Interview

«Wenn jemand Hakenkreuze auf sein Schulheft kritzelt, muss man reagieren»: Vermehrt rechtsextreme Tendenzen an St.Galler Schulen

Der Kanton St.Gallen hat eine Fachstelle für Radikalisierung und Extremismus eingerichtet. Sie soll in Fällen von religiösem oder politischem Fanatismus intervenieren. Leiterin Esther Luder Müller im Interview.

Interview: Marcel Elsener
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Rechtsextreme Schmierereien sind auch in der Ostschweiz zu beobachten – die Fachstellen-Leiterin ruft dazu auf, nicht wegzuschauen.

Rechtsextreme Schmierereien sind auch in der Ostschweiz zu beobachten – die Fachstellen-Leiterin ruft dazu auf, nicht wegzuschauen.

Hannes Thalmann

Der St.Galler Kantonsrat hat im November ein Gesetz zurückgewiesen, das extremistische Veranstaltungen verhindern will. Zu Recht?

Esther Luder Müller: Als Fachstelle des Kantons und Teil des Schulpsychologischen Dienstes äussern wir uns nicht zu politischen Geschäften des Kantonsrats.

Der Anlass fürs Gesetz war vor allem das Konzert mit 5000 Neonazis 2016 in Unterwasser. Wie gross ist das Thema Rechtsextremismus für Ihre neue Fachstelle?

Es ist wie linksextreme Ausrichtungen oder der Salafismus eines unserer Themen. Wir beobachteten jedoch in den letzten zwei, drei Jahren, dass es in den Schulen tendenziell wieder eher Schülergrüppchen gibt, die rechtsextreme Parolen nutzen und zum Beispiel auf dem Pausenplatz Schüler aus anderen Kulturen einschüchtern.

Skinheads gibt es kaum mehr. Wie erkennt man in einem solchen Fall, dass es Rechtsextreme sind?

Bei Jugendlichen meistens an ihren Äusserungen und ihrem Verhalten. Es kann vorkommen, dass jemand den Hitlergruss macht. Oder eine Gruppe Oberstufenschüler steht in der Pause demonstrativ mit Schweizer-Kreuz-Shirt vor «Nicht-Schweizer» hin und bedrängt sie. Ein Schweizer-Kreuz-­Leibchen allein ist ja nicht ein Problem.

Wie kam Ihre Stelle ins Spiel?

In diesem Fall war es die Schulleitung, die uns um Beratung und Unterstützung bat. So wie es bei einer Mobbingsituation passiert.

Was kann man gegen Rechtsradikalismus tun?

Wir gehen bei allen Ideologien gleich vor. Es geht bei extremen oder radikalen Ansichten darum, präventiv achtsam zu sein, klar Stellung zu beziehen und direkt, eindeutig Aussagen oder Verhalten anzusprechen. Also zu sagen: Das geht nicht! Das darf nicht sein! Einmal darüber reden reicht nicht.

Sie sind derzeit mehr mit Rechten beschäftigt als mit Islamisten?

Wir sind in der Aufbauarbeit und ­können noch nicht von Schwerpunkten sprechen. Wir sind daran, uns in Institutionen und bei den Behörden im ganzen Kanton vorzustellen. Wichtig ist, auf Radikalismus und Extremismus jeder Ausrichtung frühzeitig zu reagieren. Wenn jemand aufs Etui religiös-­fanatische Sprüche schreibt, muss man reagieren. Und genau so, wenn jemand Hakenkreuze auf sein Schulheft kritzelt. Diese Botschaft wollen wir gegen aussen tragen.

Esther Luder Müller im Büro der neuen Fachstelle für Radikalisierung und Extremismus in Rorschach.

Esther Luder Müller im Büro der neuen Fachstelle für Radikalisierung und Extremismus in Rorschach.

Bild: Ralph Ribi

Nimmt unsere Gesellschaft Rechtsextremismus leichtfertiger hin als religiösen Radikalismus?

Es herrscht eine Verunsicherung. Wir sollten unsere gutschweizerischen Themen ebenso beobachten wie jene anderer Kulturen. Wenn ein Schweizer Bub rechtsextreme Anzeichen zeigt, müssen wir das Problem erkennen. Aber wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass wir zum Ausgleich, weil es immer gegen jene ging, nun unbedingt gegen diese gehen soll. Tatsächlich muss «Unterwasser» aber jedem Menschen im Kanton zu denken geben.

Die Ostschweizer Neonazi-Szene war in den 1990er-Jahre doch grösser, jedenfalls sichtbarer. Kommen Sie nicht viel zu spät mit Ihrer Anlaufstelle?

Vielleicht. Doch das Thema wurde erkannt, das ist positiv. Wer weiss schon, welche Herausforderungen wir in den nächsten Jahren sehen. St.Gallen nahm den Impuls des Bundes auf und ermöglichte die Farex. Die schon früher eingerichteten vergleichbaren Fachstellen in Städten wie Genf oder Winterthur zeigen, dass sich das Angebot bewährt.

Bewährt inwiefern?

Es geht um Früherkennung. Eine Stelle wie die Farex interveniert sehr früh. Wenn moslemische Jugendliche in den Krieg ziehen oder Neonazis aufmarschieren, ist das Sache der Polizei. Uns interessiert, was vorher passiert ist. Wie es dazu gekommen ist. Wir brauchen aufmerksame Leute im Umfeld, die uns anrufen, wenn jemand in einer Firma oder einem Sportclub befremdende Tendenzen zeigt.

Seit Ende September ist das Telefon rund um die Uhr besetzt. Wie oft läutet es bei der Farex ?

Aktuell melden sich vor allem Institutionen und Fachpersonen bei uns. ­Diese zu beraten ist eine unserer Haupt­aufgaben. Und wie gesagt auch, unser Angebot konkret vor Ort vorzustellen. Aufgrund der Erfahrung anderer Fachstellen gingen wir nicht davon aus, dass wir sofort mit Anrufen überhäuft werden. Wir rechnen mit einer Aufbauphase von zwei Jahren, bis das Beratungsangebot etabliert und bekannt ist.

Wer bittet Sie um Rat?

Der Präsident einer grossen Gemeinde, eine Jugendarbeiterin, jemand vom Sozialamt. Übrigens sind auch in anderen Fachstellen mehr als die Hälfte der Ratsuchenden Fachpersonen.

Ein Beispiel eines Anliegens?

Im Jugendtreff äussern sich Jugendliche fremdenfeindlich und reagieren auf eine klare Ansage der anwesenden Mitarbeitenden verbal aggressiv. Die gleichen Personen fallen durch Schmierereien und Sachbeschädigung auf.

Wie gehen Sie bei einer akuten Anfrage vor?

Eine Anfrage ist für uns dann akut, wenn am gleichen Tag noch ein Gespräch, eine Intervention stattfinden muss. Dies sind Fälle mit hohem Eskalationsrisiko. Primär geht es darum, rasch einzuschätzen, ob die Farex den Fall alleine bearbeiten kann, ob Gefahr in Verzug ist und ob es die Polizei braucht. Alle akuten Anfragen werden mindestens von zwei Farex-Mitarbeitenden eingeschätzt und bearbeitet.

2016 bedrohten junge Salafisten in einer Winterthur Moschee zwei Männer mit dem Tod. Dies war ein Auslöser, Farex ins Leben zu rufen. Hat Ihre Tätigkeit nun mit derartigen Extremfällen zu tun?

Dieser Fall in Winterthur war in der Schweiz zum Glück einer der wenigen akut gefährlichen Vorfälle. Bei einem ähnlichen Fall wäre auch in St.Gallen die Kantonspolizei verantwortlich. Allenfalls in Kombination mit der Farex in der Nachbearbeitung, also in der Betreuung von involvierten Personen.

Welche Fälle dominieren ­stattdessen Ihren Alltag?

Situationen, wo im Bereich der Früherkennung eine Einschätzung angezeigt ist. Zum Beispiel: Sind Aussagen oder Haltungen einer sektenähnlichen Gemeinschaft schon an der Grenze zu radikalem Gedankengut?

Einschätzen und Reden genügt?

Je früher man eingreift, desto mehr nützen Gespräche. Es geht um Probleme der Lebensführung, ob jemand einen Platz in der Gesellschaft findet. Wenn nicht, kann das der Nährboden für Radikalismus sein. Wenn wir zum Beispiel einem Schulabbrecher eine Lehrstelle finden helfen, ist viel getan. Freilich gibt es Fälle, wo harte polizeiliche Massnahmen nötig sind: Wo Waffen vorhanden sind, braucht es eine Hausdurchsuchung. Wenn jemand ausreisen will, braucht es eine Ausreisesperre. Wenn jemand im Internet dazu aufruft, Leute zu verprügeln, muss die Polizei intervenieren. Da reichen psychologische Gespräche nicht mehr aus.

Reagieren Sie «nur»? Oder agieren Sie aktiv, etwa mit Recherchen in den sozialen Medien?

Nein, wir sind eine Anlaufstelle. Wir sind keine Überwacher oder Wühler, die irgendwo in einer Ecke etwas aufspüren.

Ist der leise Beginn einer Radikalisierung überhaupt feststellbar?

Ja, es gibt immer Signale. Bei den deutschen Schulattentätern beispielsweise stellte man im Nachhinein fest, dass es in jedem Fall mehrfach Signale gab.

Helfen Sie mit, Veranstaltungen oder Treffpunkte zu verbieten?

Uns interessiert nicht, wer was glaubt. Uns interessiert auch nicht, wer welche politische Meinung hat. Wenn aber eine politische oder religiöse Weltanschauung mit Gewalt aufgeladen wird oder mit Lebensproblemen verbunden ist, wird es kritisch. Die Kombination von religiös-fanatischen oder politisch-radikalen Botschaften auf dem Schulmaterial, einer suizidalen Mutter und einer schweren psychischen Beeinträchtigung ist unbedingt ernst zu nehmen.

Anlaufstelle für Radikalisierung und Extremismus

Mit der Farex gibt es seit Oktober im Kanton St.Gallen eine Fachstelle, die sich um alle Richtungen von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus kümmert. «Jedermann kann Unterstützung abholen, niemand muss eine schwierige Situation allein meistern», sagt Farex-Leiterin Esther Luder Müller. Gemeint sind explizit auch Privatpersonen, Arbeitgeber oder Sportclubmitglieder: Sie sollen sich melden, wenn sie mit radikalen Ansichten konfrontiert sind. Dabei werden negative wie positive Erfahrungen geteilt: «So gelingt es, das Tabu in dieser Thematik zu durchbrechen und die Hürden für eine Beratung zu senken. Nach dem Motto: ‹Tue Gutes und sprich darüber!›» Nach zwei Monaten können Esther Luder Müller und ihre Teamkollegen Clemens Allenspach und Csaba Kiss noch nicht abschätzen, welche Formen von Radikalismus im Kanton zu- oder abnehmen. Das Angebot müsse zuerst etabliert werden. (mel)

Hinweis: 24-Stunden-Helpline Farex 0848-0848-55. Mail: farex@sg.ch. www.farex.ch