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Reportage

Der Hammer fällt bei 1,8 Millionen: Vom teuersten je in der Ostschweiz versteigerten Gemälde und gefährlichen Handbewegungen

Das teuerste je in der Ostschweiz versteigerte Gemälde bleibt nicht die einzige Überraschung. Zu Besuch im einzigen Auktionshaus für Kunst in der Ostschweiz.
Noemi Heule
Der Hammer setzt den Preis: Eins von rund 250 Kunstwerken, die an der Auktion Freitag feilgeboten wurden. (Bild: Benjamin Manser)

Der Hammer setzt den Preis: Eins von rund 250 Kunstwerken, die an der Auktion Freitag feilgeboten wurden. (Bild: Benjamin Manser)

Eins, zwei, drei Schläge, Holz auf Holz. Die Auktion ist eröffnet. Leicht liegt der Hammer, die Insignie des Auktionators, in der Hand von Markus Schöb. Er wird an diesem Nachmittag noch fast 250 Mal runter sausen, manchmal blitzschnell, wenn das Interesse gering ist, manchmal erst nach einer Pause der Anspannung, Adrenalin in der Luft, wenn die Bieter die Preise in einer wilden Verfolgungsjagd in ungeahnte Höhen treiben.

Auktinator Markus Schöb in Aktion. (Bild: Benjamin Manser)

Auktinator Markus Schöb in Aktion. (Bild: Benjamin Manser)

Wer an diesem regnerischen Freitag durch die feudale Schwingtür tritt, die lachsfarbenen Marmorstufen erklimmt und im oberen Stock an der St.Galler Unterstrasse die Galerie Widmer betritt, wähnt sich in der Kulturhauptstadt der Schweiz. Auf Baslerdeutsch empfängt Saskia Olsson die Gäste, dem Dialekt der Kunst, der Fondation Beyeler, der Art Basel oder des Tinguely-Museums. Sie nimmt Personalien entgegen und weist den Weg in den Auktionsraum.

Die Dekoration nimmt Überraschung vorweg

Im Gegensatz zum Entrée ist er schlicht, weisse Wände, schwarzer Spannteppich, Holzstühle in Reih und Glied. Wer keinen der 100 Sitzplätze ergattern konnte, muss mit einem Schemel Vorlieb nehmen, andere stehen. Der Andrang ist grösser als erwartet. Nur drei Bilder in goldenen Rahmen schmücken den nüchternen Raum, eins davon zeigt einen Strauss Margritli des Thurgauer Malers Adolf Dietrich. Ganz so, als hätte man bei der Dekoration geahnt, dass genau dieses Werk zur Überraschung des Tages wird.

«Der Margeritenstrauss» des Thurgauer Malers Adolf Dietrich übertrifft alle Erwartungen. (Bild: Benjamin Manser)

«Der Margeritenstrauss» des Thurgauer Malers Adolf Dietrich übertrifft alle Erwartungen. (Bild: Benjamin Manser)

Im Foyer tigert ein älterer Herr mit Karohose im Kreis, die Arme auf dem Rücken verschränkt, das Bietertäfelchen fest umklammert, Nr. 25. Er will bieten heute. Wofür, möchte er nicht verraten. Eine Studentin legt ihren knöchellangen Mantel ab, auch sie ist gekommen, um zu bieten. Für ein Aquarell von Clara Porges, eine Seestimmung in Blautönen.

Die 24-Jährige studiert Recht an der Uni St.Gallen und Kunstrecht in Basel. Bald legte sie eine Prüfung in Auktionsrecht ab, zuvor will sie ihre erste Auktion erleben. Und vielleicht ihr erstes Werk ersteigern. Ähnliche Grössen hätten den Besitzer für 1500 Franken gewechselt, definiert sie ihren Preisrahmen.

Gekommen, um zu bieten. (Bild: Benjamin Manser)

Gekommen, um zu bieten. (Bild: Benjamin Manser)

Ein pensionierter Arzt stützt sich auf den silbrigen Knauf seines Stocks. Er ist aus Zürich angereist wegen der Appenzeller Kunst; Werke von Babeli Giezendanner, Albert Enzler oder Fritz Frischknecht stehen auf seiner Wunschliste.

Ist Christoph Blocher am Apparat?

Auf wessen Wunschliste wohl das Prunkstück der Auktion steht? Das Augenmerk jedes Eintretenden richtet sich sofort auf das Bild in dunklen Tönen, das im Foyer thront, umfasst von einem mächtigen Goldrahmen: Eine Frau mit Spitzenhaube, umgeben von 14 Mädchen in einer schummrigen Stube, versunken in ihre Strickarbeiten. «Die Strickschule», ein Frühwerk von Albert Anker, steht mit einem Richtpreis bis 1,5 Millionen Franken im Katalog. Es ist die Krönung der Auktion.

Das Prunkstück der Auktion: «Die Strickschule» von Albert Anker. (Bild: Benjamin Manser)

Das Prunkstück der Auktion: «Die Strickschule» von Albert Anker. (Bild: Benjamin Manser)

Zuvor laufen sich Auktionator und Publikum warm. Bereits beim dritten Werk «Amdener Treppe» klettert der Preis in unerwartete Höhen. Schöb gibt den Takt vor, der Hammer ist nun auch Dirigierstab, wenn er ihn auf die Höchstbietenden richtet, links, rechts, vorne oder hinten im Saal. Nur einmal muss er jemanden zurechtweisen. Ein Herr beugt sich zum Sitznachbarn, und während er ihm etwas zuflüstert, reckt sich sein Arm gefährlich in die Höhe. Schöb warnt:

«Wer aus Versehen die Hand hebt, geht mit einem Bild nach Hause.»

Ein erster Spannungsmoment: Die« Amdener Treppe» lässt die Preise in die Höhe klettern. (Bild: Benjamin Manser)

Ein erster Spannungsmoment: Die« Amdener Treppe» lässt die Preise in die Höhe klettern. (Bild: Benjamin Manser)

Dann folgt «Die Strickschule» mit einem Startpreis von 1,2 Millionen Franken. Stille im Saal. Pause, bevor zwei Bieter am Telefon zum Duell ansetzen. Der Preis springt in 100'000er-Schritten nach oben. Ein Dritter Telefonbieter steigt ein. Die Mitarbeiter der Galerie heben anstelle der Bieter am anderen Ende der Leitung die Hände in die Höhe und kommentieren das Geschehen in Echtzeit. «1,3 against you», raunt einer von ihnen in den Hörer, «1,4 with you», und zum Schluss «I’m sorry, you didn’t get it».

Das teuerste je in der Ostschweiz versteigerte Gemälde

Der Hammer fällt bei 1,8 Millionen. Es ist das teuerste je in der Ostschweiz versteigerte Gemälde. Dass die Auktion, obwohl in St.Gallen stationiert, auch internationale Bieter anlockt – eine Anruferin schaltet sich aus New York zu – freut die Galerie besonders. Die Besucher im Saal applaudieren für den anonymen Bieter am Telefon. Die Krönung bleibt ein kurzes Spektakel.

Auch per Telefon werden Gebote entgegen genommen. Wer am anderen Ende der Leitung ist, bleibt ein Geheimnis. (Bild: Benjamin Manser)

Auch per Telefon werden Gebote entgegen genommen. Wer am anderen Ende der Leitung ist, bleibt ein Geheimnis. (Bild: Benjamin Manser)

Wer den Zuschlag erhalten hat, wird niemand erfahren. War es Christoph Blocher? Der SVP-Doyen besitzt die grösste Anker-Sammlung mit seinen Darstellungen des ländlichen Volkslebens. Auch Ferdinand Hodler oder Adolf Dietrich gehören zu den Favoriten für seine bedeutende Sammlung Schweizer Kunst. Der «Freiburgerstier», eine Tuschezeichnung aus der Feder von Hodler, wechselt später ebenfalls per Telefon den Besitzer.

Christoph Blocher am Apparat?

Während die Künstlernamen – Anker, Giacometti, Hodler, Lichtenstein, Signer oder Warhol – Garant für den Wert der Gemälde und ihr wichtigstes Etikett sind, bleiben die Käufer bewusst namenlos. Bieternummer und Preis, zwei Zahlen, sind alles, was zählt; Diskretion ist oberstes Gebot. Die Bieter am Telefon und jene im Saal wollen inkognito bleiben. Es ist nur Gedankenspiel, als auch der Margaritenstrauss von Dietrich an einen Telefonbieter geht: Ist Blocher am anderen Ende der Leitung?

Ein Strauss Wiesenblumen entfacht einen wilden Bieterkrimi. (Bild: Benjamin Manser)

Ein Strauss Wiesenblumen entfacht einen wilden Bieterkrimi. (Bild: Benjamin Manser)

So oder so entfaltet sich ein wahrer Bieterkrimi um die über 100 Wiesenblumen des Thurgauer Malers, jede Blüte ein Unikum. Der Startpunkt liegt bei 70'000 Franken, rund 90'000 sind zu erwarten. Doch zwei Bieter am Telefon schaukeln ihn weiter in die Höhe, über 100'000, über 200'000, über 300'000. «Sie haben einen starken Gegner», murmelt ein Mitarbeiter ins Telefon, bevor sein Gesprächspartner aussteigt. Dafür streckt bei 320'000 Franken plötzlich auch ein Besucher im Saal die Hand in die Höhe. Bei 350'000 ist Schluss; der Telefonbieter liess sich nicht übertrumpfen.

Plötzlich wird aus dem Telefonduell ein Dreikampf, als auch ein Bieter im Saal einsteigt. (Bild: Benjamin Manser)

Plötzlich wird aus dem Telefonduell ein Dreikampf, als auch ein Bieter im Saal einsteigt. (Bild: Benjamin Manser)

«Ein stolzer Preis», anerkennt Schöb, der ansonsten wenig kommentiert. Er ist mehr Regisseur denn Unterhalter. Nur ab und zu zeigt er seine Überraschung, wenn ein Gemälde keinen Käufer findet. Oder er fügt beiläufig eine Randbemerkung an. Etwa jene der «netten älteren Dame», die am Vormittag in der Galerie vorbeischaute. Sie stand 1960 für das Werk «Appenzeller Stickerin» des Teufner Malers Hans Zeller Modell. Heute ist das Ölgemälde 19000 Franken wert.

Als die Ostschweizer Künstler an die Reihe kommen, Vater Carl August und Sohn Carl Walter Liner, Hans Zeller oder Ferdinand Gehr, leert sich der Saal allmählich. Viele gehen, sobald sie ihr Wunschwerk ergattert haben, oder nachdem sie überboten wurden.

Ein Exemplar aus dem Fundus von Ostschweizer Kunst «Arbeiten auf dem Bauernhof bei Tauwetter »von Albert Manser. (Bild: Benjamin Manser)

Ein Exemplar aus dem Fundus von Ostschweizer Kunst «Arbeiten auf dem Bauernhof bei Tauwetter »von Albert Manser. (Bild: Benjamin Manser)

Der Zürcher Arzt mit dem Faible für Appenzeller Malerei geht als Besitzer dreier Alpfahrten auf Karton. Der Herr im Karomuster hat eine Appenzeller Winterlandschaft namens «Es chont go dri regne» ersteigert. Die Jusstudentin geht unverrichteter Dinge. Der Preis für das Aquarell überstieg ihren Preisrahmen um das Doppelte.

Als der Hammer zum letzten Mal schwer aufschlägt, rinnt Markus Schöb der Schweiss in den Hemdkragen. Vier Stunden Dauerkonzentration, vier Stunden Dauerreden. «Jetzt brauche ich ein Halsbonbon», sagt er.

Traditionshaus streckt Fühler nach Basel aus

Die Galerie Widmer ist das einzige Auktionshaus für Kunst in der Ostschweiz. 1977 von Hans Widmer als Buch- und Kunstantiquariat gegründet, wurden ab 1980 auch Auktionen durchgeführt. Vor fünf Jahren übernahm Markus Schöb die Geschäftsleitung. 2018 fusionierte das Traditionshaus mit Beurret & Bailly aus Basel. Seither findet in der Ostschweiz noch einmal jährlich eine Auktion statt, zweimal wird eine solche in Basel durchgeführt, einmal während der Art Basel.

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