«Wenn wir schon nicht ins Sittertobel können, feiern wir halt hier»: Polizei verzeichnet am Wochenende so viele Lärmklagen wie nie zuvor

Auf dem Gelände des Open Air St.Gallen wollte niemand feiern. Stattdessen verlagerten die Festivalfans ihre Partys in den Wald, auf Bauernhöfe und mitten in die Stadt.

Raphael Rohner
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«Es blieb still im Sittertobel, lediglich zwei die ihren Lehrabschluss feierten, wollten ihre Zelte aufschlagen hinter der Sitter», sagt der Mediensprecher der Stadtpolizei Dionys Widmer. Der Ansturm und illegale Partys auf dem Gelände des Festivals blieben aus. Die Stadtpolizei blieb über das ganze Wochenende präsent im Sittertobel. Widmer zeigt sich mit dem Einsatz im Tobel zufrieden: «Es war wohl anfänglich nicht allen bewusst, dass es verboten ist, daran hielten sich die Leute.» Stattdessen wurde andernorts gefeiert.

Musiker aus Amerika an privatem Festival

In der ganzen Region veranstalteten Privatpersonen kleine Feste und Feiern anstelle des Open Airs. In Engelburg zum Beispiel wurde bei einem Bauernhof eine Bühne aufgestellt, Open-Air-Dekoration aufgehängt, Musikanlage aufgebaut und ein Musiker aus den USA engagiert. Ein Paar hat das Fest organisiert, um doch etwas von der Festivalstimmung aufleben zu lassen: «Wir wollen auf dieses Fest nicht verzichten und haben alle unsere Freunde eingeladen. Den Ostschweizern tut das Herz weh, als würde man nicht an die Olma können - was dann ein anderes Problem wird», hiess es.

Festivalstimmung auf dem Bauernhof: In Engelburg wurde das Open Air nachgeholt.

Festivalstimmung auf dem Bauernhof: In Engelburg wurde das Open Air nachgeholt.

Bild: Raphael Rohner

Am Abend waren rund 60 Leute beim Bauernhof und die Stimmung war ausgelassen. Der Musiker spielte einen Evergreen nach dem anderen und man sang mit. Auch andernorts wie zum Beispiel in Herisau wurden Zelte und Pavillons aufgestellt und sogar im Regen ausgeharrt: «Wenn schon, denn schon», sagte einer der Zeltenden dort. Es gehe um das Feeling draussen zu sein und Zeit mit seinen Kollegen zu verbringen. Laut Musik zu hören und morgens ein Bier zu trinken, sei da ganz normal, sagen die Fesivalfans.

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Doppelt so viele Lärmklagen wie sonst

Mit der Lautstärke der privaten Feiern hatten an diesem Wochenende viele zu kämpfen. «Über den ganzen Kanton St.Gallen sind dieses Wochenende 45 Lärmklagen bei uns eingegangen», sagt Florian Schneider von der St.Galler Kantonspolizei. Das sei viel, sagt er. In der Stadt St.Gallen gingen am Open-Air-Wochenende 29 Lärmklagen ein. «Das sind es mehr als doppelt so viele Lärmklagen wie vor einem Jahr um die gleiche Zeit», sagt Dionys Widmer von der Stadtpolizei. Widmer ergänzt: «In den letzten zwei bis drei Monaten haben die Lärmklagen wohl auch wegen dem Lockdown deutlich zugenommen.»

Nach Mitternacht feierten viele Leute in den Gassen weiter.

Nach Mitternacht feierten viele Leute in den Gassen weiter.

Bild: Raphael Rohner

Ein Blick um Mitternacht in St.Gallens Strassen zeigt auch eine Vielzahl von Leuten mit Open-Air-Shirts oder Pullovern die Bier trinken und sich unterhalten. Zwei Mädchen singen vor der Südbar ein Lied: «Wenn wir schon nicht ins Sittertobel können, feiern wir halt hier.» Ein junger Mann dahinter hat einen Campingstuhl auf dem Trottoir aufgestellt und trinkt ein Bier im Plastikbecher:

«Hier muss man wenigsten nicht 8.50 Franken für ein Grosses bezahlen.»
Ein Festivalfan feiert in der St.Galler Innenstadt statt im Sittertobel.

Ein Festivalfan feiert in der St.Galler Innenstadt statt im Sittertobel.

Bild: Raphael Rohner

Auffällig waren die vielen Leute auf den Gassen, die wohl zu jung für Clubs und Bars waren. Vielerorts wurde auch lange nach Mitternacht noch Musik aus transportablen Boxen gespielt und gefeiert. Ein älterer Herr läuft kopfschüttelnd vorbei und kommentierte die Szene kurz : «Ich hoffe, dass das Open Air nächstes Jahr wieder ist, dann sind all diese Kinder wenigstens an einem Ort versorgt und lungern nicht mehr in der Stadt herum.»

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