1974 per Handschlag nach Sevelen

Als «stolzer Bündner» ist Christian Hitz der Seveler Schule 42 Jahre treu geblieben. 16mal musste der Lehrer dabei sein Schulzimmer zügeln. Seit dem 9. Juli geniesst er nun die Pension und seinen endlich realisierten Bubentraum, einen 2CV.

Heini Schwendener
Merken
Drucken
Teilen
Christian Hitz zeigt vor seinen Blumen voll Stolz seinen Bubentraum, den kürzlich erworbenen Döschwo. (Bild: Heini Schwendener)

Christian Hitz zeigt vor seinen Blumen voll Stolz seinen Bubentraum, den kürzlich erworbenen Döschwo. (Bild: Heini Schwendener)

SEVELEN. Taubenblau, gepflegter Zustand, eigenwillige Formen: Christian Hitz strahlt über das ganze Gesicht, als er seinen kürzlich erstandenen Döschwo präsentiert: «Im Oktober wird er ein Oldtimer, ich freue mich, nun mit ihm <herumzutuckern>.» Ein 30jähriges Auto gilt als Oldtimer. Würden wir im Berufsleben diesen Massstab anwenden, dann wäre Hitz in der Schule Sevelen längst ein Oldtimer. 42 Jahre stand er ja in deren Dienst.

«Ich würde wieder Lehrer»

42 Jahre, von denen er kein einziges bereut, obwohl ihm das letzte mit einer sehr schwierigen Klasse zünftig zugesetzt hat. «Ich würde auch heute, unter all den veränderten Umständen, wieder Lehrer werden wollen», sagt er. Beginnen würde seine Lehrerlaufbahn sicher nicht mehr wie 1974, als er im Hotel Drei Könige bei einem Mittagessen an einem Sonntag die Stelle per Handschlag erhalten hatte. Als er schon in den Zug Richtung Bündnerland einsteigen wollte, wurde ihm noch unterbreitet, dass er im alten Schulhaus Stampf unterrichten müsse.

Für den «stolzen Bündner», als den er sich bezeichnet, war das jedoch kein Problem. «In Seewis, wo ich damals als Aushilfe unterrichtete, war die Schulstube in einem Privathaus untergebracht, ich musste sogar selber den Ofen im Zimmer beheizen.» Nach Sevelen hatte er damals vor seinem Stellenantritt schon Beziehungen, sah sich aber spätestens in fünf Jahren wieder ins Bündnerland zurückkehren.

Rauher Menschenschlag

Doch wie so oft im Leben: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Schnell wurde seine Familie nämlich in Sevelen heimisch. Obwohl er einmal von einem Seveler als «arrogantes Arschloch, das nie grüsst» beschimpft wurde. «Die Geschichte beruhte auf einer Verwechslung», erinnert sich Hitz. Nachtragend war er nicht gegenüber dem hiesigen Menschenschlag. Im Gegenteil, der gefiel ihm, «denn vom Prättigau her war ich mich ja auch rauh gewohnt.»

Akribisch genau hat sich der Lehrer im leicht vorzeitigen Ruhestand – 65 wird Hitz erst im Januar 2017 – auf unser Gespräch vorbereitet. So lässt sich denn seine berufliche Laufbahn bei der Schule Sevelen in einigen eindrücklichen Zahlen zusammenfassen: In den Schulhäusern Stampf, Gadretsch, Galstramm und Rans hat er unterrichtet, nicht aber im Bergschulhaus, wohin er gerne einmal gezügelt hätte. Apropos zügeln: 16mal musste er das Schulzimmer wechseln. Sogar noch diesen Frühling für sein letztes Quartal als Lehrer, weil sein geliebtes Schulhaus Rans derzeit umgebaut wird. «Dieses letzte Quartal habe ich aus den Kartonkisten gelebt, denn ich mochte sie gar nicht mehr auspacken.»

Kirche, Feuerwehr, Männerriege

Weitere Zahlen gefällig? Insgesamt 356 Schülerinnen und Schülern hat er während 1680 Wochen rund 50 400 Lektionen erteilt. Zu seinem 40. Geburtstag hat er sich ein Velo für den Schulweg gekauft. Mit diesem Schulvelo hat er bisher 49 700 Kilometer zurückgelegt, «die verbleibenden 300 hoffe ich bis zu meinem 65. Geburtstag auch noch zu schaffen», sagt der 64-Jährige.

In Sevelen ist Christian Hitz längst heimisch geworden und hat sich nicht nur kraft seines Berufes in der Gemeinde verdient gemacht. In der Männerriege, als Kirchenrat, als Synodale und als Feuerwehrler, der es bis zum Stv. des Kommandanten brachte – überall hatte es Hitz mit interessanten Leuten zu tun und hat er Freundschaften geschlossen. Der wichtigste Grund aber, dass es ihn nicht doch wieder in die Bündner Berge gezogen hat, war natürlich seine Zufriedenheit im Beruf. «Die Schulgemeinde war immer eine gute Arbeitgeberin, das zeigt sich auch daran, wie viele Lehrer sehr lange hier tätig bleiben. Die ganze Schulfamilie, inklusive Schulrat, das passte einfach immer zusammen», sagt er im Rückblick.

Natürlich hat sich in den vier Jahrzehnten viel verändert: am Berufsbild des Lehrers, an seiner Stellung in der Gesellschaft sowie an den Ansprüchen gegenüber der Schule. Und dann erst die vielen Reformen, der Einzug der Bürokratie usw. Auch wenn nicht alle diese Veränderungen nach Hitz' Gusto waren, so mag er nicht darüber lamentieren. «Ich habe alles Schöne genossen, und den Rest ausgeblendet und schliesslich vergessen», meint er. In der Bilanz waren die vergangenen 42 Jahre für ihn stimmig.

Wertvoller Bildungsurlaub

Stimmig und durchsetzt mit vielen Höhepunkten. Wie beispielsweise seinem Bildungsurlaub im Jahr 1995. «Danach kam ich frisch motiviert ins Klassenzimmer zurück und habe mein neu erworbenes Computer-Know-how in die Schule Sevelen einbringen können.» Gerne hört Hitz Geschichten darüber, was aus seinen ehemaligen Schülern geworden ist. Und wenn er dann Jahre später sogar deren Kinder unterrichten durfte, war das für ihn ein ganz besonders schönes Erlebnis. Wie auch jene Klassenzusammenkunft, zu der er eingeladen wurde. Er und seine ehemaligen Schützlinge hatten sich so viel zu erzählen, dass sich die fröhliche Runde erst am nächsten Morgen um 7.30 Uhr wieder auflöste.

«Autonomisten in Rans»

Als Christian Hitz seine letzte Stelle im Schulhaus Rans antrat, fragten ihn einige Leute, ob er nun strafversetzt worden sei. Mitnichten, lautete jeweils seine Antwort. Im Kleinteam im alten Ranser Schulhaus – auch das längst ein Oldtimer – fühlte sich Hitz besonders wohl. Als «die Autonomisten in Rans» wurden sie vom Schulleiter in Sevelen zuweilen bezeichnet, dies sowohl mit anerkennendem wie auch humoristischem Unterton.

Nun ist all dies Geschichte. Das Oldtimer-Schulhaus in Rans wird saniert. Christian Hitz kann sein Schulvelo, das auch schon bald ein Oldtimer ist, vermehrt ausfahren. Und seinen taubenblauen 2CV. Nur er selber ist – nun in der Gruppe der Rentner – noch kein Oldtimer.