Was die wilden Schuppel antreibt

LUSTMÜHLE. Der Filmemacher Thomas Lüchinger hat sich von seiner neuen Nachbarschaft im Appenzellerland inspirieren lassen. In «Guets Neus» geht er dem schönwüsten Brauch des Silvesterklausens auf den Grund – abseits der touristischen Klischees.

Marcel Elsener
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Regisseur Lüchinger beim Feinschnitt mit Cutterin Ruth Schläpfer. (Bild: Stefan Beusch)

Regisseur Lüchinger beim Feinschnitt mit Cutterin Ruth Schläpfer. (Bild: Stefan Beusch)

Lustmühle. Manchmal klopft ein Thema an der Haustüre: Dem Zürcher Kunstpädagogen und Filmemacher Thomas Lüchinger, der für seine Dokumentarfilme in den Tibet oder nach Madagaskar reiste, passierte das vor ein paar Jahren am neuen Wohnort im Appenzellerland. Mit seiner einheimischen Frau Catherine hatte er ein Fest zum Anbau im renovierten Bauernhaus am Südhang von Lustmühle organisiert, da erhielten sie unverhofften Klausbesuch – der Niederteufener Ernst Meier und sein Hüngschuppel begrüssten die Nachbarn.

Auf die rückenschauerlich bewegende Freude über die prächtigen Silvesterkläuse folgte das Interesse: Zunächst ohne Absicht, einen Film zu realisieren, begleitete Lüchinger mit seiner Kamera die schöne Gruppe Meiers, aber auch den namenlosen wüsten Schuppel von Meiers Söhnen bei ihren Klausgängen sowie im Alltag. Was bedeutet der magische Brauch dieser schönen, wüsten und schönwüsten Kläuse, die am 31. Dezember und 13. Januar über die Ausserrhoder Hänge ziehen? Was treibt die Menschen hinter den Masken an? Und ist dieser – zumindest in Urnäsch – touristengerecht inszenierte, demnächst wohl Unesco-kulturgeschützte Brauch überhaupt noch vital?

Gefahr der Repräsentation

Mit diesen Fragen machte sich Lüchinger auf, vier Jahre lang, bis eine derartige Fülle an Material vorhanden war, dass sich eine Weiterentwicklung förmlich aufdrängte. Und er merkte schnell, auch dank orts- und geschichtskundiger Begleiter wie dem Fotografen Mäddel Fuchs, dem Musiker Noldi Alder oder dem Kantilehrer Werner Meier (der ältere Bruder von Ernst), wie viel Geschichte, Kreativität, Freiheit, sogar Unfolgsamkeit gegen die Obrigkeit dahintersteckte.

«Ich wollte nicht einfach abbilden, sondern neue Einsichten aufzeigen in das oft oberflächlich abgebildete Brauchtum», sagt Lüchinger. «Selbst die Kläuse wissen sehr wenig über die Geschichte des in den 50er-Jahren fast ausgestorbenen Brauches. Durch die fortschreitende Profanisierung und Ästhetisierung läuft das Silvesterklausen Gefahr, zum Repräsentationsbrauch zu werden und seinen tieferen Sinn zu verlieren.»

Im Geist von «Johle und Werche»

Den tieferen Sinn zu entdecken und mitzuhelfen, den Brauch in seinen urchigen Bedeutungen lebendig zu machen, genau das will der zugewanderte (aber aus dem Rheintal stammende) Filmemacher. In den vergangenen Augustwochen, unterm Holzdach bei teilweise über 40 Grad, hat Lüchinger den Film mit Hilfe der Cutterin Ruth Schläpfer fertig montiert; nächste Woche hat der Eineinhalbstünder Vorpremiere im Bekanntenkreis und kommt noch diesen Monat in die Kinos. Wie schon bei «Johle und Werche» über die sennische Klangkultur im Alpstein, der ein grosses Publikum fand, arbeitet Lüchinger mit einer Montage, die lebhaft zwischen wilder Klaus-Aktion und ruhigen Alltagsmomenten wechselt. Dazu kommen historische Aufnahmen und spannende Aussenblicke – namentlich die Fotografien und Erklärungen von Mäddel Fuchs, der den Brauch seit 35 Jahren dokumentiert.

Wer wissen will, was die «Mannevölcher» und – ebenfalls durchwegs männlichen – «Rollewiiber» sind, was es mit dem Zauern und Schellen auf sich hält und warum das urtümliche Treiben ebenso mit heidnischen Fasnachtsbutzen wie mit Klosterschülern und Knecht Ruprecht zu tun hat, der findet hier Augen, Geist und Herz öffnende Antworten. Allein schon die handfesten Erzählungen des «alten» Klauses Walter Waldburger, eines 84jährigen Bauers und Fuhrmanns, oder die surreal moderne Berufswelt des Klauses Bruno Schöngruber, der im Alltag die Monitore der St. Galler Autobahn überwacht, lohnen den Filmbesuch. Wohl dürfte gerade ein urbanes Publikum, das sich nach dem «authentisch ländlichen» Leben sehnt, den Wunsch von Mäddel Fuchs begreifen: «Der Verlust eines solchen Brauches, der nur noch der Vorführung dient, wäre auch ein Verlust von Poesie. Und diese brauchen wir in den verschiedensten Formen dringend, um die oft genug schwierige Alltagsrealität besser zu bewältigen.»

Lokale Premieren am 16.9. in Stein (MZH, 19.30 Uhr), 17.9. in Heiden (Rosental, 15 Uhr) und 18.9. in Herisau (Cinetreff, 11 Uhr). Kinostart in St. Gallen am 22.9 (Scala). Mehr Infos auf www.rosesforyou.ch

Wilder Brauch, bewegt im Film: Ein (schön)wüster Klaus läuft – oder besser springt – sich warm. (Bild: Filmstill: Lüchinger/Roses for you)

Wilder Brauch, bewegt im Film: Ein (schön)wüster Klaus läuft – oder besser springt – sich warm. (Bild: Filmstill: Lüchinger/Roses for you)

Die Klausen-Erzähler Walter Waldburger (links) und Mäddel Fuchs. (Bild: Lüchinger)

Die Klausen-Erzähler Walter Waldburger (links) und Mäddel Fuchs. (Bild: Lüchinger)

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