ALTENRHEIN/ST. MARGRETHEN: Stadler platzt der Kragen

Der Schienenfahrzeughersteller Stadler hat Streit mit seinem Vermieter in Altenrhein. Nun will er die Produktion in einen Neubau in der Nähe des Bahnhofs St. Margrethen verlegen.

Christoph Zweili
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Das Altfeld-Areal in St. Margrethen: Für Stadler ist der Gleisanschluss entscheidend. (Bild: PD)

Das Altfeld-Areal in St. Margrethen: Für Stadler ist der Gleisanschluss entscheidend. (Bild: PD)

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Im grossen Industriepark in ­Altenrhein hat Dornier in den 1920er-Jahren das weltweit grösste Wasserflugzeug Do X gebaut. Heute entwickeln, fertigen und montieren hier 950 Stadler-Mitarbeiter auf über 49000 Quadratmetern modernste Doppelstockzüge, Strassenbahnen, meterspurige Schienenfahrzeuge und Reisezugwagen für den Schweizer und den internationalen Markt.

Der starke Franken macht dem Eisenbahnhersteller Stadler Rail schon länger zu schaffen. Trotz Kostenoptimierungs- und Effizienzsteigerungsprogrammen stösst das Unternehmen am Standort Altenrhein an Kapazitätsgrenzen. «Wir haben zum Jahresbeginn für unsere Engineering-Abteilung mit 250 hochqualifizierten Mitarbeitern Räume dazumieten müssen», sagt Standortleiter Markus Sauerbruch. Mit dem Vermieter der ­Fabrik habe man mehrere Male über die Möglichkeit einer nötigen Erweiterung beziehungsweise Optimierungen diskutiert. «Wir hätten aber neben den ohnehin hohen Mietkosten für die in den 1920er- und 1950er-Jahren entstandenen Gebäude auch die Umlagen der Investitions­kosten für einen Neubau tragen müssen.»

Areal-Verwalter wehrt sich gegen Stadler-Vorwürfe

Verwaltet wird das Areal in Altenrhein von der Auwiesen Immobilien AG. Dies im Auftrag der ­Zürcher Kantonalbank, welche Eigentümerin des Geländes ist. Gegenüber FM1Today sagte Immobilienverwalter Patrick Weibel gestern, er habe seit Montag Kenntnis von den Stadler-Umzugsplänen. Die Vorwürfe weist er zurück: Die Eigentümerin habe in den letzten fünf Jahren rund 13 Millionen Franken werterhaltende und wertvermehrende Investitionen getätigt. Weibel spekuliert, dass Stadler wohl den Mietvertrag drücken wolle.

Das Stadler-Management macht Ernst. Der von Peter Spuhler kontrollierte und geführte Konzern will nicht mehr länger in Altenrhein produzieren, wie er gestern mitteilte. Es seien verschiedene neue Standorte eva­luiert worden, sagt Sauerbruch. Fündig geworden ist das Unternehmen auf dem rund 84000 Quadratmeter grossen Altfeld-Areal in St. Margrethen, das wegen der Nutzfläche von 46000 Quadratmetern und des bereits vorhandenen Gleisanschlusses optimale Bedingungen bietet. Das habe mit den Ausschlag ­gegeben, sagt Sauerbruch. «Wir stellen unsere neu produzierten Züge direkt auf die Schiene, bevor wir sie nach einer dynamischen Prüfung in Erlen an die Kunden ausliefern.» Die Arealbesitzerin, die Hiag Immobilien AG, und Stadler haben sich auf einen Baurechtsvertrag mit einer Laufzeit bis Ende 2080 geeinigt.

Ein Neubau in zweistelliger Millionenhöhe

Ein Standort im Ausland sei nicht Thema gewesen, heisst es bei Stadler. Die Lage im Dreiländereck sei ideal, einen Zusammenhang mit der neuen Stadler-Tochter im südsächsischen Chemnitz gebe es nicht. Diese Woche ist bekannt geworden, dass der Fahrzeugbauer in Ostdeutschland 60 Ingenieure beschäftigt, die den Konzern in der Konstruktion, der Elektrik, der Pneumatik, bei technischen Berechnungen und bei Simulationen unterstützen.

Man beabsichtige nicht, in der Schweiz Stellen abzubauen, heisst es bei Stadler – das gelte auch für St. Margrethen. Für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag sollen hier ein modernes Bürogebäude für den Bereich Engineering und Beschaffung sowie ein Montage- und Produktionswerk gebaut werden. Für Stadler ist die Einheit von Engineering, Produktion und Beschaffung unter einem Dach «ein Erfolgsfaktor, den wir beibehalten wollen».

Voraussetzung für den Neubau ist die Umzonung in die Industriezone und die Anpassung des Überbauungsplans auf dem Areal, das unter dem Namen Europuls schon einmal Schlagzeilen gemacht hatte. Das 300-Millionen-Projekt scheiterte nach jahrelanger Planung an der Aufhebung des Euromindestkurses: Die Investoren sprangen ab. «Raumplanerisch ist der Stadler-Neubau am richtigen Ort», sagt der St. Galler Kantonsplaner Ueli Strauss. Der Kanton wolle dazu Hand bieten. Die Umzonung werde jetzt vorgeprüft und der Überbauungsplan in der Gemeinde St. Margrethen öffentlich aufgelegt.

Ist das gestrige Stadler-Communiqué nur eine Drohgebärde, oder ist in Altenrhein tatsächlich das letzte Wort gesprochen? Bei Stadler heisst es nur, dass jetzt erst die Antwort auf das Umzonungsgesuch abgewartet werden müsse: «Der Verwaltungsrat hat sich im Grundsatz für den Neubau ausgesprochen – der endgültige Entscheid steht aber noch aus.» Arealverwalter Patrick ­Weibel geht davon aus, «dass es noch Gespräche geben wird».