Interview

Wegen Corona-Virus: St.Galler Anwaltsverband streicht kostenlose Rechtsauskunft - Ersatzmassnahmen werden geprüft

«Per sofort und bis auf weiteres» setzt der St.Galler Anwaltsverband die wöchtentliche kostenlose Rechtsberatung an sechs Standorten im Kanton aus. Präsident Michael Nonn erklärt, weshalb.

Odilia Hiller
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Michael Nonn, Präsident des St.Galler Anwaltsverbandes, über die wegen Corona gestrichene kostenlose Rechtsberatung.

Michael Nonn, Präsident des St.Galler Anwaltsverbandes, über die wegen Corona gestrichene kostenlose Rechtsberatung.

Bild: Michel Canonica

Der St.Galler Anwaltsverband teilt mit, dass es in Folge des am 16. März 2020 durch den Bundesrat verhängten Notstandes dem Verband «per sofort und bis auf weiteres» nicht mehr möglich sei, die unentgeltliche Rechtsauskunft in der bisher gewohnten Form einer «persönlichen Beratung mit physischer Anwesenheit» durchzuführen. Dies gelte einheitlich für die regionalen Standorte St.Gallen, Wil, Wattwil, Altstätten, Buchs und Sargans. Eine Wiederaufnahme des Angebots erfolge, sobald es die Situation erlaube. Der Präsident des Anwaltsverbandes, Michael Nonn, nimmt Stellung.

Die unentgeltliche Rechtsauskunft des Anwaltsverbandes ist wegen Corona bis auf weiteres ausgesetzt. Bieten Sie eine Alternative?

Michael Nonn: Wir bedauern sehr, dass der ehrenamtliche Service nicht aufrechterhalten werden kann. Wir werden im Verbandsvorstand noch diesen Monat diskutieren, ob es möglich ist, Alternativangebote zu schaffen. Im Moment fehlen uns beispielsweise die Ressourcen für eine Telefonauskunft. Selbstverständlich ist jeder Anwalt frei, auch unentgeltliche Beratungen zu erteilen. Allerdings müssen auch wir unsere Rechnungen weiterhin zahlen, und es muss damit gerechnet werden, dass sich unsere Geschäfte ebenfalls verlangsamen in den kommenden Monaten. Viele Rechtsstreitigkeiten und Gerichtsverhandlungen, aber auch planerische Anliegen könnten nun ausgesetzt werden.

Medien und Internet schwappen vor juristischen Tipps rund um Corona fast über. Können Ratsuchende sich daran orientieren?

Das ist eine heikle Frage. Für eine kurze allgemeine Ersteinschätzung sind solche juristischen Tipps sicher nicht schlecht. Oftmals sind jedoch die individuellen Fragen von Ratsuchenden komplexer. Im Fall von Corona kommt hinzu, dass wir eine solche Ausgangslage wohl letztmals bei der Spanischen Grippe am Anfang des 20. Jahrhunderts hatten. In Bezug auf viele spezifische Fragestellungen gibt es somit gar keine jüngere, gefestigte Rechtsprechung.

Sie empfehlen also im Zweifelsfall einen Anwalt oder eine Anwältin.

Das ist sicher sinnvoll, letztlich aber jedem selber überlassen. Falls das Geld ein Problem ist, rate ich zu Transparenz: Schildern Sie Ihre Situation. Die meisten Anwälte werden versuchen, Ihnen faire Lösungswege aufzuzeigen.

Was halten Sie von der Ankunft von Ylex in der Ostschweiz?

Das niederschwellige Konzept ist interessant und könnte durchaus funktionieren. Das Preismodell muss man anschauen, aber ich wage die Hypothese, dass sich das für die Coop Rechtsschutz AG als Alleinaktionärin schon rechnet. Die Teufel liegt sicher im Detail: Was ist ein Erstgespräch, wie lange darf das dauern, und was folgt danach. Aber ich kann mir vorstellen, dass hier eine Nische besetzt wird, die existiert. Alles Weitere wird sich zeigen.