Wenn es an Charakter mangelt

Bestehen Zweifel an der Fahreignung eines Lenkers, greift das Strassenverkehrsamt St. Gallen durch und ordnet Abklärungen an – die Tendenz ist steigend. Kurt Häne über die Tests und die seit Jahresbeginn verschärfte Praxis.

Daniel Walt
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Wer hinter dem Lenkrad sitzt, verfügt oft nicht über die dafür nötigen Eigenschaften. (Bild: fotolia)

Wer hinter dem Lenkrad sitzt, verfügt oft nicht über die dafür nötigen Eigenschaften. (Bild: fotolia)

ST. GALLEN. Wer im Strassenverkehr allzu sehr über die Stränge schlägt, bekommt es mit ihm zu tun: Kurt Häne, Leiter Massnahmen des Strassenverkehrsamtes St. Gallen. «Nach über 20 Jahren in dieser Position überrascht mich nichts mehr. Trotzdem schüttle ich immer wieder den Kopf, wenn ich sehe, wie leichtfertig Leute ihre Fahrberechtigung verspielen und wie viele Menschen mit fragwürdigem Charakter auf unseren Strassen unterwegs sind», sagt er. Dies gilt beispielsweise für jenen 25jährigen Lernfahrer, der sich kürzlich in Rheineck ohne Begleitperson in einem gestohlenen Auto mit entwendeten Nummernschildern erwischen liess – und dabei unter Drogen stand.

Ins Spital oder zum Psychologen

Haben Kurt Häne und seine Mitarbeiter aufgrund einer Polizeikontrolle oder eines Unfalls Zweifel an der Fahreignung einer Person, gibt es zwei Möglichkeiten. Wer mit über 2,5 Promille im Blut erwischt worden ist, Drogen konsumiert hat oder an einer psychischen Krankheit leidet, muss sich einer verkehrsmedizinischen Untersuchung im Kantonsspital St. Gallen unterziehen. «Dabei werden Blut-, Urin- und Haarproben genommen, und die Person wird eingehend untersucht», sagt Kurt Häne. Bestehen hingegen Zweifel an der charakterlichen Eignung einer Person für den Strassenverkehr, veranlasst Kurt Häne eine verkehrspsychologische Untersuchung. Rund zehn Psychologen beziehungsweise Institute im Raum Ostschweiz/Zürich begutachten diese Verkehrssünder dann im Auftrag des Strassenverkehrsamtes. Wichtige Fragen dabei sind: Wie stellt sich der Lenker zum Vergehen? Was unternimmt er, damit Vergleichbares nicht mehr vorkommt? Zusätzlich werden die Aufmerksamkeit oder die Motorik der Personen geprüft.

In etwa verdreifacht

500 medizinische Abklärungen hat das Strassenverkehrsamt St. Gallen letztes Jahr veranlasst. Dazu kommen gegen 200 verkehrspsychologische Untersuchungen. «In den vergangenen 20 Jahren haben die Abklärungen stark zugenommen – sie haben sich in etwa verdreifacht», sagt Kurt Häne. Das habe zum einen damit zu tun, dass der Staat genauer hinsehe und die Gesellschaft immer weniger bereit sei, schwere Verkehrsdelikte einfach so hinzunehmen. Zum anderen hat laut Häne aber auch die Mobilität zugenommen, und mehr Verkehrsteilnehmer als früher verhalten sich gewissenlos. «Besonders häufig müssen Abklärungen bei jüngeren Lenkern angeordnet werden », stellt Kurt Häne fest.

Dass Raser seit Jahresbeginn von der Justiz härter angefasst werden, begrüsst er – «speziell die Möglichkeit, Autos einzuziehen». Auch das Strassenverkehrsamt hat die Schraube angezogen: Wer unter den Straftatbestand der Raserei fällt, muss seine Fahreignung zwingend abklären lassen und ist den Führerausweis für mindestens zwei Jahre los. Als Raser gilt, wer in der Tempo-30-Zone 40 km/h zu schnell war, innerorts 100 km/h auf dem Tacho hatte, ausserorts 140 gefahren ist oder auf der Autobahn mit 200 km/h gemessen wurde.

Nur jeder Fünfte besteht

Bis zu 1000 Franken kostet ein medizinisches beziehungsweise psychologisches Gutachten. Die Kosten tragen die Untersuchten selbst. «In vier von fünf Fällen stellen die Fachleute eine negative Prognose», sagt Kurt Häne. Das bedeutet, dass diese Personen den Führerausweis auf unbestimmte Zeit los sind. Wollen sie sich nach Ablauf einer Frist erneut untersuchen lassen mit dem Ziel, wieder an ihr Billett zu kommen, müssen sie nachweisen, dass sie sich von Alkohol und Drogen über längere Zeit ferngehalten haben beziehungsweise im Fall von Charakterdefiziten bei einem Verkehrstherapeuten nachgesessen sind.

Überraschendes Echo

«In der Schweiz ist nichts für ewig», sagt Kurt Häne zur Tatsache, dass selbst schlimme Verkehrssünder nach bestimmten Fristen das Recht haben, ihre Fahrtüchtigkeit erneut prüfen zu lassen. Dies sowie die Tatsache, dass viele trotz Billett-Entzugs auf den Strassen unterwegs sind, frustriert Häne nicht. «Ich mache meinen Job nicht mit dem Anspruch, die Welt zu verbessern», sagt er.

Es gehe vielmehr darum, den Regeln nach bestem Wissen und Gewissen Nachdruck zu verleihen. Und manchmal kommt es sogar so weit, dass jemand, dem Häne den Ausweis entzogen hat, einen erfreulichen Nutzen daraus zieht: «Ein Mann sagte mir einmal, dass er dank mir die Vorzüge des öffentlichen Verkehrs entdeckt habe. Zudem sei er jetzt viel fitter, weil er seit dem Ausweisentzug immer mit dem Velo zur Arbeit fahre», schmunzelt Häne.

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