Altersgerecht aus erster Hand

Im Monat Mai stellen in der Ostschweiz zum 53. Mal rund 40 Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre Werke an Schulen vor. Die Aktion der Kantonsbibliothek St. Gallen erreicht rund 25 000 Jugendliche. Der W&O besuchte am 1. Mai eine Lesung im Schulhaus Weite.

Hans Hidber
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Uschi Flacke ist auch ein Gesangstalent und hat mit den Kindern einen Refrain zu den Textpassagen eingeübt. (Bild: Hans Hidber)

Uschi Flacke ist auch ein Gesangstalent und hat mit den Kindern einen Refrain zu den Textpassagen eingeübt. (Bild: Hans Hidber)

WEITE. Die deutsche Autorin Uschi Flacke ist ein wahres Multitalent. Sie, der in der Mittelschule eine Germanistiklehrerin bescheinigte, sie werde nie schreiben können, hat im Laufe der Zeit über 60 literarische Werke geschaffen: Kinderbücher, historische Romane, Erzählungen. Daneben hat sie verschiedene Fernseh- und Theaterproduktionen sowie zahlreiche Soloprogramme kabarettistischer Art aufgeführt.

Nach ihrer Schulzeit jobbte sie an einer Tankstelle, übernahm erste Statistenrollen in Fernsehproduktionen. Sie hatte Auftritte in der ZDF-Hitparade, holte das Abitur nach und studierte in Geschichte, Politikwissenschaft, Germanistik und Theater-, Film- und Medienwissenschaften. Dem jüngeren Fernsehpublikum wurde sie durch die Serie «Schloss Einstein» im Sender Kika bekannt.

Ein Ohrwurm und ein Filetstück

Bei ihrem Auftritt im Schulhaus Weite bewies Uschi Flacke nebst ihren schriftstellerischen, musikalischen und erzählerischen Talenten auch ein pädagogisches Flair. Damit vermochte sie die Erst- bis Sechstklässler sogleich in den Bann zu ziehen. Dabei kamen die ersten drei Klassen vor und die ältere Abteilung nach der Pause zum Zuge.

Die Autorin – nebenbei wirkt sie auch noch als Liedermacherin und Sängerin – brachte den Primarschülern zur Einstimmung ein eingängiges Liedchen bei. Dessen Refrain wurde nach kurzen Lese-Passagen aus einem Kinderbuch so lange wiederholt, bis er als Ohrwurm nachhaltig eingeprägt war.

Das Filetstück, ganz dem literarischen Verständnis der Unterstufe angepasst, war die Erzählung aus dem Pixi-Buch «Prinzessin Annabell» von Uschi Flacke. Das ganz und gar nicht prinzessinnenhafte Verhalten mit allerlei Aktionen mit ihrem Hund Wuschel inklusive Gangsterjagd sorgte für atemlose Spannung.

Hexenkinder früher und heute

Etwas schwerere Kost wurde der älteren Abteilung vorgesetzt. Das Buch «Die Hexenkinder von Seulberg» von der Autorin handelt von einer wahren, durch viele Dokumente belegten Geschichte aus dem Dorf Seulberg im Grossraum Frankfurt. Hier wurden um 1650 durch Falschaussagen von Kindern immer mehr Frauen und Männer der Hexerei angeklagt und landeten nach erfolterten «Geständnissen» auf dem Scheiterhaufen. Kinder wurden auch von geistlichen und weltlichen Dorfpotentaten für solche Anzeigen missbraucht, um unliebsame Personen aus Neid, Missgunst oder Rache loszuwerden und erst noch Sündenböcke für Unheil aller Art zu finden.

Die Autorin spannte einen Bogen zum heutigen Mobbing und Denunziantentum, auch wenn die Endstation nicht mehr der Scheiterhaufen ist. Sie nannte als Beispiel den kürzlichen Suizid einer Zwölfjährigen nach einer Hetzjagd in den sozialen Medien.

Aus der Trickkiste des Films

Auf grosses Interesse stiessen die praktischen Beispiele, mit welchen Tricks die Verfilmung einer brandgefährlich scheinenden Actionszene abläuft. Uschi Flacke war selber schon als Schauspielerin und Regisseurin tätig.

Es meldeten sich mehr als genug Freiwillige, um eine simple Szene nachzustellen: Ein mutiges Mädchen lässt einen stärkeren Gegner per Kinnhaken zu Boden gehen. Nur: Die kleine Faust saust hinter dem Kopf des Opfers vorbei, aber das Auge lässt sich täuschen – vorausgesetzt, der so Attackierte reagiert sekundengenau mit seiner Talfahrt. Mit dieser Demonstration verfolgte die Autorin auch ein pädagogisches Ziel; nämlich den Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit aufzuzeigen. Die meist brutalen Actionfilme sollen nicht als bare Münze genommen werden und nicht dazu verleiten, sie auf dem Schulplatz oder anderswo nachzuahmen.

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