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Warum Napoleon St. Gallen wollte

Ein neuer Feiertag soll der Kantonsgründung im Jahre 1803 gedenken. Damit verbunden wäre die Erinnerung an Napoleons zwiespältige Rolle.
Rolf App
Erste Karte des Kantons St. Gallen: Athene, die Göttin der Weisheit, präsentiert den Kanton St. Gallen als ihr Geschenk. Sinnbilder zeigen, wer vom neuen Staat profitiert: Tuchballen und Transportfass stehen etwa für Handel und Gewerbe, Pflug und Sichel für die Landwirtschaft, Bücher für die Wissenschaft. Bild: Staatsarchiv St. Gallen

Erste Karte des Kantons St. Gallen: Athene, die Göttin der Weisheit, präsentiert den Kanton St. Gallen als ihr Geschenk. Sinnbilder zeigen, wer vom neuen Staat profitiert: Tuchballen und Transportfass stehen etwa für Handel und Gewerbe, Pflug und Sichel für die Landwirtschaft, Bücher für die Wissenschaft. Bild: Staatsarchiv St. Gallen

Er hat lange zugeschaut im fernen Paris. Hat all die Meldungen über das helvetische Schlamassel gelesen, das er selbst angerichtet hat mit dem Rückzug seiner Truppen. Jetzt ist die Zeit für Napoleon gekommen. Ende September 1802 diktiert der Erste Konsul einen Brief. «Bewohner Helvetiens!», schreibt er: «Ihr bietet seit zwei Jahren ein trauriges Schauspiel. Entgegengesetzte Fraktionen haben sich wechselweise der Gewalt bemächtigt, (…) Schweizerblut ist von Schweizerhänden vergossen worden.» So könne es nicht weitergehen. «Ich werde der Vermittler Eurer Zwistigkeiten sein.»

Mit diesem Schreiben fängt jenes Kapitel der Schweizer Geschichte an, an dessen Ende im März 1803 der Kanton St. Gallen steht - zusammengefügt aus den Städten St. Gallen und Rapperswil, den Herrschaftsgebieten des Fürstabts von St. Gallen von Rorschach bis Wil und im Toggenburg, schliesslich aus früheren Untertanengebieten eidgenössischer Orte im Rheintal, in Werdenberg und im Oberland. Und weil das in der Tat ein denkwürdiges Datum ist, will der CVP-Kantonsrat Sandro Hess aus dem Jahrestag der Kantonsgründung einen Feiertag machen. Er würde auch der Erinnerung an ziemlich wirre Zeiten dienen.

Zum Lohn fürs Schwören gibt’s eine Bratwurst

Denn die Französische Revolution und ihre Fortsetzung in der Herrschaft Napoleons lässt in Europa niemanden unberührt, auch in der Ostschweiz werden sich gebildete Kreise ihrer Unzufriedenheit bewusst. In Gossau bringt 1795 ein Aufruf zur Steuerverweigerung mit der Devise: «Zall nünt, du bist nünt scholdig» den Fürstabt in Verlegenheit. Als Frankreich 1797 nach einem Sieg gegen Österreich auch die Schweiz zu seiner Interessensphäre zählen darf, ist das Land Napoleon vollends ausgeliefert. Er braucht Soldaten, er will die Alpenpässe beherrschen, und hat auch ein Auge geworfen auf die Schweizer Staatsschätze. So zögert er nicht lang, lässt Truppen einmarschieren und eine Helvetische Republik ausrufen, die nach dem Muster des französischen Staates zentralistisch gestrickt ist und die Kantone zu blossen Verwaltungsbezirken degradiert.

Auch die Ostschweizer haben auf Befreiung gehofft. Reihum haben sich im Getümmel des Einmarsches die st. gallischen Territorien für unabhängig erklärt. Sie wollen Freiheit und keinen neuen Herrn, deshalb lehnen sie auch eine von Frankreich diktierte Verfassung ab. Sie hebt zwar frühere Untertanenverhältnisse auf, degradiert die Schweizer aber zugleich zu blossen Befehlsempfängern.

Doch Napoleon will es so, notfalls schickt er Truppen vor. Oder lockt mit kleinen Wohltaten: Als am 30. August 1798 das Volk von St. Gallen im heutigen Kantonsschulpark die Helvetische Konstitution beschwören muss, gibt es das Lieblingsessen der St. Galler – die Bratwurst. Sie leben jetzt zusammen mit den Appenzellern im Kanton Säntis, die Glarner mit den Bewohnern des südlichen Kantonsteils im Kanton Linth.

«Über alle Massen höflich und artig» empfangen

Doch mit der neuen, zentralistischen Ordnung fängt die Unordnung erst richtig an. In einer neuen europäischen Auseinandersetzung wird die Ostschweiz 1798 zum Kriegsschauplatz. Beschlagnahmungen und eine schlechte Ernte stürzen die Zivilbevölkerung in höchste Not, auch innereidgenössisch tun sich immer tiefere Gräben auf zwischen «Unitariern», die das Erreichte bewahren, und «Föderalisten», die das Frühere zurück wollen. Bis Napoleon der Geduldsfaden reisst. So machen sich denn siebzig Deputierte der Kantone und der Zentralregierung auf nach Paris. Und sind zunächst einmal überrascht, wie «über alle Massen höflich und artig» sie von Napoleon behandelt werden, wie der Zürcher Paul Usteri vermerkt. Der allerdings erklärt schon zur Eröffnung am 12. Dezember, in welche Richtung diese «Consulta» gehen soll.

«Je mehr ich Geographie, Geschichte und Lebensgewohnheiten Eures Landes studiert habe, desto stärker bin ich davon überzeugt, dass es nicht einer einzigen Regierung und uniformen Gesetzen unterworfen werden sollte», erklärt er seinen überraschten Besuchern, die in ihrer Mehrheit Unitarier sind. Er selber kenne die Herbheit der Bergler – «ich bin selber Bergler»-, und es dürfe «keine Steuern von so armen Völkern» geben und «keine Ketten für die Kinder des Wilhelm Tell».

Müller-Friedberg kehrt zufrieden heim

Das ist natürlich politisch geflunkert. Napoleon hat kein Interesse an einer starken, zentralistischen Schweiz, deshalb ist er zum Föderalisten geworden. Das aber wird nun zum Leitfaden seiner mit viel Energie vorangetriebenen «Mediation», die dem Land Frieden bringt und zugleich wichtige Fortschritte der vergangenen Jahre wie die Grundrechte bewahrt.

Das kniffligste Problem ist im Osten zu lösen. Napoleon steht vor der Frage, ob er bei den Kantonen Säntis und Linth bleiben soll – und entscheidet sich für ein Gebilde, das schon einmal angedacht worden ist. Denn Appenzell und Glarus wollen wieder unabhängig werden. Umgekehrt haben die Landsgemeinde-Demokratien Werdenberg, Sargans, Gaster, Uznach und Rapperswil nichts dagegen, Teil eines neuen Kantons St. Gallen zu werden. Kein Wunder, reisen am 23. Februar 1803 die St. Galler Delegierten Jakob Laurenz Custer und Joseph Blum zufrieden wieder ab. Am 4. März treffen sie mit der neuen Verfassung in Rorschach ein, drei Tage später dankt ihnen die Kantonstagsatzung für ihr Verhandlungsgeschick und ihre Sparsamkeit.

Länger unterwegs ist in einer reparaturanfälligen Mietkutsche Karl Müller-Friedberg, der als helvetischer Senator teilgenommen hat. Und der jetzt einem Neuenburger Freund schreibt:

«Nun ist St. Gallen wieder meine Heimat!»

Napoleon persönlich hat bestimmt, dass er einer ersten provisorischen Kantonsregierung vorstehen soll. Hinweis Grundlage dieses Beitrags ist das zum Kantonsjubiläum 2003 erschienene Büchlein von Markus Kaiser: Es werde St. Gallen!

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