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Interview

Der neue Rektor der Fachhochschule Ost Daniel Seelhofer: «Wenn man zu lange plant, ist die Chance schon vorbei»

Am 1. Oktober tritt Daniel Seelhofer, Winterthurer Professor mit Toggenburger Wurzeln, sein neues Amt als erster Rektor der Fachhochschule Ost an. Im Interview äussert er sich über Startschwierigkeiten, amerikanische Führungskultur und einen Wiler Schulableger.
Interview: Andri Rostetter und Regula Weik
«Ich gehe nicht davon aus, dass wir in der Übergangsphase unser Portfolio erweitern», sagt Daniel Seelhofer. (Bilder: Michel Canonica)

«Ich gehe nicht davon aus, dass wir in der Übergangsphase unser Portfolio erweitern», sagt Daniel Seelhofer. (Bilder: Michel Canonica)

Welches Studium würden Sie wählen, wenn Sie heute nochmals studieren könnten?

Daniel Seelhofer: Nochmals Wirtschaft. Das ist ein sehr breites Studium, es lässt viele Möglichkeiten offen. Ausserdem bin ich nicht sehr gut in Mathematik, ein technisches Studium käme für mich deshalb weniger in Frage.

Sie haben an der Universität ­ St.Gallen studiert. Würden Sie sich heute für ein Studium an der ­Fachhochschule entscheiden?

Ich bin stark international interessiert, damit wäre die HSG für mich im Moment nach wie vor die erste Wahl. Aber auch der enge Kontakt zwischen Dozierenden und Studierenden sowie der Praxisbezug sind mir wichtig. So betrachtet wäre die Fachhochschule insgesamt wohl die bessere Option, auch wenn die HSG näher an der Praxis ist als herkömmliche Unis. Ich ging 1994 an die Uni, die Fachhochschule startete erst 1997. Ich hatte die Wahl noch gar nicht.

Die neue Fachhochschule Ost ist ein Gemischtwarenladen. Von Architektur bis Pflegewissen­schaften gibt es alles, Bereiche, die keine Berührungspunkte haben.

Mit dieser Aussage bin ich nicht einverstanden. Bei den grossen gesellschaftlichen Fragen, bei Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder demografischer Wandel berühren sich sämtliche Bereiche. Eine der grossen Herausforderungen wird es sein, die verschiedenen Richtungen zu einer idealen Zusammenarbeit zu bringen.

Werden neue Fachbereiche ­hinzukommen?

Damit wird sich der neue Hochschulrat befassen müssen. Ich gehe aber nicht davon aus, dass wir in der Übergangsphase das Portfolio erweitern. Zunächst steht für uns im Zentrum, den Fusionsprozess und damit verbundene allfällige Verwerfungen zu bewältigen.

Von welchen Verwerfungen ­sprechen Sie?

Ich habe an allen drei Standorten fast ausschliesslich motivierte Leute kennen gelernt, die einen guten Job machen wollen. Die Fusion ist für sie ein Stolperstein, den sie möglichst schnell hinter sich bringen wollen. Das darf nicht unterschätzt werden.

Und natürlich gibt es gewisse Ängste und politische Unstimmigkeiten.

Meinen Sie den Standort des Rektorats in Rapperswil?

Ja, unter anderem. Ich kann nachvollziehen, dass man in St. Gallen darüber weniger glücklich ist. Das ist ganz normal. Auch die Erfolgsbeteiligung ist ein Thema, das einen Teil der Leute beschäftigt. In Rapperswil spielt sie für die Professoren eine grosse Rolle. Insgesamt scheint mir das Projekt der neuen Fachhochschule Ost gut ausbalanciert.

Wirtschaft wird künftig auch in Rapperswil angeboten, Informatik neu in St.Gallen. Damit verzettelt die Schule ihre Kräfte.

Diese Gefahr besteht bei solchen Vorhaben natürlich. Ich sehe in dieser ­Erweiterung aber eine klare Chance. Rapperswil ist stark nach Zürich ausgerichtet, ein beträchtlicher Teil der Studierenden kommt heute schon aus dem Grossraum Zürich. Viele Zürcher gehen heute an die ZHAW, die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, um Wirtschaft zu studieren. Wenn wir das künftig in hoher Qualität in Rapperswil anbieten, sind wir für sie eine valable Option und werden insgesamt für Zürich, Glarus und Schwyz noch interessanter.

Es studieren auch über 1000 Thurgauer in Winterthur.

Winterthur ist für sie näher als St.Gallen. Jeder Standort hat ein klares Einzugsgebiet und eine Zielgruppe. Dennoch: Hier haben wir noch Potenzial, das wir nutzen müssen.

Der St.Galler Bildungschef Stefan Kölliker hat bereits laut über einen Standort in Wil-West nachgedacht. Das wäre für Thurgauer attraktiv.

Wir nehmen Anliegen der Trägerkantone ernst. Am Anfang solcher Überlegungen steht immer eine saubere Analyse. Wenn wir in Wil das Gleiche anbieten wie Winterthur, dann scheint mir das nicht sinnvoll. Es müsste eine Ergänzung zum bestehenden Angebot sein, ein neues Fachgebiet. Möglichst eines, das auch für den Thurgau wichtig ist.

Zur Person: Der erste Ost-Rektor

Geboren wurde Daniel Seelhofer 1973 in der Nähe von Bern, seine Kindheit verbrachte er im Toggenburg. Später studierte er an der HSG Betriebswirtschaft und doktorierte in International Management. Seit 2009 arbeitet er an der School of Management and Law der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur und war dort unter anderem Stabschef und Prodekan. Zuletzt leitete er den Bereich International Business. Am 1. Oktober tritt Seelhofer sein Amt als Rektor der neuen Fachhochschule Ost an.

Zum Beispiel?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Es muss auf jeden Fall die Region sinnvoll bedienen und kostendeckend durchgeführt werden können.

Das heisst, es müssten auch ­entsprechende Unternehmen in der Nähe sein.

Genau. Sonst besteht die Gefahr, am demokratischen Prozess vorbei mit Steuergeldern regionalpolitische Strukturhilfe zu betreiben. Das kann es nicht sein.

Die ZHAW ist eine starke Konkurrentin für die Fachhochschule Ost.

So pauschal kann man das nicht sagen. Es müssen die einzelnen Bereiche angeschaut werden. Eine direkte Konkurrenz besteht teilweise in der Wirtschaft, der Gesundheit, der sozialen Arbeit. In der Technik haben wir meines Erachtens weniger eine Konkurrenzsituation. Der Fachhochschulkuchen ist generell nicht so gross. Hier könnte auch über Zusammenarbeit nachgedacht werden.

Was macht Zürich besser als St.Gallen?

Die ZHAW kommuniziert einheitlich nach aussen. Auch die langfristige Entwicklung wurde gut geplant, die Schule setzte sich klare Ziele. So wurde im Wirtschaftsbereich eine internationale Akkreditierung angestrebt. Es wurde sauber evaluiert, was das bringt. Ist es Selbstzweck, damit sich einige Leute ins Rampenlicht stellen können? Oder profitiert die Schule tatsächlich? Solche Prozesse werden bei der ZHAW systematisch gemacht. Die neue Fachhochschule Ost muss diese erst noch entwickeln. Da können wir sicher etwas von Winterthur lernen.

Was machen die St.Galler ­Fachhochschulen gut?

Die FHS St.Gallen hat im Bereich Wissenstransfer vorbildlich gearbeitet. Der ganze Praxisbereich, der für eine Fachhochschule Nummer eins sein sollte, ist in St.Gallen exzellent aufgestellt, wie auch an den anderen Standorten. Die Buchser NTB hat eine herausragende Infrastruktur und Studierende wie Wirtschaft profitieren von einer bestens funktionierenden, interdisziplinären Zusammenarbeit der Institute. Die HSR Rapperswil glänzt mit innovativen Kooperationsmodellen mit der Wirtschaft und besonderen Unterrichtsformen. Beide Schulen gehören zur nationalen Spitze, was die Umwandlung von Forschungsergebnissen in Drittmittel angeht. Das sind nur einige Beispiele.

Trotz all diesen Vorzügen: Die St.Galler Fachhochschulen haben im schweizweiten Vergleich an Marktanteilen verloren. Weshalb?

Die Ostschweiz ist eine relativ konservative Region. Das erklärt teilweise die tiefe Tertiärquote. Hinzu kommt die geringe Grösse der einzelnen Schulen. Die ganze HSR hat zum Beispiel nur etwa halb so viele Studierende wie allein der Technikbereich der ZHAW. Der ganze Wirtschaftsbereich der FHS ist etwa so gross wie der Fachbereich International Business der ZHAW. Weil die Bereiche so klein sind, fehlt ihnen die Sichtbarkeit. Durch die Fusion erreichen wir eine grössere Sichtbarkeit und damit mittelfristig ein grösseres Wachstum der Studierendenzahlen.

Die Fachschule Ost ist dennoch die zweitkleinste der Schweiz.

Zumindest vorläufig. Die Überschaubarkeit hat auch Vorteile, die einzelnen Schulen haben einen direkteren Draht zu den Studierenden. Das muss beibehalten werden.

Bei über 5000 Studierenden pro Schule wird es schwieriger. Schnell gilt man als Massenbetrieb.

Das erlebte die HSG. Man hörte immer wieder: Nachdem sie die 5000er-Grenze überschritten hatte, sei der alte HSG-Geist verflogen. Ob dies stimmt, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Wie installieren Sie in den drei unterschiedlichen Schulen eine einheitliche Betriebskultur?

Eine Hochschulkultur kann nicht von oben verordnet werden, sie muss von unten entstehen. Wir beginnen mit der moderierten Erarbeitung eines gemeinsamen Verständnisses und der Kernwerte. Der Austausch der Mitarbeitenden verschiedener Standorte wird wichtig sein. Dafür bieten sich nebst Projekten auch gemeinsame Anlässe an, ein Hochschultag jeweils an einem der Standorte, eine «Wander-Olympiade» für die Studierenden. Wichtig ist vor allem auch, dass man die Professoren regelmässig zusammenbringt – und sie das auch wollen. Das muss in einem sinnvollen Mass geschehen, schliesslich sind sie nicht gerade unterbeschäftigt.

Das Personalreglement wird aber von oben verordnet werden. Es wird Verlierer geben.

Alle wichtigen Dokumente werden intern in die Vernehmlassung gegeben und bei heiklen «Fällen» die Mitarbeitenden vorab einbezogen.

Von wegen Verlierer: Die Löhne, die Sie wohl ansprechen, liegen nicht so weit auseinander.

Aber es stimmt: Wenn in Rapperswil die Erfolgsbeteiligung gestrichen würde, würden sich einzelne Professoren sicher als Verlierer fühlen. Noch ist nichts entschieden. Das ist auch eine politische Frage, bei der die Meinungen weit auseinandergehen. Ich persönlich sehe in Anreizsystemen nichts Negatives, sie müssen einfach fair und offen für alle sein. Nicht beeinflussen lässt sich, dass es in einzelnen Bereichen wie der sozialen Arbeit schwieriger ist, etwa durch Weiterbildung Drittmittel hereinzuholen.

Sie waren längere Zeit in den USA. Wie viel amerikanische ­ Führungs- und Universitätskultur bringen Sie mit?

Ich nehme Dinge sehr schnell an. Amerikanisch könnte man an mir die Art und Weise nennen, wie ich Herausforderungen angehe.

Ich bin immer realistisch-optimistisch, ich sage selten von Anfang an Nein.

Ich muss vor einem Projektstart, wie im deutschsprachigen Raum oft üblich, nicht bereits jedes Detail durchgeplant haben. Ich bevorzuge das «Prinzip der gesteuerten Rakete», auch wenn dieser Begriff jetzt vielleicht politisch nicht ganz korrekt ist: Wir setzen ein Ziel, analysieren die Ausgangslage, definieren das Vorgehen und lassen dann los, und wenn es unterwegs noch nicht ganz stimmt, korrigieren wir im Flug den Kurs.

Also eine gewisse Lockerheit im Führungsstil.

Ich kann damit umgehen, wenn ich zu Beginn noch nicht gar alles weiss. Und es scheint mir zu gelingen, Menschen für herausfordernde Ziele zu gewinnen.

Passt dieser Führungsstil zur ­konservativen Ostschweiz?

Ja, davon bin ich überzeugt. Die Ostschweiz ist meine Heimat und für mich in einem positiven Sinn konservativ. Man muss sich hier nicht schämen, wann man eine Lehre absolviert, im Gegenteil. Und die Ostschweiz ist pragmatisch. Man versucht es einfach mal. In Zürich bin ich ab und zu angeeckt. Dort machte ich die Erfahrung, dass jede hinterletzte Schraube eingeplant sein muss, bevor man loslegt. Wenn aber zu lange geplant wird, ist manchmal die Chance schon vorbei. Wir werden im Interesse der Ostschweiz etwas an Tempo zulegen müssen. Darauf freue ich mich.

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