Amtschef wollte Problem aussitzen

Das kantonale Amt für Mittelschulen hat den Fall S. eskalieren lassen und nichts zu einer Lösung beigetragen. Diese Kritik kommt auch von Bruno Etter aus Buchs, ehemaliges Mitglied der im Jahr 2012 aufgehobenen Aufsichtskommission der Kantonsschule Sargans.

Markus Rohner
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Christoph Mattle, Leiter Amt für Mittelschulen, beim Treffen 2003 in Rom mit Papst Johannes Paul II. (Bild: rvz)

Christoph Mattle, Leiter Amt für Mittelschulen, beim Treffen 2003 in Rom mit Papst Johannes Paul II. (Bild: rvz)

SARGANS. Am 8. Januar war Christoph Mattle noch zum Spassen zumute. Auf die Frage, wie er ins neue Jahr gestartet sei, antwortete er sibyllinisch: «Unter dem Krummstab lässt sich‘s gut leben.» Eine Woche später würde der Chef des St. Galler Amtes für Mittelschulen diese Aussage vielleicht nicht mehr machen.

Nachdem bekannt geworden ist, dass an der Kanti Sargans KSS ein Mathematiklehrer wegen seines angeblich zu anspruchsvollen Unterrichts und den damit einhergehenden Reklamationen aus Elternkreisen kurz vor seiner Kündigung steht, melden sich im Kanton kritische Stimmen aus dem Schulumfeld zu Wort.

«Aufsichtskommission fehlt»

Bruno Etter, langjähriger Schulratspräsident in Buchs und ehemaliger FDP-Kantonsrat, ist über die Entwicklung im Fall S. entsetzt. Während mehreren Jahren habe er als Mitglied der 2012 aufgehobenen Aufsichtskommission der KSS den Unterricht von S. visitiert und ihm jeweils nur beste Noten erteilt.

In dieser Kommission sei der angeblich jahrelang schlechte Unterricht von S. nie ein Thema gewesen. «Dass S. jetzt die Entlassung droht, ist für mich unbegreiflich», sagt Etter. Dieser ist überzeugt, dass es nicht zu dieser Situation gekommen wäre, gäbe es wie früher die Aufsichtskommission. «Die Entscheidungen heute allein dem Rektor zu überlassen ist fahrlässig.»

Das Amt verschanzt sich

Wenn im Amt für Mittelschulen «zudem noch ein Chef sitzt, der in heiklen Fällen die Zügel schleifen lässt, fehlt nicht viel zur Eskalation», sagt Etter. Im Bildungsdepartement fehle an der Spitze ganz offensichtlich eine starke Hand, die führe.

Das Amt für Mittelschulen war über den Fall S. immer bestens informiert. Laut Mattle soll auch Regierungsrat Stefan Kölliker regelmässig orientiert worden sein. Und KSS-Rektor Wurster holte bei wichtigen Entscheiden stets grünes Licht beim Amtsleiter ein. So auch im Frühjahr 2014, als es um die Entlassungsandrohung ging.

Versuche von S., einmal mit Christoph Mattle, den er seit langem persönlich gut kennt, telefonisch Kontakt aufzunehmen, scheiterten mehrfach. Als der Fall zu eskalieren drohte und S. aus gesundheitlichen Gründen krankgeschrieben wurde, sandte er im März 2014 in seiner Not per Mail zwei Hilferufe an den Amtsleiter. «Für mich stellt sich die Frage, wann für ein Amt der Zeitpunkt gekommen ist, aus dem Schatten der Verschwiegenheit heraus- und für eine langjährige und verdiente Lehrkraft einzutreten, wenn offensichtlich wird, dass das vom Rektor über die Lehrperson verbreitete Bild in starkem Masse abwertend ist und nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt.»

Mattles Antwort an den «lieben Philipp» war kurz und bündig. «Ich habe deine beiden Mails erhalten, samt Beilagen. Beide Mails leite ich an Stephan Wurster weiter, für den sie ja bestimmt sind. – Herzliche Grüsse Christoph.»

Gelegentlich geht es schnell

Zwei Dutzend Sarganser Kantonsschüler, die Ende Februar 2014 einen Brief an den Amtschef schickten, warten bis heute auf eine Antwort. Im Brief richten die Schüler an Mattle den Appell: «Welche Entscheidungen Sie auch treffen, wir würden uns sehr freuen, unseren bisherigen Mathelehrer S. wieder hier begrüssen zu dürfen.»

Gelegentlich kann der Amtschef aber auch schnell reagieren. Als er vor einer Woche erstmals Kenntnis erhielt von Medienrecherchen im Fall S., ging es keine 24 Stunden, bis der Anwalt von S. vom Dienst für Recht und Personal des Departements Kölliker einen Brief in Händen hatte. Gemäss diesem wird eine bis anhin vom Bildungsdepartement verweigerte Administrativuntersuchung jetzt plötzlich nicht mehr ausgeschlossen.

Beim Papst in Rom

Geht es um Tätigkeiten ausserhalb seines Büros, kann Mattle äusserst aktiv werden. In seiner Heimat sass er während Jahren im Bezirksgericht, führte in der Lokalzeitung eine Kolumne über den Rheintaler Dialekt und sitzt bis heute im Verwaltungsrat der lokalen Alpha Bank. Gern reist er auch in die Heilige Stadt, besucht dort die Schweizergarde und traf einmal sogar den Papst. Ob diese Römer Reisen immer mit einer Visitation der Schweizerschule und damit mit seiner Funktion als Amtsleiter begründet werden können, bezweifeln seine Kritiker.

Auch als Wahlkämpfer kann Mattle durchaus ungewöhnliche Kräfte entwickeln. Als 2011 seine Tochter Patricia den Sprung in den Nationalrat versuchte, spannte der Vater sein Netzwerk. An mehrere Dutzend Frauen und Männer, darunter auch an solche, die dem Mittelschulchef beruflich unterstellt sind, schickte er Bettelmails, in denen er um finanzielle und ideelle Unterstützung für seine Tochter bat. Auch der heute angeschossene S. wurde mit einem solchen Mail beglückt. Versehen mit dem sinnigen, damals sicher humorvoll gemeinten Schluss: «Herzlichen Gruss vom stressgeplagten Wahlhelfer-Papa Christoph.»