Falsche Polizisten hauen Bürger übers Ohr: Welle aus Deutschland schwappt auf die Ostschweiz über

Im süddeutschen Raum wurden innert kürzester Zeit mehrere hundert Telefonbetrugs-Fälle gemeldet. Dahinter stecken Trickbetrüger, die sich am Telefon als Polizisten ausgeben. Auch in der Ostschweiz häufen sich die Meldungen.

Raphael Rohner
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«So viele Fälle von Betrugsversuchen durch falsche Polizisten hatten wir noch nie.» Das sagt Sven Müller von der Münchner Polizei. Dort wurden innert dreier Tage über 400 Fälle bei der Polizei gemeldet. Die Betrüger hatten Erfolg – Müller sagt:

«Vier Mal übergaben die ahnungslosen Menschen den falschen Polizisten ihre Wertsachen wie Ersparnisse, Goldbarren und Schmuck. Wir reden hier von Summen zwischen 30'000 und 260'000 Euro.»

Dabei seien viele der Fälle noch gar nicht gemeldet worden. Im süddeutschen Raum spricht man von einer regelrechten Betrugswelle. In den zwei vergangenen Jahren wurden allein in München Leute um fast 7 Millionen Euro betrogen.

Fälle nehmen auch in der Ostschweiz wieder zu

Eine Zunahme der Fälle zeichnet sich auch in der Ostschweiz ab. «Wir haben aktuell wieder eine Zunahme der Betrugsversuche von falschen Polizisten im Kanton Thurgau», sagt Daniel Meili, Mediensprecher der Kantonspolizei Thurgau. Im Zeitraum von einer Woche wurden 22 Fälle gemeldet, doch seien es wohl bedeutend mehr.

«Im Kanton St.Gallen wurden im letzten Jahr 101 solcher Fälle zur Anzeige gebracht. Das haben wir immer wieder», sagt Hanspeter Krüsi von der Kantonspolizei St.Gallen. Im laufenden Jahr wurde jedoch noch keinen neuen Fälle gemeldet.

Täter suchen bewusst ältere Menschen als Opfer

Die Masche ist immer gleich: Betrüger rufen aus dem Internet mit einer manipulierten Telefonnummer an. Auf dem Bildschirm wird eine Nummer der Polizei angezeigt, oder gar die Notrufnummer «117». Am anderen Ende der Leitung meldet sich dann ein vermeintlicher Polizeibeamter, der den Leuten vorgaukelt, dass er in einem Fall ermittle und dass sich die angerufene Person in grosser Gefahr befinde.

Meist heisst es, dass in der Nähe eingebrochen worden sei. Und der Polizist will von den Leuten wissen, was man für Wertsachen im Haus hat. Dann wird geraten, die Wertsachen in die Obhut eines Beamten in Zivil zu geben. Meist würden die Täter ihre Opfer gezielt aussuchen, heisst es bei der Polizei. Die Täter suchen nach älteren Namen oder gezielt nach Leuten mit ausländischen Namen.

Viele Fälle bleiben im Dunkeln

In mehreren Facebook-Gruppen schreiben verunsicherte User, dass sie von der «Polizei» angerufen wurden. Die (falschen) Polizisten hätten Hochdeutsch gesprochen und wollten «helfen», dann hätten sie aber einfach aufgelegt. Die Kantonspolizei-Korps warnen davor: «Unsere Polizisten reden kein Hochdeutsch», sagt etwa Meili. Zudem würden die Polizisten nie per Telefon dazu auffordern, Geld oder Wertsachen auszuhändigen. Meili: «Wer so etwas mitbekommt, muss unbedingt die Polizei verständigen!»

Ein Blick in die Statistiken des Bundesamtes für Polizei zeigt: In der Schweiz wurden im vergangenen Jahr fast 2500 solche Betrugsversuche, Tendenz steigend. In der Ostschweiz wurden in der Vergangenheit immer wieder Menschen Opfer dieser Betrugsmasche. Im Januar vergangenen Jahres wurde eine 76-jährige Rentnerin in Wil um mehrere hundert Franken Bargeld sowie Schmuck im Wert von mehreren tausend Franken betrogen. Sie übergab ihre Wertsachen nach einem Anruf von der «Polizei» den Betrügern über den Balkon.  

Die Polizei rät den Menschen, dass man sein Umfeld informieren und darauf aufmerksam machen soll. «Reden Sie mit Ihren Familienangehörigen und Ihren Nachbarn.» Wie viele Fälle es tatsächlich gibt, ist unbekannt.

Ermittlungen gegen Call Center in der Türkei

Die Telefonate werden laut der Polizei von professionell betriebenen Call Centern aus dem Ausland geführt, die sich nach dem aktuellen Ermittlungsstand meist in der Türkei befinden. Dies bestätigt auch die St.Galler Kantonspolizei auf Anfrage.

Man stehe im Kontakt mit den türkischen Behörden und habe im letzten Jahr auch mehrere Tatverdächtige festnehmen können, schreibt die Deutsche Polizei. Die Täter hätten enge Bezüge in den deutschen Sprachraum und sprechen perfekt Deutsch.