheil am Sonntag kurz nach 20 Uhr seinen Lauf nahm. Das am Platz gelegene Restaurant Post hatte am Sonntag geschlossen. Tags darauf wimmelt der Wirt die Medienvertreter schier im Dutzend ab. Was will er auch sagen, jetzt, wo jeder eine Meinung zum Geschehenen hat und noch etwas mehr beitragen kann zu einer Tat, die unisono als «schrecklich» und «unfassbar» bezeichnet wird? Rätsel gibt vor allem das Motiv des jungen Mannes auf, der im Dorf doch «immer freundlich gegrüsst hat» und unauffällig bei seiner Mutter und deren Lebenspartner in einem älteren Haus am Schilsbach gewohnt hat.

«Dachte zuerst an einen schweren Unfall»

Auch an der Ganischastrasse, dort, wo der mutmassliche Täter mit dem gestohlenen Auto in einen stabilen Maschendrahtzaun gekracht war, sind Reporter vor Ort. Diesmal Vertreter einer regionalen Fernsehstation. Der eingeknickte Zaun zeugt von der Wucht des Aufpralls. Absperrplastikbänder mit der Aufschrift «Polizei» flattern im Wind. Passanten sind um die Mittagszeit keine unterwegs. Jemand, der ebenfalls nicht zitiert werden will, sagt, er habe den Krach des Aufpralls gehört. Wie der junge Mann zu Fuss so schnell zur Agrola-Tankstelle ennet der Autobahn A3 gekommen ist, bleibt vorderhand sein Geheimnis. Dort jedenfalls endete seine gut einstündige Bluttat durch Schüsse von Kantonspolizisten.

Sie habe gewusst, dass etwas Schlimmes passiert sei, erzählt eine ältere Flumserin mit Verweis auf das Sirenengeheul von Polizei und Sanität, auf das Blaulicht und vor allem auf das mehrmalige Landen eines Rega-Helikopters in einer Wiese am Dorfrand. Zuerst habe sie an einen schweren Unfall auf der nahen Autobahn gedacht. Jüngere Flumser waren dann relativ schnell im Bild, dass es sich um ein anderes Ereignis handelt. Vor allem ein auf Social-Media-Plattformen fleissig geteiltes Video gab zu reden. Zu sehen gibt es darauf zwar fast nichts, aber der verzweifelte Hilfeschrei einer Frau fährt einem als Betrachter durch Mark und Bein.

Was hat den Schalter zum Kippen gebracht?

Am frühen Montagnachmittag, also noch keine 24 Stunden nach der Tat, machen etliche Einheimische einen müden, ratlosen Eindruck. Auf der Suche nach Antworten auf die vielen offenen Fragen werden sie auch bei jenen (Boulevard-)Medien nicht fündig, die des langen und breiten über den Fall berichten. Stattdessen stellen sich neue Fragen. Eine der zentralsten: Was hat den Schalter beim jungen Mann zum Kippen gebracht? Weshalb war er noch kurz vor der Tat mit Kollegen unterwegs, wie wenn nichts wäre? Waren seine düsteren Profilbilder und Posts auf sozialen Medien doch mehr als nur ein Spleen?

«Es ist verrückt, was hier passiert ist», sagt ein jüngerer Flumser. Er hoffe, dass es schnell vorbei sei. Seine Worte drücken wohl den Wunsch vieler aus. Und dürften für geraume Zeit ein frommer Wunsch bleiben. Denn das «Warum?» ist noch nicht einmal ansatzweise beantwortet. Vor allem auch für die Opfer nicht, die wahllos attackiert und dabei teils schwer verletzt wurden. Auch nicht für die Passanten, die beherzt eingriffen, und dabei selber ihr Leben riskierten. Flums – innerlich am Tag danach ein Dorf im Ausnahmezustand. Äusserlich bemüht, das Leben den normalen Lauf gehen zu lassen. So schwer das den meisten auch fällt. Die Rückkehr zur Normalität dauert in solchen Fällen oft länger als einem lieb ist.

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