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Integrative Schule: St.Galler Lehrer fordern mehr Kleinklassen

Lehrpersonen leisten viel unbezahlte Überzeit. Grund dafür ist vor allem die integrative Förderung, die oft auch den Schülern nicht gerecht wird. Der Lehrerverband der Sektion St.Gallen fordert deshalb, wieder vermehrt Kleinklassen einzuführen.
Janina Gehrig
Die Belastungen im Beruf haben in den letzten zehn Jahren zugenommen. Viele Lehrer reduzieren deshalb ihr Pensum. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Die Belastungen im Beruf haben in den letzten zehn Jahren zugenommen. Viele Lehrer reduzieren deshalb ihr Pensum. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Eigentlich ist sich die Lehrerin gewohnt daran, jedes der 19 Kinder auf seinem Niveau abzuholen. Denn wenn die Sechs- und Siebenjährigen unter- oder überfordert sind, wird es sofort unruhig im Schulzimmer.

Unruhe bringen aber auch jene Schüler in den Unterricht, die häufig einfach aufstehen und umhergehen, andere stören oder herumschreien. Es sind Kinder, die speziell gefördert werden müssen, die aber trotz Unterstützung durch andere Fachkräfte in der Klasse nicht zurechtkommen: autistische Kinder etwa, solche mit einer ADHS- oder groben Konzentrationsstörung oder Kinder, die «eigentlich in eine Sprachheilschule gehörten».

Schon nach einem Jahr reduziert

Seit vier Jahren arbeitet die 27-Jährige an einem Schulhaus im Westen der Stadt St.Gallen. Bereits nach einem Jahr hat die junge Lehrerin ihr 100-Prozent-Pensum auf 86 Prozent reduziert. «Die Belastung war enorm. Ich wollte während der Wochenenden frei haben», sagt sie. Zwar sei dadurch ein Nachmittag Unterricht weggefallen, die Entlastung fiel aber nicht so aus, wie sie es sich erhofft hatte. «Ich habe nicht weniger Überstunden angehäuft. Wenn man Klassenlehrerin ist, trägt man auch im Teilzeitpensum die ganze Verantwortung.» Absprachen in Bezug auf disziplinarische Massnahmen, Auffälligkeiten von Kindern oder die Elternarbeit würden eher noch komplizierter.

So wie ihr geht es vielen Lehrerinnen und Lehrern. Die Anforderungen an sie haben in den vergangenen zehn Jahren weiter zugenommen, wie eine Erhebung des Lehrerverbands LCH und seines Westschweizer Pendants SER kürzlich gezeigt hat («Tagblatt» vom 8. Mai).

Inklusion statt Separation

(jan) 2004 trat in der Schweiz das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft. Damals herrschte in der Bildungspolitik unter dem Stichwort «Inklusion» die Idee vor, allen Kindern, unabhängig von Behinderungen, Lernschwierigkeiten und Verhaltensstörungen, einen Platz im regulären Schulsystem einzuräumen. Seit 2008 sind die Schulen schweizweit verpflichtet, einstige Kleinklassen- und Sonderschüler in die Regelklassen zu integrieren. Dabei werden Schüler mit Schwierigkeiten von speziell ausgebildeten Förderlehrpersonen wie Heilpädagogen zeitweise unterstützt. Der Erfolg der Integration wird wissenschaftlich erforscht. Bisher sind die Befunde durchaus positiv. In der Praxis stösst das Schulsystem jedoch an seine Grenzen.

So arbeiten Lehrer 248 Stunden gratis. Bei einem Vollzeitpensum und bei fünf Wochen Ferien im Jahr sind dies im Schnitt 46 Stunden wöchentlich. Das hat zur Folge, dass viele Lehrer ihr Pensum reduzieren. Rund jeder fünfte tut das aufgrund der beruflichen Belastung. Diese hat in den letzten 15 Jahren vor allem im Unterricht zugenommen.

«Wir sind an der Grenze dessen, was wir leisten können»

Auch Gion Berther, Präsident des Verbands der Lehrpersonen, Sektion Stadt St.Gallen, sagt, die unterrichtsbezogenen Tätigkeiten seien in den letzten Jahren immer anspruchsvoller geworden. «Wir sind an der Grenze dessen, was wir leisten können.» Die Belastung im Schulzimmer sei zu gross. «Man will zu viele Kinder integrieren, das zerreisst viele Lehrpersonen.»

Der Verband wird nun aktiv. In den Sommerferien wird er beim Kantonalen Lehrerverband (KLV) beantragen, vermehrt Kleinklassen wieder einzuführen. «Es gibt schlicht Kinder, die einen geschützten Raum zum Lernen brauchen. Wenn wir ihnen diesen nicht bieten können, sind sie später in der Arbeitswelt erneut überfordert.»

Mangelware Heilpädagogen

Auf der Strecke blieben auch die Heilpädagogen, die für Kinder eingesetzt würden, für die sie gar nicht zuständig wären. Von ihnen gibt es ausserdem viel zu wenige. Sie arbeiten in mehreren Klassen und nur lektionenweise. Letztlich profitierten auch die Schüler nicht immer vom integrativen Modell (Box). Die Lehrerin sagt es so: «Jene, die nicht so sind, wie die anderen, fühlen sich oft blossgestellt. Und jene, die der ‹Norm› entsprechen, verstehen nicht, warum sich die anderen mehr erlauben dürfen, bis ihr Verhalten sanktioniert wird.»

Modell der integrativen Förderung in Frage gestellt

Die Integration von Kindern mit Lern- oder Verhaltensschwierigkeiten ist eine der grössten Sorgen an hiesigen Schulen. Das zeigt die aktuelle Umfrage auch in der Romandie. 71 Prozent der befragten Lehrer gab an, es stünden nicht ausreichend Ressourcen für die integrative Schule zur Verfügung. Schulämter stellen fest, dass eine kleine Zahl von Kindern eine grosse Zahl von Erwachsenen beschäftigt.

Das Modell der integrativen Förderung ist auch in anderen Kantonen bereits in Frage gestellt worden. In Basel Stadt etwa soll es künftig wieder Einführungsklassen geben für Kinder, die noch nicht bereit sind für die Schule. Auch Baselland baut das Sonderschulangebot aus und schafft mehr Plätze für verhaltensauffällige Kinder. Andere Schulhäuser haben «Schulinseln» geschaffen, um Lehrer zu entlasten. So in Sarnen (OW), Chur oder in Zürich. Schüler, die eine Pause vom Unterricht brauchen, arbeiten in einem separaten Raum weiter.

Sechs Primarschulen in St.Gallen führen noch Kleinklassen

Laut Florian Sauer vom städtischen Schulamt trifft das Bild des überlasteten Lehrers auch hier zu. Der Anteil der Teilzeit arbeitenden Lehrer habe in den letzten Jahren zugenommen. Aktuell sind von den 881 in der Stadt St.Gallen tätigen Lehrpersonen nur gerade 129 (15 Prozent) in einem Vollzeitpensum beschäftigt.

Jede Schule verfüge über einen «Pool an Lektionen», die sie für die zusätzliche Förderung von Kindern verwenden könne. Somit wäre es laut Sauer «theoretisch möglich», dass die Lektionen für das Führen einer Kleinklasse eingesetzt werden. «Der Integrationsvorrang verpflichtet die Schulen jedoch, die Ressourcen primär für die integrative Förderung einzusetzen.» Hinzu komme, dass längst nicht jede Schule in der Stadt eine ausreichende Anzahl an Kindern habe, für die eine Förderung in einer Kleinklasse angezeigt sei.

Schulamt und Schulleitungen legten deshalb gemeinsam fest, wo Kleinklassen geführt werden. Derzeit gibt es in der Stadt noch sechs Primarschulen, die eine jahrgangsgemischte Kleinklasse führen. «Diese wird aber auch von Kindern anderer Schulen besucht, die selbst keine Kleinklasse führen», sagt Sauer auf Anfrage. Auf der Oberstufe gebe es je eine Kleinklasse pro Jahrgang oder jahrgangsgemischte Kleinklassen.

Ein ganzes Massnahmenpaket muss her

Der kantonale Lehrerinnen- und Lehrerverband (KLV) unterstützt Berthers Forderung nach mehr Kleinklassen grundsätzlich. «Lösungen nach dem Giesskannenprinzip über alle Schulen hinweg sind aber zu kurzgreifend. Man müsste ein ganzes Massnahmenpaket schnüren, um Lehrpersonen zu unterstützen», sagt Daniel Thommen, Co-Präsident des Kantonalen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (KLV). Man tue einem Kind, das aufgrund fehlender oder knapper Ressourcen ständig überfordert werde, keinen Gefallen.

Manchmal sei auch Einzelförderung der richtige Weg. Thommen nennt das Beispiel einer jungen Frau, die als Schülerin in der Gruppe stets unterging und deren schulische Defizite immer grösser wurden. «Sie wurde einzeln gefördert, heute leitet sie ein Geschäft.» Jeder Franken, der am richtigen Ort eingesetzt werde, sei ein gut investierter.

Auch vonseiten der Politik stösst die Idee Berthers auf Interesse. SP-Stadtparlamentarierin Alexandra Akeret spricht sich zwar für die integrative Förderung aus. Es müssten aber mehr Mittel gesprochen werden. «Es müssten mindestens zwei Lehrpersonen permanent in jeder Klasse anwesend sein», sagt Akeret.

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