Wenn Oma tablettensüchtig ist

Viele ältere Menschen schlucken regelmässig Psychopharmaka und unterschätzen dabei die Gefahr der Abhängigkeit. Ist die Sucht da, kommt ein Entzug nur selten in Frage. Ein Ostschweizer Arzt fordert darum altersgerechte Programme.

Janique Weder
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Medikamentensucht im Alter entwickelt sich über Jahre und bleibt häufig unerkannt. (Bild: fotolia)

Medikamentensucht im Alter entwickelt sich über Jahre und bleibt häufig unerkannt. (Bild: fotolia)

ST. GALLEN. «Mir konnte damals niemand helfen», sagt die heute 70-Jährige. Denn einzig die verschriebenen Wirkstoffe vermögen es, ihre Nerven zu beruhigen. Endlich schläft sie die Nächte wieder durch. 15 Jahre ist das her. «Die Tabletten wirkten wahre Wunder. Ich fühlte mich dadurch viel besser.»

Alter birgt Suchtpotenzial

Benzodiazepine gehören zu den Medikamenten mit der höchsten Missbrauchsquote. Sie wirken beruhigend und sind der Wirkstoff hinter Valium. Hauptkonsumenten sind Menschen über 60. «Das Gewöhnungs- und Suchtpotenzial der Benzodiazepine ist extrem hoch», sagt Thomas Münzer, Chefarzt der geriatrischen Klinik St. Gallen. Auch in der Ostschweiz sind viele Senioren tablettensüchtig. «Wer über Jahre jeden Abend Schlafmittel schluckt, ist praktisch abhängig.»

Die 70-Jährige erzählt von ihren Eltern, zu denen das Verhältnis schon immer schwierig gewesen sei. Immer wieder erlebt sie, wie der Vater, Jahre später auch ihr Mann, zur Flasche greifen.

Vor 15 Jahren musste sich die Frau einer Operation unterziehen. «Ein einschneidendes Ereignis», erinnert sich die Rentnerin. Kurz darauf erleidet sie ihre erste Panikattacke: «Ich schwitzte wie verrückt, das Herz raste, meine Kehle war zugeschnürt.» Die Frau glaubt, zu ersticken. «Ich riss die Fenster meiner Wohnung auf, damit ich atmen konnte.» Und es bleibt nicht bei dieser einen Attacke, immer wieder holen sie ihre Ängste ein.

Pillen, die kleinen Helfer?

«Gründe, um im fortgeschrittenen Alter Alkohol oder Medikamente zu missbrauchen, gibt es viele», sagt Stephan Goppel, leitender Arzt der Gerontopsychiatrie der Klinik Wil. Dazu gehöre nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Tod oder der Verlust des Partners. «Alte Menschen sind oft einsam oder verlieren ihre Selbständigkeit», sagt Goppel. Depressionen und Angstzustände sind die Folge. Während Männer eher dem Alkohol frönen, greifen Frauen zu Psychopharmaka.

Nur verteufeln dürfe man diese Medikamente aber nicht, sagt Jürg Niggli, Geschäftsleiter der Stiftung Suchthilfe St. Gallen. «Schluckt jemand mit chronischen Schmerzen regelmässig Medikamente, und geht es dieser Person dadurch besser, ist das kein Problem.» Gibt es also – solange das Mittel positiv wirkt – so etwas wie eine gerechtfertigte Sucht? «Das ist eine philosophische Frage», entgegnet Niggli. Als richtig oder falsch könne dies niemand beantworten.

Eine ähnliche Sicht vertritt Roger Mäder vom Forum Suchtmedizin Ostschweiz (Fosumos). Er berücksichtigt ausserdem die Situation in den Altersheimen, wo den Bewohnerinnen und Bewohnern zur Beruhigung Valium verabreicht wird. «Wären wir denn bereit, das notwendige Fachpersonal in Altersheimen zu finanzieren, um die Medikamentenabgabe zu senken?»

«Schutz der Klinik tut gut»

Seit Jahren nimmt die Frau nun die Pillen, die ihr «so gut tun». Doch das Gewissen nagt immer mehr an ihr. «Und auf einen Schlag wurde mir klar, dass ich süchtig bin.» Ihre Versuche, den Entzug selber in die Hand zu nehmen, scheitern. Zu gross ist die Angst, die Attacken könnten zurückkehren. Fünf Wochen ist es nun her, dass sie gemeinsam mit ihrem Hausarzt beschlossen hat, in eine Klinik einzutreten. Zuerst habe sie sich gesträubt, heute sagt sie: «Der Schutz einer Klinik tut mir gut.»

«Tatsache ist, dass es mehr alte Menschen gibt als vor dreissig Jahren», sagt Stephan Goppel von der Gerontopsychiatrie. Ausserdem sei das Thema Sucht viel präsenter als früher. «Neu ist auch, dass sich Senioren mit ihrer Sucht auseinandersetzen müssen.» Noch immer gebe es die Tendenz, jemanden aufgrund seines Alters abzuschreiben. «Für einen Entzug ist aber niemand zu alt», so Goppel.

70 Plätze hat die Wiler Gerontopsychiatrie – rund zehn Bewohner bezeichnet Goppel als Suchtpatienten. «Das sind mehr als früher.» Im Durchschnitt bleibe ein Patient ein bis zwei Monate in der Klinik.

Die 70-Jährige erinnert sich ungern an die Entzugsphase: «Es war schrecklich. Mir war schlecht, ich war antriebslos und launisch.» Auf die kleinsten Dinge reagierte sie sehr heftig. Die Frau hat sich während des Entzugs stark zurückgezogen. «Ich ertrug die Menschen um mich herum nicht mehr.»

Unruhe und Wahnvorstellungen

Thomas Münzer von der geriatrischen Klinik weiss, dass ein Entzug bei älteren Süchtigen ein schwieriges und langwieriges Vorhaben ist. «Unruhe, Schlaflosigkeit und Herzrasen gehören zu den häufigsten Entzugserscheinungen», sagt Münzer. Im schlimmsten Fall könne es sogar zu Wahnvorstellungen kommen. «Das Typische an einem Benzodiazepin-Entzug ist, dass genau jene Symptome auftreten, weshalb das Medikament anfänglich eingesetzt wurde.»

Münzer wünscht sich Entzugsprogramme in der Ostschweiz, die auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten sind. Als neuer Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für Geriatrie will sich Münzer dieses Problems bald annehmen. «Mit einem passenden Entwöhnungsprogramm wären ältere Menschen eher zu einem Entzug bereit», glaubt der Arzt.

Nach fünf Wochen zu Hause

Roger Mäder glaubt hingegen nicht an «Pauschallösungen». Der Suchtmittelkonsum der betroffenen Person sollte individuell überprüft werden. «Dabei kann es durchaus sein, dass sich nichts ändert. Muss ein 80-Jähriger im letzten Lebensabschnitt auf seinen Wein verzichten?»

Fünf Wochen sind seit dem Entzug vergangen. Die Frau sitzt in ihrer Wohnung und blickt auf die vom Schnee bedeckten Hügel. 15 Jahre war sie abhängig von Beruhigungsmitteln. Heute wendet sie statt Beruhigungsmittel verschiedene Techniken zur Entspannung an. «Ich habe gelernt, anders mit meinen Ängsten umzugehen.»