Wenn St.Gallen via Singapur warnt

Betrachtungen zu einer verwaltungstechnischen Internet-Schnitzeljagd.

Marcel Elsener
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Das ist nicht die Skyline der St.Galler Kantonshauptstadt.

Das ist nicht die Skyline der St.Galler Kantonshauptstadt.

Bild: KEY

Krisenzeiten verlangen aussergewöhnliche Informationskanäle. So bediente sich der Kanton St.Gallen ganz am Anfang des laufenden Ausnahmezustands wieder einmal seiner zweiten Internet-Domain .sg, um die Coronavirus-Informationen zu beschleunigen. Über den Link kanton.sg/coronavirus verbreitete der Kanton die wichtigsten Informationen zum Virus. Wer ihn damals eingab, gelangte direkt auf die Website des Kantons mit allen Unterlagen zu den Notmassnahmen. Inzwischen ist die Krise längst auch in der Ostschweiz sesshaft geworden, weshalb der Kanton eine fixe Website installiert hat, nämlich www.sg.ch/coronavirus.

St.Gallen hat sich die Domain-Adresse kanton.sg im Juni 2016 gesichert, die Kosten sind mit 60 Franken pro Jahr nicht der Rede wert. Seither hat man die Adresse laut dem kantonalen Kommunikationschef Thomas Zuberbühler ab und zu benutzt, beispielsweise zur Schwerpunktplanung des Kantons oder bei Wahlen. Meist greift man jeweils dann zur Ausweichadresse, wenn es gilt, längere URL-Links zu verkürzen oder bei kurzlebigen Ereignissen rasch die sozialen Medien zu bespielen – wie eben Anfang März wegen der Coronavirus-Entwicklung. Weil die eben leider nicht kurzfristig war, war dann wie gesagt doch eine fixe sogenannte Subsite auf der normalen Website sg.ch nötig.

Freilich ist die Domain sg dem Land Singapur vorbehalten. Mit unheimlichen Annäherungen des Kantons St.Gallen an den asiatischen Stadtstaat hat die temporäre Benützung der Domain nichts zu tun. Auch wenn die HSG dort einen prominenten «Hub» eingerichtet hat und es bekanntlich der St.Galler Privatbankier Konrad Hummler (Wegelin) war, der vor einigen Jahren dem «Patienten Schweiz» just das «starke City-State-Modell» Singapurs empfahl – für den Alleingang eines liberal-urbanen und kapital-global ausgerichteten Kleinstaats ausserhalb der EU. Singapur als bessere Schweiz? Der Flirt hat sich inzwischen merklich abgekühlt.

Die mit dem St.Galler Kürzel buchstabengleiche Domain Singapurs kommt speziell jenen St.Galler Institutionen gelegen, deren Titel im nationalen oder internationalen Wettbewerb steht. So tritt das Kulturlokal Palace seit der Eröffnung 2006 selbstverständlich mit der Website palace.sg auf – auch weil palace.ch dem gleichnamigen Luxushotel in Gstaad gehört und weil es weltweit etwelche ehrwürdige und weniger ehrwürdige, um nicht zu sagen, anrüchige Etablissements unter dem Namen «Palace» gibt.

In seiner kurzen Klarheit ist sg.ch natürlich unschlagbar. St.Gallen hat wie die anderen Schweizer Kantone das Privileg einer Kürzest-Domain mit zwei Zeichen, die dem offiziellen Kantonskürzel entspricht. Trotzdem benützen auch andere Kantone teilweise die ihren Buchstaben entsprechende internationale Domain, um Angebote des Kantons zu vermarkten. Bern geht dann via Belgien (.be), Graubünden über Griechenland (.gr), Aargau macht auf Antigua und Barbuda (.ag), Basel-Stadt dockt an die Bahamas an (.bs), Luzern kann auf Luxemburg (.lu) zurückgreifen und Glarus gar auf Grönland (.gl). Die Domain .sh der britischen Insel St.Helena im Südatlantik dient allerdings nicht nur Schaffhausen, sondern auch dem deutschen Bundesland Schleswig-Holstein. Und .ca gehört zwar Kanada, aber dem Kürzel nach auch dem riesigen US-Bundesstaat Kalifornien. Im Bodenseeraum kennt man die sogenannte Zweckentfremdung einer Top-Level-Domain am ehesten von der Stadt Lindau, die sich mitunter bei Liechtenstein (.li) bedient.

Wenn wir schon dabei sind: Die zwei Buchstaben der Schweizer Kantone sind eine Ausnahme, denn in der Regel müssen Schweizer Domains aus mindestens drei Zeichen bestehen. Eine weitere Ausnahme wird der Rheintaler Gemeinde Au zugestanden: au.ch ist natürlich eine prächtige Internetadresse.

Fragt sich, ob die Ausnahme kanton.sg in der Bevölkerung registriert worden ist? Bis jetzt gab es laut dem Kanton keine Reaktionen, offenbar wundert sich niemand über das .sg. Wird der Kanton per Ende April oder im Mai das langersehnte Ende der Pandemie wiederum mit seiner Singapur-Domain kommunizieren? Sobald der Bund das Ende der Pandemie beschlossen habe, so Zuberbühler, werde der Kanton diese frohe Kunde so schnell wie möglich bis ins hinterste Tal und auf den höchsten Berg verkünden. «Auf die Schlaufe via Singapur verzichten wir dann sehr gerne!»