Interview

«Wenn die Freunde am Wochenende feiern gehen, bleibe ich zu Hause»: Die Thurgauerin Noëlle Maritz ist eine der besten Fussballerinnen der Schweiz

Die Thurgauerin Noëlle Maritz hat mit dem VfL Wolfsburg alles gewonnen, was es im Clubfussball zu gewinnen gibt. Die 24-Jährige über Vorbilder, Tapas, Golf und ihre weitere Zukunft.

Andreas Ditaranto
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Noëlle Maritz strebt mit dem VfL Wolfsburg den vierten Meistertitel und gar den sechsten Pokalsieg in Folge an.

Noëlle Maritz strebt mit dem VfL Wolfsburg den vierten Meistertitel und gar den sechsten Pokalsieg in Folge an.

(Bild: PD/Darius Simka)

Sie haben sich entschlossen, Ihren im Juni auslaufenden Vertrag beim VfL Wolfsburg nicht zu verlängern. Haben Sie mit dem Entscheid gehadert?

Ich habe es mir nicht leicht gemacht mit dieser Entscheidung. Wenn man sieben Jahre bei einem Verein war, hat man viele Freundschaften geschlossen. Es war eine sehr schöne und prägende Zeit. Hierhin zu wechseln war aus meiner Sicht die beste Entscheidung, die ich damals treffen konnte und ich bin dem VfL sehr dankbar. Ich hatte von Beginn an Weltklasse-Spielerinnen als Teamkolleginnen, hier herrschte über die ganzen Jahre immer ein sehr hohes Niveau. Der VfL bietet einfach beste Möglichkeiten, um sich optimal weiterzuentwickeln. Mit Blick auf meine weitere persönliche und fussballerische Entwicklung ist es nun aber an der Zeit, eine neue Herausforderung anzunehmen und etwas anderes kennen zu lernen.

Mehrfache Meisterin sowie Cup- und Pokalsiegerin, dazu noch Champions-League- Gewinnerin. Als Mann wäre Ihnen mit diesem Palmarès ein Millionensalär garantiert…

Zunächst muss man mal betonen, dass unser Erfolg das Produkt harter Arbeit ist. Wir sind alle Gewinner­typen, die immer hungrig auf Erfolg sind. Vergleiche mit dem Männerfussball sind aus meiner Sicht nicht angebracht.

«Was da für Summen bezahlt werden, steht ja kaum noch im Verhältnis zur Realität. »

Aber Gleichberechtigung hat ja nicht nur etwas mit den Gehältern zu tun. Grundsätzlich gibt es in Sachen Gleichberechtigung noch einiges zu tun.

Bei den Clubverantwortlichen geht man davon aus, dass Sie eine der anderen europäischen Topligen nach Frankreich, England oder Spanien wechseln. Ihre Vorliebe für Tapas würde für Letzteres sprechen…

Es gibt viele interessante Länder und Ligen, in denen sich der Frauenfussball momentan sehr gut weiterentwickelt. Mit der Zeit wird man sehen, wohin es gehen könnte.

Nach sieben sehr erfolgeichen Jahren in Wolfsburg will die Erlerin Noëlle Maritz im Sommer eine neue Herausforderung annehmen.

Nach sieben sehr erfolgeichen Jahren in Wolfsburg will die Erlerin Noëlle Maritz im Sommer eine neue Herausforderung annehmen.

(Bild: PD/Boris Schmelter)

Sie sind erst 24. Machen Sie sich bereits Gedanken zur persönlichen und beruflichen Zukunft, zum Leben nach der Fussballkarriere? Vielleicht Golfprofi? Bei Ihren Eltern in Erlen ist es ja nicht weit bis zum Golfplatz…

Ich glaube, Golf wird eher ein Hobby bleiben. Klar mache ich mir ab und zu auch Gedanken über die Zeit nach der aktiven Karriere, aber das ist hoffentlich noch in weiter Ferne. Meine Konzentration gilt eher der Gegenwart und meiner Entwicklung als Spielerin. Was ich jetzt schon sagen kann: Ich würde gerne weiterhin im Sport, vielleicht auch im Fussball, tätig sein.

Wer sind Ihre Vorbilder?

Roger Federer ist ein grosses Vorbild für mich – nicht nur, weil er ein Landsmann ist. Seine sportlichen Erfolge, aber auch sein Auftreten finde ich sehr beeindruckend. Es gibt aber auch Fussballerinnen und Fussballer, die mich inspirieren. Hier möchte ich allen voran Megan Rapinoe (US-Spielerin, zweifache Weltmeisterin und Weltfussballerin 2019, Anm.d.Red.) erwähnen, die nicht nur auf dem Platz starke Leistungen zeigt, sondern auch ausserhalb Beeindruckendes leistet.

Haben Sie sich letztes Jahr für die US-Spielerinnen gefreut, als sie den WM-Titel verteidigten?

Ich wäre lieber mit der Schweiz zur WM gefahren. Klar habe ich mich mit den USA gefreut. Aber weniger, weil ich selbst die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitze, sondern vielmehr, weil mich die Mannschaft fussballerisch überzeugt hat.

Mit dem Nationalteam sind Sie auf gutem Weg, sich für die EM 2021 zu qualifizieren. Welche Gegnerinnen würden Sie sich an der Endrunde wünschen?

Es ist noch ein weiter Weg bis zur Endrunde. Gerade in den Spielen gegen Belgien müssen wir eine Topleistung abrufen. Natürlich wäre es ein Highlight, die EM in einer so fussballverrückten Nation wie England erleben zu können und dann vielleicht auf die Gastgeberinnen zu treffen. Aber wie schon erwähnt: Erst mal müssen wir die Qualifikation schaffen – und dann gibt es keine Wunschgegner.

Was würden Sie jungen Mädchen raten, die ebenfalls Fussballprofi werden wollen?

Zunächst einmal gibt es nichts Schöneres, als seine Leidenschaft zum Beruf machen zu können. Wenn dann noch Erfolge dazukommen, ist es noch besser. Man darf aber auch nicht vergessen, dass der Weg bis zur absoluten Spitze hart und steinig sein kann.

«Disziplin ist eine zentrale Voraussetzung, das darf man nie vergessen. Wenn die Freunde am Wochenende feiern gehen, bleibe ich zu Hause. Aber dieser Verzicht lohnt sich.»

Wobei können Sie am besten abschalten?

Ich geniesse es, einfach mal auf der Couch zu liegen und nichts zu machen. Aber ich bin auch gerne mit Freunden unterwegs. Und es ist immer eine schöne Abwechslung, wenn ich meine Familie sehe.

Was schauen oder hören Sie gerade am liebsten?

Momentan ist Grey’s Anatomy ganz vorne bei meinen Lieblingsserien. Was Musik angeht, höre ich gerne Justin Bieber, aber auch R&B und Hip-Hop findet man auf meiner Playlist.

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