Wenn der Durchblick fehlt

Immer wieder zieht die Polizei Autofahrer aus dem Verkehr, deren Sicht auf die Strasse massiv eingeschränkt ist. Manche flüchten sich in Ausreden, andere zeigen Reue – doch alle müssen mit dem Entzug des Führerausweises rechnen.

Daniel Walt
Drucken
Teilen

Es sind skurrile Bilder, die sich Polizisten bei Kontrollen immer wieder bieten. Die Beamten entdecken etwa Sattelschlepper, in denen Ventilatoren, Stofftiere, Fähnchen und weitere Gegenstände im Bereich der Frontscheibe angebracht sind. Die Lenker der meist im Ausland immatrikulierten Gefährte haben keinen freien Blick auf die Strasse. Oder dann gibt es jene Autofahrer, die neben sich alles transportieren, bloss keinen Mitfahrer: Pflanzen, Möbel oder Matratzen. Die Sicht durchs Seitenfenster: null. Hanspeter Krüsi, Leiter Kommunikation der St. Galler Kantonspolizei, wählt deutliche Worte: «Das ist unverantwortlich und kann fatale Folgen haben.» Am Ende eines Strafverfahrens steht meist eine Geldstrafe – und möglicherweise ein Führerausweisentzug.

«Mist gebaut»

«Ich muss nur eine kurze Strecke fahren» oder «Ich passe extra gut auf»: Solche und weitere Ausflüchte hören die Polizisten, wenn sie fehlbare Lenker stoppen. Oftmals handelt es sich um Private, die etwas transportieren mussten, aber kein geeignetes Fahrzeug zur Verfügung hatten. Steigend ist die Zahl von nicht vorschriftsgemäss montierten Navigationsgeräten, welche die Sicht versperren, wie Daniel Meili von der Thurgauer Kantonspolizei festhält.

Nebst Lenkern, die ihr Tun verharmlosen, gibt es auch viele, die sich einsichtig zeigen. Hanspeter Saxer, Sprecher der Ausserrhoder Kantonspolizei: «Da kann es schon mal vorkommen, dass jemand sagt, er habe Mist gebaut.» Sein Thurgauer Kollege Daniel Meili hält fest, oftmals seien sich die Leute der Gefahren ihres Handelns nicht bewusst.

«Schlicht zu faul»

Wenn es kalt wird, ist auf den Strassen eine spezielle Form des Fahrens mit zu wenig Sicht zu beobachten – das Guckloch-Fahren. «Beschlagene beziehungsweise vereiste Scheiben sind ein Dauerbrenner», sagt Hanspeter Saxer von der Ausserrhoder Kantonspolizei. Sein St. Galler Kollege Hanspeter Krüsi ergänzt: «Die Leute vergessen, dass sie im Winter mehr Zeit brauchen, bevor sie losfahren können. Oder sie sind zu faul, um die Scheiben korrekt von Schnee und Eis zu befreien.» Daniel Meili von der Kantonspolizei Thurgau bezeichnet Guckloch-Fahren als «sehr gefährlich». Dementsprechend führt die Polizei im Winter regelmässig Kontrollen durch.

Keine Gnade bei Vereisungen

Wird jemand wegen Fahrens mit eingeschränkter Sicht angehalten, kann er einzig bei geringen Vergehen auf Gnade hoffen. «Bei Wimpeln an Rückspiegeln etwa besteht ein Ermessensspielraum», sagt Hanspeter Krüsi. Einen solchen gibt es für Guckloch-Fahrer nicht. «Sie nehmen in Kauf, dass sie durch ihre Bequemlichkeit andere gefährden», sagt Krüsi. Die Dunkelziffer sei hoch. Kontrolliert eine Patrouille einen Guckloch-Fahrer, kann es sein, dass derweil drei weitere Lenker vorbeifahren, die den Durchblick vor lauter Eis ebenfalls nicht haben.

Mehr Bilder auf www.tagblatt.ch

Vollbepackt, verhängt, vereist, vollgestopft: Autofahrer sind auf Ostschweizer Strassen oftmals auf abenteuerliche Art unterwegs. (Bilder: Kapo SG/Kapo TG)

Vollbepackt, verhängt, vereist, vollgestopft: Autofahrer sind auf Ostschweizer Strassen oftmals auf abenteuerliche Art unterwegs. (Bilder: Kapo SG/Kapo TG)