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Das Nibelungenlied verbindet Vorarlberg und St.Gallen

Es gibt drei wichtige Handschriften des Nibelungenliedes – eine ist in der St. Galler Stiftsbibliothek zu finden. Die zwei anderen wurden in Hohenems gefunden – 1755 und 1779.
Peter Müller
Die Handschrift C. Sie entstand im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts, vermutlich in Südtirol oder Vorarlberg. Seit 2001 liegt sie in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe.Bild: Uli Deck/DPA

Die Handschrift C. Sie entstand im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts, vermutlich in Südtirol oder Vorarlberg. Seit 2001 liegt sie in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe.Bild: Uli Deck/DPA

Das Nibelungenlied – ein mittelalterlicher Bestseller rund um Liebe, Hass, Gier, Verrat, Mord und Rache – entstand um 1200. Sein Verfasser ist unbekannt, vielleicht war er ein Kleriker. Die Wurzeln des Stoffes verlieren sich in der mündlichen Sagenüberlieferung Deutschlands und Skandinaviens. Heute zählt das Nibelungenlied zur Weltliteratur. Die ältesten Fassungen sind allerdings nur als Handschriften überliefert, Abschriften des verlorenen Originals, geschrieben in mittelhochdeutscher Sprache. 2009 nahm die Unesco die drei wichtigsten in die Liste des «Weltdokumenten-Erbes» auf.

Was das mit Vorarlberg zu tun hat? Eine dieser Abschriften – die ursprünglichste – liegt seit 1768 in der St.Galler Stiftsbibliothek, die andern beiden wurden in der Bibliothek der Grafen von Hohenems gefunden, 1755 und 1779. Die Vorgeschichte der St.Galler Handschrift (heute Handschrift B) kennt man zumindest einigermassen: Fürstabt Beda Angehrn kaufte sie einem Nachfahren von Aegidius Tschudi (1505 bis 1572) ab, einem Glarner Politiker und Gelehrten, zu dessen Bibliothek sie gehört hatte. Im Fall der Hohenemser Handschriften kann man nur mutmassen. Vermutlich gelangten sie im 15. oder 16. Jahrhundert in die Kunst- und Literatursammlung der Grafen von Hohenems. Später gerieten sie offenbar in Vergessenheit. Das war kaum ein Zufall: Das ganze Nibelungenlied ging für 250 Jahre vergessen.

Ein Arzt als Wiederentdecker

Die Wiederentdeckung begann 1755 – in der Bibliothek der Grafen von Hohenems. Jakob Hermann Obereit, Wundarzt in Lindau, interessierte sich für alte Bücher und Schriften. Der Zürcher Gelehrte Johann Jakob Bodmer gab ihm den Tipp, sich dafür in den Klöstern, Burgen und Schlössern des Bodenseeraums umzusehen. Durch die Vermittlung des Oberamtmanns Franz Joseph von Wocher, einem Verwandten in Hohenems, erhielt Obereit 1755 Zutritt in die Bibliothek der Grafen. Dort stiess er auf die eine der beiden Nibelungen-Handschriften (heute Handschrift C). Schon 1757 veröffentlichte Bodmer einen Teil von Handschrift C als Buch – allerdings erst ab Kapitel 26. Vielleicht deshalb, weil er den ersten Teil nicht besonders aufregend fand, während ihn der zweite Teil an die «Ilias» von Homer erinnerte, ein berühmtes Heldenepos aus der Antike.

«Das Liet der Nibelungen»

1779 wollte Bodmer dann das ganze Nibelungenlied herausgeben, brauchte dazu aber erneut die Handschrift C. Er brachte den oben erwähnten Oberamtmann dazu, ihm diese zu beschaffen, erhielt dann aber ein anderes Manuskript: die heutige Handschrift A. «Ich traf den ganzen beträchtlychen, nun bey nahe vermoderten Büchervorrath in zerschiedenen Haufen auf einander liegend an, und nach langem Durchwühlen glückte es mir endlich, das alte Gedicht: Das Liet der Nibelungen zu finden», schrieb der Oberamtmann im Begleitbrief. So konnte Bodmer eine vollständige Abschrift erstellen und überliess sie Christoph Heinrich Müller, einem Berliner Gymnasialprofessor, zur Herausgabe. 1782 konnte die erste vollständige Buchausgabe des Nibelungenliedes erscheinen. Später erlebten die beiden Hohenemser Handschriften noch einige Besitzerwechsel – bei solchen Manuskripten keine Seltenheit. 1810 ging Handschrift A dann an die königliche Hofbibliothek in München, die heutige Bayerische Staatsbibliothek.

Für zehn Millionen Euro abgekauft

Handschrift C wurde 2001 von der Bundesrepublik Deutschland und der Landesbank Baden-Württemberg dem Adelshaus Fürstenberg abgekauft – mutmasslich für rund zehn Millionen Euro. Seither liegt sie in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. Das Nibelungenlied selbst erlebte im 19. und 20. Jahrhundert ein Comeback – in der Literatur, der Malerei, der Musik oder als «deutsches Nationalepos». Seine Rezeptionsgeschichte ist nicht weniger abenteuerlich als die Geschichte, die es erzählt.

Am Schluss sind alle tot

Das Menschen- und Gesellschaftsbild des Nibelungenliedes wirkt «bedrückend negativ», sagt die heutige Forschung. Einen wirklichen Sinn ergibt die düstere Geschichte nicht. Die meisten modernen Interpretationen gehen davon aus, dass es dem Epos um die Thematisierung von Spannungen und Widersprüchen geht, insbesondere den Gegensatz zwischen der höfischen Ritterkultur und dem tatsächlichen Sein der Menschen. Hinter dem idealen Überbau zeigen sich aber schnell Egoismus, Feigheit, Lächerlichkeit, moralische Verworfenheit. Früher oder später läuft alles Geschehen im Heldenepos auf den Untergang zu, der ebenso schicksalshaft wie selbstverschuldet ist. Deshalb sind am Ende des Nibelungenliedes – bis auf wenige Ausnahmen – denn auch buchstäblich alle tot. (pm)

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