WELTKULTURERBE: Zäher Kampf um Grabungspläne

Seit Jahren streitet sich der Kanton St.Gallen mit dem emeritierten Archäologieprofessor Hans Rudolf Sennhauser: Dieser hält Dokumentationen über den Stiftsbezirk unter Verschluss.

Susanne Balli
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Der Kanton St. Gallen wartet auf Dokumente zu früheren archäologischen Grabungen im Stiftsbezirk. (Bild: Urs Bucher und Benjamin Manser)

Der Kanton St. Gallen wartet auf Dokumente zu früheren archäologischen Grabungen im Stiftsbezirk. (Bild: Urs Bucher und Benjamin Manser)

Sind Dokumentationen über archäologische Grabungen geistiges Eigentum des Grabungsleiters oder gehören sie den Auftraggebern? Über diese Grundsatzfrage streiten sich die Kantone St.Gallen und Luzern seit Jahren mit dem heute 85-jährigen Hans Rudolf Sennhauser, emeritierter Professor für Kirchenarchäologie an der ETH und Universität Zürich.

Sennhauser leitete ab den späten 1950er-Jahren zahlreiche Kirchen- und Klosterausgrabungen im Auftrag von Bund und Kantonen. Insgesamt mindestens 57 Dokumentationen in Form von Zeichnungen, Fotografien und Plänen zu Grabungen in 13 Kantonen hortet Sennhauser, und er weigert sich bis heute, diese den Kantonen auszuhändigen.

Deswegen reichten die Kantone St.Gallen, Luzern und Basel-Stadt im Jahr 2013 Klage ein. 2015 erzielte Basel-Stadt einen Erfolg: Wichtige Dokumente archäologischer Grabungen im Basler Münster aus den Jahren 1966, 1973 und 1974 konnten nach jahrelanger Auseinandersetzung nach Basel überführt werden. St.Gallen hingegen kämpft derzeit um die Herausgabe von Dokumentationen über den Klosterbezirk St.Gallen. Die Klage des Kantons Luzern bezieht sich auf die Ausgrabungen in der Kirche St.Johannes der Kommende Hohenrain.

Sistierte Klagen, langwierige Gespräche

Im vergangenen Jahr einigten sich St.Gallen und Luzern mit Sennhauser, eine aussergerichtliche Lösung zu suchen – die beiden Kantone sistierten ihre Klagen. Diese Sistierung war bis Ende Januar 2017 befristet. Wie Martin P. Schindler, Leiter der St.Galler Kantonsarchäologie, auf Anfrage sagt, sind die Verhandlungen zwischen St.Gallen und Sennhauser derzeit noch nicht abgeschlossen. Der Ausgang sei offen. Auch im Kanton Luzern geht es nicht vorwärts: «Es ist eine unglaublich zähe Angelegenheit», sagt Kantonsarchäologe Jürg Manser.

«Sennhauser hat die Frist verstreichen lassen, wir haben von seiner Stiftung nichts gehört. Darum bereiten wir nun unsere nächsten Schritte vor», sagt Jürg Manser. Wie diese im Detail aussehen, will er derzeit nicht kommunizieren. Man wolle noch den Ausgang der Verhandlungen zwischen der Stiftung und dem Kanton St.Gallen abwarten.

2009 gründete Sennhauser die Stiftung für Forschung in Spätantike und Mittelalter (FSMA), deren Präsident er ist, und er brachte seine getätigten Forschungen in die Stiftung ein. Damit bleiben die Dokumentationen über die Lebenszeit Sennhausers hinaus in der Stiftung. Sie lagern in einem mittelalterlichen Riegelbau in Bad Zurzach.

«Ein Mangel im Zivilgesetzbuch»

Mit der Gründung der Stiftung FSMA eskalierte der Streit zwischen Sennhauser und den betroffenen Kantonen. Die Konferenz der Kantonsarchäologen setzte darum 2009 eine von Manser geleitete Task-Force ein, welche die Ansprüche der betroffenen Kantone auf ihr kulturelles Erbe geltend machen soll. Doch erste Verhandlungen scheiterten, weshalb es zu den Klagen kam. «Für uns ist klar, dass die Kantone Anspruch auf die Dokumentationen haben. Es handelt sich um Kulturgut der Kantone und nicht um Eigentum von Hans Rudolf Sennhauser», sagt Manser. Zumal die Ausgrabungen mit öffentlichen Geldern von Kirchgemeinden, der Kantone und auch des Bundes finanziert worden seien.

Rechtlich gesehen scheint der Fall allerdings nicht ganz einfach: Während archäologische Fundstücke (gemäss ZGB Art. 724) eindeutig den Kantonen gehören, ist dies bei Dokumentationen nicht ganz so klar geregelt. «Dies ist ein Mangel des mittlerweile über 100-jährigen Schweizerischen Zivilgesetzbuches, in dem leider nur von den Funden, nicht aber von den Dokumentationen die Rede ist», sagt Manser.

Zwar hat Sennhauser den Kantonen sämtliche Funde zurückgegeben, laut Manser sind die Funde aber ohne die entsprechenden Dokumentationen für die Forschung wenig wert.

Sennhauser respektive seine Stiftung war auf Anfrage nicht zu einer Stellungnahme bereit. Man sei auf dem besten Weg, möchte aber nichts gefährden, teilt Katrin Roth, Vizepräsidentin des Stiftungsrates, im Namen des Stiftungsrates mit. Gegenüber Radio DRS 2 nahm Sennhauser letzte Woche hingegen ausführlich Stellung. Laut Sennhauser bilden die Dokumentationen in Zurzach ein für die Forschungsgeschichte interessantes Ensemble. «Es wäre schade, dieses Ensemble auseinanderzureissen und in die Kantone zu verteilen», sagte er. Der Zweck seiner Stiftung bestehe in der Forschung, und die sei zur Zeit am besten in Zurzach möglich.