Wenn Bäume den Mond spüren

Es soll stabiler und resistenter gegen Feuchtigkeit sein – dem Mondholz werden seit Jahrhunderten besondere Eigenschaften nachgesagt. In der Ostschweiz nimmt die Nachfrage nach dem Nischenprodukt zu.

David Scarano
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Mondholz wird an ganz bestimmten Tagen geschlagen. (Bild: Mario Testa)

Mondholz wird an ganz bestimmten Tagen geschlagen. (Bild: Mario Testa)

25. und 26. Dezember – zwei besondere Tage, nicht nur wegen Weihnachten. An den beiden Tagen war der Mond abnehmend, nidsigend (absteigend) und befindet sich im Sternzeichen der Waage – gemäss Appenzeller Kalender ideale Voraussetzungen für den Holzschlag. Das bei solchen Konstellationen geerntete Holz nennt sich Mondholz – und diesem werden seit Jahrhunderten besondere Eigenschaften nachgesagt: Es bleibe ruhiger, faule oder brenne nicht.

Esoterischer Irrglaube oder überliefertes Wissen? Die Antwort des Gaiser Innenarchitekten und Zimmermeisters Jürg Frehner fällt nicht eindeutig aus: «Dass es nicht brennen soll, ist Unsinn. Waage-Mondholz ist aber tatsächlich schwindarmer, rissfreier und verwindungsstabiler.» Der 52-Jährige behauptet dies nicht einfach, er beruft sich auf eigene Erfahrungen. Seit 1997 experimentiert er mit Mondholz. Der Ausserrhoder, der mit seinen Brüdern ein Holzbauunternehmen führt, nutzt es auch in der täglichen Arbeit. Am häufigsten verwendet er Mondholz für die Füllung gestemmter Fassaden bei Appenzellerhäusern. Er kann dabei breitere Bretter verwenden als üblich. Sie seien optisch schöner und würden zudem kaum schwinden. «Mondholz eröffnet neue Gestaltungsmöglichkeiten», ist Frehner überzeugt.

Studie bestätigt Einfluss

Doch was hält die Wissenschaft vom Mondholz? Die Skepsis ist zum Teil gross. Tanja Zimmermann von der Empa sagt etwa, die Anfälligkeit für Pilzbefall hänge nicht vom Zeitpunkt des Holzschlages ab, sondern von der Baumart. «Es gibt kein Holz, das nicht fault oder nicht brennt.»

Zu den bekanntesten Forschern von Mondholz gehört Ernst Zürcher, Professor für Holzkunde an der Berner Fachhochschule sowie Lehrbeauftragter an der ETH Zürich und Lausanne. 2009 sorgte er mit seiner breit angelegten Studie für Aufsehen. Zusammen mit Kollegen der ETH Lausanne und der Forschungsanstalt Wald, Schnee, und Landschaft in Bellinzona liess er 600 Bäume an vier Standorten über einen Zeitraum von 24 Wochen fällen. Die 20 000 Proben wurden danach auf Trocknungs- und Schwindverhalten untersucht.

«Der Fällzeitpunkt spielt effektiv eine Rolle. Wir fanden subtile, jedoch statistisch signifikante Unterschiede bezüglich Wasserverlust, Dichte und Schwindverhalten», sagt Zürcher. So verliere etwa Fichtenholz, das kurz nach Vollmond geschlagen wird, zwar weniger Wasser bei der Trocknung, werde dadurch aber dichter und nehme später weniger Wasser wieder auf. Zum Erstaunen Zürchers zeigte die Studie auch, dass die Sternenkonstellation beim Zeitpunkt des Holzschlages ebenfalls von Bedeutung ist. Dennoch hält er fest: Viele Holzschlagregeln seien zu allgemein formuliert, auch werde viel übertrieben. Und weiter sagt er: «Ob Mondholz die zugesprochenen bautechnischen Eigenschaften auf die Dauer besitzt, muss noch weiter und differenziert untersucht werden.»

Mondholz ist teurer

Für das Schlagen von Mondholz gibt es pro Saison wenige geeignete Daten, die in den unterschiedlichen Mondkalendern festgehalten sind. Für die Forstbetriebe bedeutet dies, dass die Waldarbeiter – wenn vom Kunden gewünscht – auch an einem Samstag zur Motorsäge greifen müssen. «Mondholz verursacht einen geringen Mehraufwand, den wir entschädigt bekommen. Der Erlös ist rund zehn Prozent höher», sagt der Rorschacher Revierförster Reto Bless.

Er und seine Mitarbeiter ernten pro Jahr 200 Kubikmeter Mondholz – dies entspricht etwa drei Prozent des gesamten Ertrages des Forstbetriebs. Die Nachfrage hat laut Bless in den vergangenen Jahren zugenommen.

Einen Trend, den auch Heinz Engler, Geschäftsführer von Holzmarkt Ostschweiz, ausmacht. «Trotzdem wird Mondholz ein Nischenprodukt bleiben, das nur von speziellen Kundinnen und Kunden gewünscht wird.»

Holz acht Jahre gelagert

Ein Nischenprodukt ist das Mondholz auch für Frehner Holzbau AG. Beliebt sei es vor allem bei den Bauern – «weil sie mit dem Rhythmus der Natur leben», sagt Jürg Frehner. Der Ausserrhoder ist nach wie vor auf der Suche nach Holz, das nicht fault. Er liess vor acht Jahren einen Baum aufgrund von Daten eines Tiroler Kalenders fällen. Dieser behauptet, dass Holz, das unter anderem im Sternzeichen des Fisches geschlagen wird, unempfindlich gegenüber Fäulnis ist. Seither lagert Frehner die Bretter an einem schattigen, feuchten Platz.

Kommenden Frühling wird er sie hervorholen – und das Holz genau prüfen. Seine Experimente wird er unabhängig von den Erkenntnissen auf jeden Fall weiterführen: «Mit meinem Wissen stehe ich erst am Anfang.»

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