WASSERBAU: Als Escher die Linth umleitete

Die Linthebene war ein Überschwemmungsgebiet – bis zur Linthkorrektion im 19. Jahrhundert. Das Projekt war eine Herzensangelegenheit des Unternehmers und Staatsmanns Hans Conrad Escher.

Matthias Scharrer
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Der Escherkanal leitet die Linth seit 1811 von Näfels in den Walensee. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Der Escherkanal leitet die Linth seit 1811 von Näfels in den Walensee. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Matthias Scharrer

ostschweiz@tagblatt.ch

«Die zwölfte Stunde des neunten März ist eine Trauerstunde, nicht für Zürich allein nur, sondern für die ganze Eidgenossenschaft», schrieb die NZZ am 10. März 1823 auf ihrer Titelseite. Der Betrauerte hiess Hans Conrad Escher. Im Jahr seines Todes verlieh ihm die Zürcher Regierung den Ehrentitel «von der Linth». Die Adelung von Staats wegen ist bis heute eine absolute Ausnahme für schweizerische Verhältnisse. Damit ausgezeichnet wurde ein vielseitiger Mann: Der von der Aufklärung geprägte Escher war Unternehmer, Gelehrter, Zeichner und Politiker. Vor allem aber führte er mit der Umleitung der Linth in den Walensee eines der ersten gesamteidgenössischen Infrastruktur-Projekte der modernen Schweiz durch. Am 24. August 1767, vor 250 Jahren, kam er in Zürich zur Welt.

Als Escher -Spross entstammte er einem alteingesessenen, einflussreichen Zürcher Geschlecht. Sein Vater Hans Kaspar war Textilfabrikant und Zürcher Regierungsmitglied. Hans Conrad sollte später seine Fabrik übernehmen. Auch durch die Wahl in die Zürcher Regierung 1814 trat er in Vaters Fussstapfen.

Plan gegen häufige Überschwemmungen

Als Student lernte Escher die Ideen der Aufklärung kennen und begann, sich in Göttingen (D) neben dem Studium der Natur- und der Staatswissenschaften auch mit den Schriften des Philosophen Immanuel Kant zu befassen. Zurück in Zürich, hielt er Vorlesungen am Politischen Institut, einem privaten Vorläufer der Universität.

Schon 1786 war er ins Linthgebiet gekommen und hatte realisiert, wie der mäandrierende Fluss die Gegend zunehmend versumpfen liess. Das von der Linth mitgeführte Geschiebe erhöhte das Flussbett bei Ziegelbrücke dermassen, dass die Maag, der Abfluss des Walensees, zurückgestaut wurde. Die häufigen Überschwemmungen bescherten der Bevölkerung fiebrige Krankheiten und schädigten das Land. Die Lösung, die Escher später umsetzen sollte, lag bereits 1784 auf dem Tisch der Tagsatzung, die damals die Schweiz regierte. Doch es fehlte an Geld. Zudem sorgte die Französische Revolution bald auch in der Schweiz für unruhige Zeiten. Escher bekannte sich zu den Ideen der Revolution und übernahm während der Zeit der Helvetischen Republik führende Aufgaben. So wählte ihn 1798 der Helvetische Grosse Rat zu seinem Präsidenten. Vier Jahre später wurde Escher Kriegsminister der Helvetischen Republik.

Kanäle bauen statt «ministern»

Als die Republik 1803 aufgelöst wurde, zog sich Escher enttäuscht aus der Politik zurück. «Nie mehr ministern», schrieb er in einem Brief an einen Freund. Das Projekt der Linthkorrektion, als dessen Fürsprecher er sich schon 1796 in einem Aufsatz hervorgetan hatte, sollte nun seine Lebensaufgabe werden.

Es war ein kühnes Projekt: Bei Mollis sollte die Linth mit einem Kanal in den Walensee umgeleitet werden. Und vom Walensee sollte ein weiterer neuer Kanal in Richtung Zürichsee führen. 1805 beschloss die Tagsatzung die Umsetzung. 1807 ernannte sie Escher zum Leiter des Projekts. Zur Finanzierung wurden sogenannte Linth-Actien herausgegeben. Fast alle Kantone erwarben solche Aktien, ebenso Gemeinden, Handelsgesellschaften und Privatpersonen. Mit dem Geld kaufte die neu gegründete Linthunternehmung das für die Linthkorrektion benötigte Land auf. Später, als die Überschwemmungen ausblieben, konnte sie das Land gewinnbringend wieder verkaufen. Vier Jahre nach dem Spatenstich floss die Linth 1811 erstmals von Mollis in den Walensee. Bis das Linthwerk ab den 1850er-Jahren voll funktionsfähig war, bedurfte es noch einiger Erweiterungen. Doch Hans Conrad Escher erkrankte 1822 an Krebs. Kurz vor seinem Tod schrieb er: «Ich hoffe, meine Pflicht gegen das Vaterland und die Menschheit während meines Aufenthalts auf dieser Erde erfüllt zu haben.»