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Wenn der Patient nicht in die Röhre passt: Wie Ostschweizer Gesundheitseinrichtungen mit übergewichtigen Pflegebedürftigen umgehen

Die wachsende Zahl fettleibiger Pflegebedürftiger stellt Ostschweizer Gesundheitseinrichtungen vor neue Herausforderungen. In der Ostschweiz sind überdurchschnittlich viele Personen übergewichtig oder adipös.
Meret Bannwart
Die Blutentnahme kann bei stark übergewichtigen Patienten erschwert sein, da die Venen oft nicht leicht zu finden sind. (Bild: Garo/Phanie)

Die Blutentnahme kann bei stark übergewichtigen Patienten erschwert sein, da die Venen oft nicht leicht zu finden sind. (Bild: Garo/Phanie)

Was tun Ärzte, wenn der Patient nicht mehr in die Röhre passt? Wenn das Körpergewicht einer Magnetresonanztomografie im Wege steht? Stark übergewichtige Patienten und Patientinnen stellen die Gesundheitseinrichtungen in der Schweiz vor Herausforderungen. Denn: Die Infrastruktur für diese Patientengruppe ist unterentwickelt. Gab es gemäss Bundesamtes für Statistik 1992 in der Schweiz noch 6 Prozent adipöse Männer und 5 Prozent adipöse Frauen, hat sich der Anteil bis ins Jahr 2017 bei beiden Geschlechtern verdoppelt (siehe Zweittext).

«Grundsätzlich behandeln wir stark adipöse Patienten wie alle anderen auch», sagt Chirurg Thomas Frick, Leiter des Ostschweizer Adipositaszentrums. Bis zu einem Body-Mass-Index (BMI) von 40 seien Schlauchmagenoperationen oder Magenbypässe Routine und verliefen ohne grössere Komplikationen. Ab einem BMI von 40 werde es schwieriger. Doch genau diese Patienten profitierten am meisten von einem gewichtsreduzierenden Eingriff. Patienten, die einen BMI von 50 oder mehr haben, werden am Kantonsspital St.Gallen ein- bis zweimal pro Monat operiert. Ein BMI von 50 bedeutet: Der Patient ist 180 Zentimeter gross und wiegt 162 Kilogramm.

Wenn Ärzte den Blutdruck nicht messen können

Nicht alle stark adipösen Patienten kommen ins Kantonsspital St.Gallen, weil sie ihr Gewicht reduzieren wollen. Auch andere Fachbereiche werden mit ihnen konfrontiert. Wenn beispielsweise jemand wegen Bauchschmerzen in die Notfallabteilung kommt, sind die Untersuchungen erschwert. Beim Bauchabtasten spürt man durch die dicke Bauchdecke kaum etwas, der Blutdruck ist schlecht messbar und bei der Ultraschalluntersuchung ist häufig wenig erkennbar unter dem Fettgewebe.

Auch die Blutabnahme ist komplizierter, da die Venen nicht leicht zu finden sind. «Wenn die Untersuchungen kein eindeutiges Resultat bringen, muss man chirurgisch eingreifen und in den Bauch schauen, um zu sehen, was los ist», sagt Thomas Frick. Dann sei der Chirurg auch physisch mit dem Fettgewebe konfrontiert.

Übergewicht und Adipositas bei Frauen

Bevölkerung ab 15 Jahren in Privathaushalten, in Prozent
Adipositas
Übergewicht
1992199720022007201220170102030

Übergewicht und Adipositas bei Männern

Bevölkerung ab 15 Jahren in Privathaushalten, in Prozent
Adipositas
Übergewicht
19921997200220072012201701020304050

Für gewisse Eingriffe ist es von Vorteil, wenn der Patient vorher sein Gewicht reduziert. Wenn möglich werde bei stark Übergewichtigen etwa vor einer Nierentransplantation zuerst ein Magenbypass angelegt, sagt der Chirurg. Wenn der Patient dies nicht wolle, werde er nicht dazu gezwungen. Es sei keine Bedingung, damit die Nierentransplantation stattfinde. Hier habe in den vergangenen Jahren ein Umdenken stattgefunden. Früher hätten Ärzte übergewichtige Patienten aktiv darauf aufmerksam gemacht, dass man von ihnen eine Gewichtsreduktion erwarte. Es gebe dazu zwei verschiedene Grundhaltungen. Frick sagt:

«Entweder man denkt wie ein Polizist, oder man denkt liberal.»

Heute sehe man jeden in erster Linie selber für seine Gesundheit verantwortlich. «Wir sind keine Erzieher.» Wenn ein Patient aber Interesse an solchen Eingriffen zeige, sei man für ihn da.

Für die Umlagerung braucht es zwei Pflegende

Nicht nur die Arbeit der Ärztinnen und der Ärzte ist eine Herausforderung. Auch die Arbeit des Transportdienstes und der Pflegenden wird noch anspruchsvoller. Denn für 200-Kilogramm-Patienten müssen nicht nur spezielle Betten organisiert werden, auch für das Personal entsteht zusätzlicher Aufwand. Müssen zum Beispiel die Beine eines Übergewichtigen umgelagert werden, braucht es dafür mindestens zwei Pflegepersonen.

Ähnlich tönt es bei der Spitex. Zwar kann Ruth Weber vom Spitexverband SG/AR/AI nicht allgemein sagen, wann die Behandlung stark adipöser Klienten und Klientinnen schwierig wird. Denn die Mobilität der Klienten sei sehr unterschiedlich. Doch grundsätzlich sei die Pflege mit einem höheren Personalaufwand verbunden. «Kompliziert wird es für uns, wenn ein Übergewichtiger beispielsweise nicht mehr alleine auf die Toilette kann, und keine technischen Hilfsmittel wie Spezialgriffe weiterhelfen. Im Extremfall müssen dann mehrere Mitarbeiter vor Ort sein», sagt Weber.

Dies sei auch für die Planung der Einsätze schwierig. Genaue Zahlen gibt es bei der Spitex nicht. Noch seien solche Klienten sehr selten, doch die Tendenz sei steigend. Bei der Spitex betreue man nebst älteren übergewichtigen Klientinnen und Klienten, auch solche, die jünger seien, und ausschliesslich wegen ihres Gewichtes Unterstützung benötigten. Diese Klienten seien bei der täglichen Körperpflege auf Hilfe angewiesen, weil sie zum Beispiel die Füsse nicht mehr erreichen könnten. Oder sie brauchten Unterstützung im Haushalt aufgrund ihrer eingeschränkten Mobilität oder Gelenkbeschwerden – eine Folgeerscheinungen des Übergewichtes. Typisch seien auch Hautprobleme, Zuckerkrankheit oder Schwierigkeiten bei der Wundpflege.

Spitex fordert Mitarbeit der Klienten

Angesichts der wachsenden Zahl stark Übergewichtiger stellt sich die Frage, wie sich das Schweizer Gesundheitssystem auf die Bedürfnisse dieser Patientengruppe ausrichtet. Eine spezielle Zukunftsstrategie für stark adipöse Klienten bei der Spitex gibt es gemäss Ruth Weber nicht. Man werde dem Problem mit einem erhöhten Personalaufwand entgegenwirken. Weber sagt:

«Für uns ist auch zentral, dass die Gesundheit und die Sicherheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewährleistet werden können.»

Dies könne bedeuten, dass die Spitex Druck auf einen Klienten ausüben dürfe, wenn dieser sich etwa weigere, Hilfsmittel für die Mitarbeiter im Bad anzubringen.

In den Spitälern wie dem Kantonsspital St.Gallen gibt es zwar technische Hilfsmittel wie spezielle Betten oder Rollstühle für adipöse Patienten. Ungelöst ist allerdings das Problem, dass Hersteller ihre medizinischen Geräte – zum Beispiel Computertomografen – nicht auf übergewichtige Menschen ausrichten. Dazu kommt, dass technische Verfahren wie Ultraschall bei stark übergewichtigen Patienten nicht wirksam sind, und sie deshalb nicht adäquat untersucht werden können.

Übergewicht und Adipositas nehmen in der Schweiz zu

Von Übergewicht spricht man ab einem Body Mass Index (BMI) von 25. Ein BMI von 25 entspricht bei einer Körpergrösse von 180 Zentimetern 81 Kilogramm. Gemäss dem Bundesamt für Statistik hatten in der Schweiz im Jahr 2017 42 Prozent der Bevölkerung einen BMI von 25 oder mehr. Bei den Männern war mehr als jeder Zweite übergewichtig oder adipös, bei den Frauen war es jede Dritte.

Adipositas bedeutet Fettleibigkeit. Ab einem BMI von 30 gilt man als adipös und nicht mehr als übergewichtig. Wenn man die Adipositas isoliert betrachtet, ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern geringer. Im Jahr 2017 waren 12,3 Prozent der Schweizer Männer von Adipositas betroffen, bei den Schweizer Frauen waren es 10,2 Prozent. Doch die Anzahl der adipösen Personen hat sich seit dem Jahr 1992 verdoppelt.

Die Zahlen in der Ostschweiz sind im schweizerischen Vergleich überdurchschnittlich. Im Kanton St. Gallen waren im Jahr 2017 gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium 43,7 Prozent übergewichtig oder adipös. Im Kanton Thurgau waren es sogar 44,7 Prozent. Je älter jemand ist, desto eher ist er oder sie von Übergewicht oder Adipositas betroffen. Auch Faktoren wie ländliche Wohnregion, Erwerbs­losigkeit und tiefes Bildungsniveau ­erhöhen das Risiko für Übergewicht.

Gemäss der Swiss Society for the Study of Morbid Obesity and Metabolic Disorders haben sich die bariatrischen Operationen in der Schweiz vervielfacht. Als bariatrische Operationen bezeichnet man Eingriffe zur Reduktion des Körpergewichtes. Gab es im Jahr 2011 noch 1681 bariatrische Operationen in der Schweiz, waren es 2016 bereits 5371.(meb)

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