«Was soll das? Ich kann doch nicht malen»: Maltherapie als Medizin für Demenzkranke

Menschen mit Demenz oder in Krisen finden im Offenen Atelier Weinfelden Halt. Beim Malen entdecken sie sich als Individuum wieder.

Janina Gehrig
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Das Malen hilft manchen Menschen aus einer Depression.

Das Malen hilft manchen Menschen aus einer Depression.

Ralph Ribi

Der Seiteneingang liegt etwas versteckt im Backsteingebäude. Drinnen sind die Wände mit Zeichnungen und Gemälden tapeziert, es riecht nach Farbe und dem Holz von Bleistiften. An einzelnen Tischen sitzen ältere Menschen, vertieft über ein Blatt Papier. Eine Frau malt an einer Landschaft. Ein Mann zeichnet Kreise ineinander. Es gelingt, langsam, auch wenn die Hand zittert. Hier, im ehemaligen Sudhaus der Brauerei Weinfelden, haben die Psychiatrischen Dienste des Spitals Thurgau 2016 eine Alterstagesklinik eingerichtet. Ins Offene Atelier kommen Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung oder in einer Krise. Das Malen gibt ihnen Halt, das Angebot strukturiert ihren Tag. Es gibt auch einen Bewegungs- und Musiktherapieraum.

«Es gibt kein Richtig und Falsch, es braucht kein Ergebnis»

Auch ein älteres Ehepaar ist unter den Besuchern. Man komme einmal wöchentlich her, erzählt der 85-Jährige. Eine Herz-Operation und eine Oberschenkelhalsfraktur hatten ihn vor ein paar Jahren aus der Bahn geworfen. «Ich bin in eine Depression geraten», sagt er. Während der Behandlung in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen riet man ihm zur Maltherapie. «Als man mir sagte, ich solle ein paar Pinselstriche machen, dachte ich: Was soll das? Ich kann doch nicht malen.» Es fiel ihm schwer, negative Gedanken fallenzulassen. Mit der Zeit lernte er, dass es beim Malen kein Richtig und Falsch gibt.

Erst zeichnete er einfache Vorlagen nach, dann lernte er verschiedene Techniken kennen. «Ich musste lernen, dass es kein Ergebnis braucht wie früher auf der Arbeit. Dass es keine Beurteilung, keinen Zwang, kein Leistungsdenken gibt», sagt der pensionierte Ingenieur und Techniker. Neben viel Aufklärungsarbeit habe ihm das Malen geholfen, mit der Krankheit umzugehen. Es habe ihn gelassener gemacht.  

Er lächelt und sagt:

«Manchmal verstehen die anderen nicht, was ich male. Aber ich denke mir schon was dabei.»

Dann öffnet er seine Zeichnungsmappe. Märchen male er gern, etwa Schneewittchen und die sieben Zwerge. Den Apfel hat er in den Himmel gemalt, die böse Stiefmutter auf einen Berg gesetzt. Ein anderes Bild, aus ein paar wenigen schwarzen Pinselstrichen, zeigt ein Paar, das tanzt. Dann die Engel, kopiert von Paul Klee, Lebensbäume, Landschaften. Er hat sie mit Titeln versehen: «Vom Dunkeln ins Helle», «Ausfahrt bei Nacht». Am meisten freue ihn, wenn seine Enkelkinder sagten, das sei gut, was er da gemalt habe. Mittlerweile kommt der 85-Jährige aus eigener Überzeugung ins Offene Atelier. Zu Hause liest er die Biografien bekannter Maler, Paul Cézanne, Giovanni Segantini, Helen Dahm.

Thomas Meng, Kunsttherapeut, malt mit älteren, teils auch demenzkranken Menschen.

Thomas Meng, Kunsttherapeut, malt mit älteren, teils auch demenzkranken Menschen.

Bild: Ralph Ribi

Seine Frau hat er ebenfalls dafür begeistert. Seit neun Monaten begleitet die 84-Jährige ihn. Jetzt sitzt sie neben ihm am Tisch, ebenfalls eine Mappe vor sich, gefüllt mit Zeichnungen, japanischen Schriftzeichen, Porträts. Auch für sie ist das Malen ein Hobby geworden. Sie vergesse dabei ihre Alltagslasten. Zudem schätze sie die Kontakte zu den anderen Teilnehmern. «In der Zvieripause sitzen wir zusammen, motivieren uns gegenseitig», sagt sie.

Ein einziger Pinselstrich und ein Blatt, das vom Baum gefallen war

 Ihr gegenüber sitzt eine weitere Atelier-Besucherin. Die 76-Jährige war nach einer Medikamentenvergiftung schwer angeschlagen und verbrachte ein Jahr in der Tagesklinik. «Ich konnte nicht mehr gehen und nicht mehr schreiben», sagt sie. Der Weg zurück in den Alltag sei ein Kampf mit der Motorik gewesen. «Ich war oft der Verzweiflung nah.» Während der Behandlung hat sie, die schon immer kreativ tätig war, das Malen wieder entdeckt. Die Frau zeigt ihr erstes Bild. Ein einziger Pinselstrich, daneben ein aufgeklebtes Blatt, das von einem Baum gefallen war.

«Ein Bild so stehen zu lassen, braucht Mut», sagt Thomas Meng. Der ausgebildete Zeichnungslehrer und Kunsttherapeut leitet die Menschen im Atelier seit 25 Jahren an. Er ermutigt sie, neue Techniken auszuprobieren, unterstützt sie. Zur Kunsttherapie gehöre auch, dass man sich über das Gestalten austausche, mal zu zweit, mal in der Gruppe. Aus der Art und Weise, wie gemalt wird, lassen sich Rückschlüsse auf Verhaltens- und Denkmuster ziehen. «Mit den Bildern entstehen Geschichten», sagt Meng, der auch mit demenzkranken Menschen arbeitet. «Viele haben das Gefühl, sie seien nichts mehr Wert, weil sie nicht mehr alles können. Beim Malen entdecken sie sich als Individuum wieder. Sie spüren, dass sie gesehen und gehört werden.» Es erfülle ihn, wenn er die Menschen arbeiten sehe, «wie sie ruhig werden und dabei alles, was um sie herum geschieht, vergessen».

Malen wirkt wie eine Art Antidepressivum

Neben Einzel- und Gruppentherapien und der Kunst sind auch Bewegung und Musik fester Bestandteil des spezialtherapeutischen Angebots in der Alterstagesklinik Weinfelden. Durch die Freude am kreativen Prozess schütte der Körper den Botenstoff Serotonin aus – bekannt als Glückshormon. «Das wirkt auf das Gehirn wie eine Art Antidepressivum», sagt Corinna Stöckel, Oberärztin und therapeutische Leiterin der Altertagesklinik. Zudem rege es die Hirnleistung an. «Demenzkranke Menschen verlieren nicht nur Hirnzellen, sondern bilden auch wieder neue», sagt Stöckel. Das Gestalten in der Gruppe stärke das Selbstbewusstsein und sei für die Menschen zudem häufig ein Weg aus Einsamkeit und Isolation. 

Mittlerweile hat auch die 76-jährige Frau weitere Bilder auf dem Tisch ausgebreitet. Sie zeugen davon, dass sie die einst verloren gegangene Motorik wiedererlangt hat. Es sind grafische Formen und Figuren in allen Farben, Bäume, Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge. «Es ist wie ein Wunder, wenn ich sehe, wie es mir jetzt geht», sagt sie und legt ihre Hände auf den Tisch. Das Malen, so scheint es, hält sie am Leben. «Manchmal komme ich nach Hause und muss gleich wieder loslegen.»

Geschichten erfinden, um Demenz zu lindern

In den USA wird Kunst schon länger als Mittel eingesetzt, um Demenz oder psychische Leiden zu lindern. Die Kulturanthropologin Anne Basting entwickelte ab 1996 die sogenannte Timeslips-Methode (engl. für «Zeitfetzchen»), um die Teilhabe von Demenzerkrankten an kreativen Aktivitäten in der Gruppe zu fördern. Gerade das Geschichtenerzählen helfe dem Menschen, sich seiner Realität rückzuversichern, war sie überzeugt.

In der Schweiz hat das Zentrum für Gerontologie der Uni Zürich 2013 das Projekt «Aufgeweckte Kunstgeschichten» angestossen. Dabei versammeln sich demenzkranke Menschen in Museen, betrachten Kunstwerke und erfinden Geschichten dazu. Durch das emotionale und fantasievolle Entdecken werden Konzentration und verbale Ressourcen gefördert, wo die rationale Auseinandersetzung an Grenzen stösst. So bieten etwa das Berner Zentrum Paul Klee und das Kunsthaus Zürich ihre Kunstwerke zu Therapiezwecken an. In St. Gallen führt der Verein Mosaik schon im fünften Jahr «Aufgeweckte Kunstgeschichten» im Museum Zeughaus Teufen durch. Weitere Angebote gibt es im Naturmuseum und im Museum im Lagerhaus. «Die Nachfrage ist steigend», sagt Emanuel Marinello, Vorstandsmitglied des Vereins. (jan)

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