Wenn der Wahlkampf-Wecker klingelt: Die St.Galler Ständeräte Rechsteiner und Würth starten ihre Kampagnen

Die beiden St.Galler Ständeräte Paul Rechsteiner und Benedikt Würth starten ihren Wahlkampf – mit unterschiedlichem Tempo. Und unterschiedlichen Voraussetzungen.

Katharina Brenner
Merken
Drucken
Teilen
In Sachen Wahlkampf ist Paul Rechsteiner (rechts) Benedikt Würth zurzeit noch einen Schritt voraus. (Montage: stb)

In Sachen Wahlkampf ist Paul Rechsteiner (rechts) Benedikt Würth zurzeit noch einen Schritt voraus. (Montage: stb)

Paul Rechsteiner im Profil und in Schwarz-Weiss mit angedeutetem Lächeln. Unter dem Foto zwei Wörter, weiss auf SP-Rot: «Den braucht’s.» Seit Dienstag bewirbt Paul Rechsteiner sein Plakat für den Ständeratswahlkampf, bereit zur Bestellung «für den eigenen Balkon». 120 Likes auf Facebook innert weniger Stunden. Ohne Paul Rechsteiner ging es die letzten acht Jahre nicht, ohne ihn wird es auch die kommenden vier nicht gehen, suggeriert dieses Sujet. Auf dem Plakat aus der Feder des Zürcher Gestalters Jonas Voegeli, der auch das vor vier und vor acht Jahren entwarf, fehlen die üblichen Wahlversprechen. Es setzt ganz reduziert auf den Mann mit dem Schnauz: Ihn kennen alle.

Trotzdem ist Rechsteiners Wiederwahl weit davon entfernt, ein Selbstläufer zu werden. In bürgerlichen Kreisen hört man immer wieder den Ruf nach der ungeteilten Standesstimme, wobei sie gerade bei kantonalen Anliegen mit Karin Keller-Sutter und Paul Rechsteiner kaum je geteilt war. Bei dieser Wahl aber fehlt KKS. Die Kandidaturen von Marcel Dobler (FDP) und Roland Rino Büchel (SVP) zielen auf Rechsteiners Sitz. Neben seiner Politik greifen Rechsteiners Gegner auch seine Amtszeit und sein Alter an. Der amtsälteste Bundesparlamentarier wird am Montag 67. «Wollen die St.Gallerinnen und St.Galler, dass ihr Ständerat in der nächsten Legislatur 70 wird?», fragte Marcel Dobler im Interview mit dieser Zeitung.

Peter Hartmann, Wahlkampfleiter von Paul Rechsteiner. (Bild: Urs Bucher)

Peter Hartmann, Wahlkampfleiter von Paul Rechsteiner. (Bild: Urs Bucher)

Rechsteiners Wahlkampf hat bereits Fahrt aufgenommen

Im Rechsteiner-Lager wissen sie das natürlich alles. Wahlkampfleiter Peter Hartmann sagt: «Ein Wahlkampf ist nie vorhersehbar. Klar ist nur: Es gibt einen.» Der SP-Kantonsrat, ebenfalls 67, war schon in früheren Jahren der Leiter von Rechsteiners Kampagnen. Wahlkampf, das heisst für Rechsteiner vor allem: zuhören und reden, reden und zuhören. Der direkte Kontakt mit der Bevölkerung sei ganz wichtig, so Hartmann. «Wir starten mit Standaktionen in Wil und Flawil Ende August.» Am Montag wird Rechsteiner bei einem Klimaanlass mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga in der Stadt St.Gallen ein Schlusswort sprechen.

Klimaanlass, Standaktionen, Präsenz auf Internet- und Facebookseite: Rechsteiners Wahlkampf läuft. «Vor vier Jahren war er eher passiv und verwies immer wieder auf das gut eingespielte Team Keller-Sutter/Rechsteiner», sagt Patrick Emmenegger, Politologe an der Uni St.Gallen.

«Heuer wird er aktiver sein und insbesondere um CVP-Wählerinnen und -Wähler werben müssen.»

Rechsteiner müsse bei starker Konkurrenz über die Kernwählerschaft hinaus mobilisieren.

Klassische Unterstützermilieus sind Umwelt-, Mieter-, und Sozialverbände. Der Gewerkschafter konnte aber immer auch auf Unterstützung aus der Kulturszene bauen. 2015 mobilisierte er vor dem zweiten Wahlgang prominente Namen: Clown Pic, Musiker Jack Stoiker und Kabarettist Joachim Rittmeyer drehten Videos für Paul Rechsteiner, Rittmeyer sein legendäres mit den Katzensuchplakätli. Auf den SP- und Rechsteiner-Kanälen sind diese Videos prominent platziert, auch wenn sie vier Jahre alt sind. Neue sind bislang nicht geplant. Joachim Ritt­meyer gibt sich siegessicher: «Dieses Mal schafft es Paul Rechsteiner ohne ein Rittmeyer-Video.» Es könnte eine täuschende Sicherheit sein. Doch Rechsteiners Unterstützer signalisieren: Sollte Paul doch noch anrufen, sind sie parat. Im Wahlkampf braucht’s mehr als einen prominenten Kopf, da braucht’s viele.

Die erste Regung seit langem ist die Freude über die IHK

Das weiss auch Benedikt Würth. Über 500 Personen zählte das überparteiliche Komitee, das ihn im Frühjahr bei der Wahl in den Ständerat unterstützte. Hinzu kamen die IHK, Verbände wie Procap oder die Gewerkschaft Syna. Letztere unterstützt Würth und Rechsteiner. Am Dienstag schrieb Würth auf Facebook: «Ich freue mich sehr über die Unterstützung aus der Wirtschaft!» Da hatte die IHK St.Gallen-Appenzell gerade bekannt gegeben hatte, dass sie ihn und Marcel Dobler empfiehlt. Es ist die erste Aktivität auf der Seite in diesem Wahlsommer. Auch Würths Homepage ist noch auf dem Stand vom 19. Mai 2019, als er im zweiten Wahlgang Nachfolger von KKS wurde.

Pius Bürge, CVP-Geschäftsführer. (Bild: pd)

Pius Bürge, CVP-Geschäftsführer. (Bild: pd)

Die CVP ist offensichtlich noch nicht so richtig im Wahlkampfmodus. Auf die erste Anfrage letzte Woche sagte CVP-Geschäftsführer Pius Bürge, er müsse erst Würth fragen, wer den Medien Auskunft geben soll – er, Bürge, oder Martin Gehrer. Zwei Tage später Bürges Rückruf: Er sei für operative Aufgaben zuständig, Alt-Regierungsrat Gehrer sei Leiter Wahlstab. Bürge gibt also zum Beispiel auf die Frage Auskunft, ob die CVP wahlkampfmüde sei. «Auf keinen Fall», sagt er vehement.

«Von Müdigkeit keine Spur. Wir sind top, top motiviert.»

Allerdings, räumt er ein, sei der Wahlkampf intensiv gewesen. Deshalb habe man sich über den Sommer eine Pause gegönnt. Würth selbst sagt: «Als ich mich Ende 2018 für eine Kandidatur entschieden habe, wusste
ich, was auf mich zukommt. Also war mein Fokus immer auf das ganze Jahr gerichtet.»

Ein deutlich kleineres Budget als noch im Frühling

Plakate, Flyer, Standaktionen, Inserate, Podien, Facebook: Die Kampagne wird gemäss Bürge klassisch und
breit gefächert. Wie Rechsteiner möchte auch Würth Ende August
mit Standaktionen beginnen. Im Frühling hatte Würth ein Wahlkampfbudget von 150'000 Franken, womit er ausser Konkurrenz war. Nun stehe «ein Bruchteil dessen» zur Verfügung, so Bürge (das Team um Rechsteiner gibt das Wahlkampfbudget nicht bekannt).

Politologe Emmenegger sagt: «Für Würth dürfte es wichtig sein, den Bisherigen-Bonus aufzubauen, indem er als amtierender Ständerat Präsenz markiert. Ausserdem dürfte er Wert darauf legen, dass sich die Angriffe auf Rechsteiner konzentrieren, und selber entsprechend eher weniger auf Angriff gehen.» Mit dieser «staatsmännischen Kampagne» sei er auch im Frühling sehr gut gefahren.

Gestern hat sich der Wahlstab von Würth das erste Mal nach den Ferien getroffen. Damit dürfte auch sein Wahlkampf langsam Fahrt aufnehmen. Ab September sollen Würths Plakate im Kanton hängen. Das Motiv mit dem Profil ist bereits vergeben.

Die Kandidaten auf TVO

Vor den Wahlen im Herbst strahlt TVO mehrere Wahlsendungen aus. Dafür greift der Sender auch auf die Expertise von «Tagblatt»-Politprofis zurück. In der Livesendung heute Abend ab 18 Uhr diskutieren die bisherigen St.Galler Ständeräte Paul Rechsteiner (SP) und Benedikt Würth (CVP) mit den Neu-Kandidaten Marcel Dobler (FDP) und Roland Rino Büchel (SVP) . Moderiert wird die Sendung von André Moesch. In Folgesendungen werden Stände- und Nationalratskandidaten aus allen Ostschweizer Kantonen zu Gast sein. (kbr)

Lesen Sie auch: