Wegen Spielschulden getötet und die Leiche im Wald verbrannt: Heute stand der mutmassliche Täter vor dem St.Galler Kreisgericht

Vor drei Jahren wurde in einem Thurgauer Waldstück eine verkohlte Leiche gefunden. Nun musste sich ein 37-jähriger Serbe wegen Mordes vor Gericht verantworten. Ihm droht eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren. Sein Verteidiger plädiert auf Freispruch.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Juli 2017: Polizisten durchsuchen den Wald beim thurgauischen Weiler Pulvershaus. Eine Spaziergängerin hatte hier die verkohlte Leiche eines serbischen Kickboxers gefunden.

Juli 2017: Polizisten durchsuchen den Wald beim thurgauischen Weiler Pulvershaus. Eine Spaziergängerin hatte hier die verkohlte Leiche eines serbischen Kickboxers gefunden.

Bild: PD

«Angesicht der erdrückenden Fülle der Indizien besteht für den Angeklagten ein erheblicher Erklärungsbedarf.» Minutiös listet der Staatsanwalt die Spuren auf, die belegen sollen, dass der Beschuldigte, ein 37-jähriger Serbe, am 6. Juli 2017 sein Opfer, einen 41-jährigen Landsmann, getötet haben soll. «Skrupellos», wie die Anklage sagt. In der Wohnung seiner Grosseltern in St.Gallen.

Den Erklärungsbedarf will der Beschuldigte am St.Galler Kreisgericht allerdings nicht stillen. Die Arme über dem weissen Hemd verschränkt, sitzt der Mann in Fussfesseln, Jeans und sauberen Sneakers vor dem Halbrund des fünfköpfigen Gerichtsgremiums. «Ich will dazu nichts sagen», antwortet er auf fast alle Fragen des Richters. Immer wieder, mantrahaft, stumpf.

Der Regen sichert Spuren

16. Juli 2017. In einem Waldstück beim thurgauischen Weiler Pulvershaus findet eine Spaziergängerin eine verkohlte Leiche. Daneben befinden sich die Reste eines versengten Plastiksacks, in dem die Polizei verschiedene Gegenstände sicherstellt. Zerschnipselte Ausweise etwa, ein Handy und ein Stück Teppich. Der Anklage zufolge hat der Täter die Leiche und den Sack mit Brandbeschleuniger überschüttet und angezündet. «Bald danach begann es wohl zu regnen.» Deshalb seien einige Gegenstände nicht vollständig vom Feuer zerstört gewesen.

So konnten Spezialisten den Speicher des Mobiltelefons auswerten. Er zeigt, dass der Beschuldigte in der Tatnacht Kontakt mit dem Opfer hatte. In seiner Wohnung wurde ausserdem Blut des Opfers gefunden und an seinen Turnschuhen dessen DNA. Von der Tatwaffe – einem harten Gegenstand – aber fehlt jede Spur. Ebenso vom Wagen, in dem die Leiche transportiert wurde.

Fund einer verkohlten Leiche vom 16. Juli 2017 nahe Erlen

Der Staatsanwaltschaft zufolge hat sich in der Tatnacht Folgendes zugetragen: Der Beschuldigte soll sein Opfer in die Wohnung seiner Grosseltern in St.Gallen bestellt haben, die er seit Jahren bewohnte. Mit «mindestens zwei massiven Schlägen» habe er ihm zwei Schädelbrüche zugefügt. Den blutgetränkten Teil des Wohnzimmerteppichs habe er abgetrennt – und in den besagten Plastiksack gestopft, den blutigen Kopf des Opfers mit einem Tuch und Plastikfolie umspannt. Danach habe er seinem Opfer Geld gestohlen, später dann die Leiche in den Wald beim Weiler Pulvershaus gebracht – und in Brand gesteckt.

Ein illegales Casinogeschäft in Ostschweizer Bars

Am Anfang dieses brutalen Verbrechens stand eine freundschaftliche Beziehung zwischen zwei Männern, die sich in einer Bar in Herisau kennen gelernt hatten. Das Opfer – in Serbien bekannt als Kickboxer, in der Schweiz als «wenig zimperlicher Türsteher» – hatte mit zwei Komplizen in der Ostschweiz ein illegales Geldspielgeschäft betrieben. Das Trio stattete verschiedene Lokale mit Spielautomaten aus. Mit den Barbetreibern vereinbarte es, den Gewinn zu teilen. Mit den Einkünften aus diesem Geschäft bestritt der Kickboxer, der wiederholt in Schlägereien verwickelt war, seinen Lebensunterhalt.

Der Beschuldigte hingegen war als Spielsüchtiger ab und an Gast in den besagten Lokalen. Gemäss Staatsanwaltschaft war er stets knapp bei Kasse. Gelegentlich polierte er Autos in der Garage seines Onkels und verrichtete Aushilfsarbeiten. Vom Kickboxer habe er sich Geld geliehen und es nicht zurückzahlen können, so die Anklage. Deshalb habe er sich entschlossen, den Mann «aus dem Weg zu räumen». Denn er habe gewusst, dass der Geldgeber sein Geld «notfalls mit Gewalt einfordern würde». Deshalb habe sich im Vorfeld eine Pistole besorgt. «Damit wollte er den Kickboxer in Schach halten.»

Mörder oder Bauernopfer des organisierten Verbrechens?

Die Staatsanwaltschaft plädiert auf Mord. Der Beschuldigte habe von Anfang an die Absicht gehabt, seinen Gläubiger umzubringen.

«Nur der Tod des Opfers löste sein Problem.»

Er habe den Mann nach Hause gelockt, das Delikt kaltblütig und skrupellos ausgeführt, seinen Kollegen «richtiggehend eliminiert». Die Anklage beantragt deshalb eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren und einen Landesverweis von 15 Jahren.

An dieser Argumentation lässt die Verteidigung kein gutes Haar. Das Tatmotiv lasse sich nicht beweisen. «Der Beschuldigte hatte Zugriff auf das Konto seiner Grosseltern. Hätte er Schulden zurückbezahlen müssen, wäre er dazu in der Lage gewesen.» Ausserdem sei es doch fragwürdig, dass der Beschuldigte einen gewaltbereiten Kickboxer habe erschlagen können. «Wenn er schon eine Pistole gehabt haben soll, wäre es wohl einfacher gewesen, sie zu benutzen.»

Der Verteidiger stellt eine Gegentheorie auf. Schaue man genauer hin, falle auf, dass sämtliche Spuren in die Wohnung des Beschuldigten führten. Jemand, der sowohl Tatwaffe als auch Transportfahrzeug verschwinden lassen könne, sei wohl nicht so dumm, dass er die Tat in den eigenen vier Wänden begehe und dann eine Leiche so verbrenne, dass ausgerechnet ein Stück Teppich aus der Wohnung und ein Handy nicht vollständig zerstört werden.

«Nur Profis können ein solch klares Bild vermitteln, das letztlich aber keine Beweise zulässt.»

Des Weiteren zitiert der Verteidiger Dutzende Aussagen von Personen aus dem Umfeld von Täter und Opfer. So sei in den Akten mehrfach belegt, dass viele Leute dem Beschuldigten eine solche Tat nicht zutrauten, ihn als gutgläubig, ja naiv beschrieben, als Clown, der «in einen verdammt gefährlichen Kreis geraten» sei, in dem es bei weitem nicht nur um Spielautomaten gehe. Jemand nannte ihn explizit ein Bauernopfer. Zeugen hätten der Staatsanwaltschaft angeboten, gegen entsprechenden Schutz weitere Informationen zu liefern. Doch solche Angebote seien ausgeschlagen worden. Die Verteidigung beantragt, den Beschuldigten von der Anklage des Mordes freizusprechen. Ihm könne mangels Beweisen einzig ein illegaler Aufenthalt in der Schweiz nachgewiesen werden.

«Alle Zutaten für einen handfesten Skandal»

Auch, so führt die Verteidigung aus, seien die Verteidigungsrechte des Beschuldigten verletzt worden. Der Verteidiger sei über Befragungen im Voraus nicht informiert worden. Auch seien fünf Hausdurchsuchungen durchgeführt worden, ohne dass die betroffene Person oder eine Vertrauensperson hinzugezogen worden seien. «Das ist gesetzeswidrig.» Unterm Strich habe das, was in diesem Verfahren abgegangen sei, «alle Zutaten zu einem handfesten Skandal».

Eine solche Polemik sei fehl am Platz, entgegnet der Staatsanwalt. Die Polizei habe in verschiedene Richtungen ermittelt – und selbst lange geglaubt, der Beschuldigte habe nur als Lockvogel gedient. Die Spuren seien in diesem Indizienprozess aber eindeutig. Ohne die Täterschaft des Beschuldigten seien sie nicht zu erklären. «Es gab keinen unbekannten Dritten.»

Der Angeklagte nutzt das letzte Wort, um seine Unschuld zu beteuern. «Ich habe nicht getötet – und bitte das Gericht, alle Akten genau anzuschauen.»

Das Urteil wird morgen Mittwoch Mittag verkündet.