«Wenn Weltkulturerbe, dann richtig»: Regierungsrat Martin Klöti im Interview über Klosterplan und Kulturpolitik

Im St.Galler Stiftsbezirk beginnt am nächsten Wochenende eine neue Ära. Regierungsrat Martin Klöti über die Ausstellung mit dem weltberühmten Klosterplan, den erwarteten Besucherschub und Kulturprojekte im engen Finanzkorsett.

Marcel Elsener, Adrian Vögele
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«Ich möchte einmal Schlangen vor unseren Kulturinstitutionen sehen»: Regierungsrat Martin Klöti. (Bild: Urs Bucher)

«Ich möchte einmal Schlangen vor unseren Kulturinstitutionen sehen»: Regierungsrat Martin Klöti. (Bild: Urs Bucher)

Die Premiere naht, der St.Galler Klosterplan wird fürs Publikum inszeniert, Bundesrat Alain Berset kommt. Haben Sie Lampenfieber?

Martin Klöti: Ja, ich habe Lampenfieber. Das wird der krönende Höhepunkt meiner Amtsdauer. Das Weltkulturerbe Stiftsbezirk als Ganzes spielt in einer neuen Liga. Seit Jahren arbeiten wir darauf hin, ein Gesamtangebot zu schaffen: Das Publikum soll nicht mehr nur punktuell einzelne Elemente wie die Stiftsbibliothek oder deren Gewölbekeller – das ehemalige Lapidarium – besuchen, sondern den Klosterbezirk als Einheit erleben können. Dazu rückt das Stiftsarchiv mit seinen Schätzen mehr ins Rampenlicht.

Warum braucht es dafür den Klosterplan?

Das Stiftsarchiv konnte bislang nur alle vier Jahre eine Ausstellung zeigen. Das älteste Klosterarchiv des Abendlands! Wunderbare Dokumente liegen dort, Verbrüderungsbücher, das einzige erhaltene Professbuch des frühen Mittelalters, Urkunden mit den ersten schriftlichen Nennungen von tausend Orten im gesamten Bodenseeraum. Ein solches Archiv hat eine permanente Ausstellung verdient. Damit rannte ich bei Stiftsarchivar Peter Erhart offene Türen ein. Wir fanden aber: Wenn wir das schon machen, dann brauchen wir einen weiteren publikumswirksamen Aspekt der St. Galler Schriftlichkeits-Tradition. Da kam uns die Idee, den berühmten St.Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert erstmals dem Publikum im Original zu zeigen. Übrigens: Der Plan fiel ja nur aufgrund der ebenfalls darauf geschriebenen Lebensbeschreibung des Heiligen Martins an die Stiftsbibliothek, vom Quellentypus her gehört er ohnehin eher ins Stiftsarchiv.

Das unschätzbar wertvolle Original befindet sich in der Obhut der katholischen Kirche. Wie sind Sie als Kantonsvertreter daran herangekommen, als reformierter Zürcher noch dazu?

Wir führten einen intensiven Dialog, der Prozess dauerte sechs Jahre. Nun kann ich sagen: Noch nie seit der Kantonsgründung 1803 waren sich der Staat und der katholische Konfessionsteil so nahe wie jetzt.

Was war die Sorge der Katholiken?

Der Plan liegt seit langer Zeit gut behütet in der Stiftsbibliothek, sich davon zu trennen, ist nicht einfach. Es ging dann allen darum, ein Gesamtkonzept zu schaffen, das allen Akteuren passt. Dieses wurde von Stiftsbibliothekar Cornel Dora ausgearbeitet. Dazu gehörte auch die erfolgte Erneuerung der Ausstellung im Gewölbekeller der Stiftsbibliothek. Wir vergrössern so das Gesamtangebot, was auch aus touristischer Sicht wichtig ist. Wir haben mit der Dietschweiler-Stiftung private Geldgeber im Boot, die zu Recht verlangen, dass wir den Stiftsbezirk besser vermarkten.

Es sind also wirtschaftliche Interessen mit im Spiel.

Eine gute Vermittlung von Kulturerbe bringt immer volkswirtschaftliche Vorteile. Das Ziel ist, dass wir die Besucherinnen und Besucher länger in St. Gallen halten können – dass sie nicht nur für eine Stunde die Stiftsbibliothek besichtigen und dann gleich wieder in den Car steigen, um in Lindau für zehn Euro essen zu gehen.

Fördert die Inszenierung des Klosterplans nicht genau diese Art von Kulturkonsum für die Massen? Wie bei der Mona Lisa oder den britischen Kronjuwelen?

Nie und nimmer. Unser Gesamtkonzept trägt den historischen und auch spirituellen Aspekten des Stiftsbezirks Sorge. Die Menschen kommen zudem immer noch vor allem wegen der Stiftsbibliothek, aber sie können darüber hinaus mehrere weitere Orte im Stiftsbezirk besichtigen: Kathedrale, Gewölbekeller und Stiftsarchiv-Ausstellung. Dafür gibt es auch ein Kombiticket. Wenn Weltkulturerbe, dann richtig – das ist mein Grundgedanke. Wir erwarten einen Schub von etwa 20 000 zusätzlichen Besuchern.

Die neue Dauerausstellung belegt allerdings einen Raum, in dem vorher teils viel beachtete Wechselausstellungen Platz fanden – etwa über Niklaus Meienberg.

Das war eine wichtige Frage, die wir intern klären mussten. Doch irgendwann musste ich sagen: Das Stiftsarchiv mit seinen weltweit einzigartigen Objekten hat Priorität. Kantonale Ausstellungsprojekte, die zeitgenössische Kunst mit dem kulturellen Erbe verbinden, sind nun an wechselnden Orten zu sehen, wie in Lichtensteig oder im Kloster Magdenau und in diesem Sommer in Sargans, was dem Ringkanton St.Gallen noch besser gerecht wird.

Die Stiftsbibliothek erhält seit kurzem Beiträge vom Bund. Das Textilmuseum ging hingegen leer aus. Wird dieser Teil der St.Galler Geschichte in den Schatten gestellt?

Ganz im Gegenteil. Mein Herz schlägt sehr für das Textilmuseum, das nun mit der neuen Stiftung auf einem guten Weg ist. Wir sind bereit, uns für 2021 beim Bund anzumelden. Letztes Mal klappte es nicht, weil unter anderem die Besucherzahl zu tief war. Und was die Besucher angeht: Vom Tourismusbüro ist es zum Textilmuseum etwa gleich weit wie bis zum Ausstellungssaal des Stiftsarchivs. Die Angebote ergänzen sich.

Nachdem das Volk die Sanierung des Theaters abgesegnet hat, kommt als nächstes kulturpolitisches Projekt das Klanghaus Toggenburg zur Abstimmung. Wie sehen Sie dem Urnengang im Juni entgegen?

Ich bin sehr optimistisch. Wenn man mit den 160 Millionen Franken für den HSG-Campus Platztor vergleicht, über den wir am gleichen Tag abstimmen, ist das Klanghaus mit 23 Millionen verhältnismässig günstig. Auch ist das Projekt jetzt schlanker und für den Kanton weniger teurer als anfangs angedacht. Natürlich gibt es Gegner. Meine Partei, die FDP, hat aber am Donnerstagabend klar die Ja-Parole beschlossen.

Die Kulturförderung steht in St.Gallen im Gesetz – doch die Finanzierung über den Staatshaushalt funktioniert nicht so richtig.

Es gibt Aufgaben wie die Archäologie und die Denkmalpflege, die über den Staatshaushalt laufen müssten. Doch wir zahlen das aus dem Lotteriefonds. Darum sinken tendenziell die Beiträge für kulturelle Einzelprojekte. Ich versuchte, das zu ändern, fand aber oft nicht einmal in der Regierung eine Mehrheit. Zudem hat das Parlament die Kulturausgaben inzwischen plafoniert. Ich finde das hilflos – die Politik verweigert den Dialog. Dabei können wir nicht oft genug aufzeigen, dass es bei uns in der Archäologie drei Vollzeitstellen gibt, aber im Thurgau, der halb so gross ist, ein Vielfaches davon. Obwohl wir immer wieder Sensationsfunde haben.

Trotzdem geht es da und dort voran. In der Stadt ist eine neue Zentrumsbibliothek geplant. Wie sind Sie mit dem Vorhaben zufrieden?

Ich finde es sehr gut, dass man sich nun auf das Uniongebäude als Standort konzentriert. Als Landschaftsarchitekt wünsche ich mir vor allem einen Bezug zum öffentlichen Raum. Die Bibliothek verzeichnet bereits heute im Provisorium in der Hauptpost über 100'000 Besucher pro Jahr. Die neue Bibliothek muss dieser Magnetwirkung gerecht werden und soll eine Visitenkarte für die Stadt sein, die auch das Stadtzentrum belebt und indirekt dem Gewerbe hilft.

Da wir von Büchern sprechen: Ist es Zeit für ein St.Galler Literaturhaus?

Da bin ich skeptisch. Statt einer weiteren Institution ist vielmehr ein Literaturraum in der neuen Bibliothek geplant, schliesslich sollen dort auch Veranstaltungen stattfinden. Das könnten auch Literaturfestivals, Schreibwerkstätten und so weiter sein. Mit der jetzt aufgeworfenen Idee für ein Literaturhaus ist es ein wenig wie mit dem Ruf der freien Theaterszene nach einem eigenen Haus: Wir sollten das Angebot nicht überreizen, St.Gallen ist nicht Zürich. Ich möchte einmal Schlangen vor unseren bestehenden Kulturinstitutionen sehen!

Stimmt der Eindruck, dass Sie als Kulturchef wenig prägen konnten, sondern den Status Quo sichern mussten?

Dieses Interview beweist das Gegenteil. Immerhin ging es im Stiftsbezirk, beim Bibliotheksvorhaben, beim Klanghaus und bei der Theater-Sanierung doch vorwärts. Auch die neuen Museen in Schloss und Städtli Werdenberg wurden in meiner Zeit eröffnet und haben sich etabliert. Ich habe in der Kultur – wie in jedem Bereich meines Departements – zudem neue Gesetze schaffen können: Kulturfördergesetz, Kulturerbegesetz und Bibliotheksgesetz. Klar, völlig neue grosse Würfe wie die Lokremise geschahen vor meiner Amtszeit. Aber nun galt es, die Lokremise aus der Pionierphase herauszuführen und zu etablieren. Diese Spannung halten zu können, ist genau so anstrengend wie etwas anzureissen.

Sie sind soeben 65 geworden und noch bis im Mai 2020 Regierungsrat. Wen wünschen Sie sich als Nachfolgerin?

Das darf ich nicht sagen, das wäre ja nicht spannend.

Warum nicht? Zwei Namen liegen doch auf der Hand: Susanne Vincenz-Stauffacher und Esther Friedli.

Das sind reine Spekulationen. Die FDP-Frau wird entweder jetzt Ständerätin oder später Nationalrätin. Das finde ich super, das scheint für sie zu passen. Und die SVP-Frau ist top, da müssen sich FDP und CVP warm anziehen. Allerdings will ja auch sie Nationalrätin werden. Aber schauen wir mal, mehr sage ich nicht.

Welchen Wunsch hätten Sie noch im letzten Regierungsjahr?

Einen Klostergarten, klein, aber fein, beim Gärtnerhaus hinter der Pfalz.