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Warum die St.Galler Standortförderung immer wieder Erwartungen enttäuscht

Wegzüge, Schliessungen, falsche Prognosen: Die St.Galler Standortförderung musste Misserfolge am laufenden Band verbuchen. Eine neue Strategie soll es nun richten. Doch die Vorzeichen lassen wenig Hoffnung aufkommen.
Andri Rostetter
Selbstbewusste Ankündigung: Pressekonferenz in St.Gallen zur Ansiedlung des US-Unternehmens Sigma-Aldrich im Mai 2010. (Bild: Reto Martin)

Selbstbewusste Ankündigung: Pressekonferenz in St.Gallen zur Ansiedlung des US-Unternehmens Sigma-Aldrich im Mai 2010. (Bild: Reto Martin)


Es war ein komplett geräuschloser Abgang. Keine Medienkonferenz, keine Pressemitteilung, nichts. Nur eine gut versteckte Kurzmeldung in der NZZ vom 30. November 2016. «Merck gibt Sitz in St. Gallen auf», lautete der Titel. Die Meldung kündigte eine der empfindlichsten Niederlagen für die St.Galler Ansiedlungspolitik an. Es ging um Sigma-Aldrich, amerikanisches Hightech-Unternehmen und Vorzeigefirma der kantonalen Standortförderung. Gerade einmal fünf Jahre vor der Schliessung hatte die Firma mit grossem Brimborium im St. Galler Kongresszentrum Einstein ihren europäischen Hauptsitz eingeweiht. Nun ist sie weg, an der Tür klebt einzig noch ein Zettel mit einer Telefonnummer für Notfälle.

Rückblende. Im Mai 2010 kommt aus St.Louis im US-Bundesstaat Missouri die Frohbotschaft: Sigma-Aldrich werde im Zentrum der Ostschweiz den europäischen Hauptsitz eröffnen, 50 Kaderstellen sollen geschaffen werden. Der damalige Volkswirtschaftsdirektor Josef Keller gibt sich selbstbewusst: Die Ansiedlung sei klar ein Erfolg der kantonalen Standortförderung. «Überrascht über den Entscheid des Konzerns bin ich deshalb nicht unbedingt – was nicht heissen soll, dass er selbstverständlich ist.» Keller hatte allen Grund für grosse Töne: St.Gallen hatte sich gegen Zürich, Schaffhausen und eine Reihe weiterer Städte in ganz Europa durchgesetzt. Ein Coup für die kantonale Standortförderung – egal, wie viel sie selber dazu beigetragen hat. Doch es kam anders.

«Unrealistische Zielsetzung»

2014 übernahm der deutsche Chemiekonzern Merck Sigma-Aldrich für 17 Milliarden Dollar. Ein Megadeal, der international Aufsehen erregte. Als die St. Galler Regierung davon Wind bekam, versuchte sie zu retten, was zu retten war. Man habe «umgehend reagiert und sich für den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze starkgemacht», teilt das Volkswirtschaftsdepartement auf Anfrage mit. «Letztlich ging es für den Kanton aber nicht primär um den Verbleib des Europa-Hauptquartiers in St.Gallen. Angesichts der Tatsache, dass Darmstadt schon der weltweite Sitz des Unternehmens ist, wäre eine solche Zielsetzung nicht erfolgversprechend beziehungsweise unrealistisch gewesen. Im Zentrum stand die Sicherung des wichtigen Produktionsstandorts in Buchs», so Volkswirtschaftschef Bruno Damann.

In Buchs steht der grösste europäische Produktionsstandort von Sigma-Aldrich, weltweit die Nummer drei hinter den Werken am Hauptsitz in St. Louis und in Milwaukee. Wie viele Arbeitsplätze in St. Gallen letztlich verloren gingen, wurde nie restlos klar. Einmal war die Rede von 60 Kaderstellen, dann wieder von 30. Für die Standortförderung waren es so oder so genug Stellen. In den Jahren 2015 bis 2017 holten die amtlichen Firmenansiedler gesamthaft gut 300 Vollzeitstellen in den Kanton, verteilt auf 32 Unternehmen. Das sind nicht einmal halb so viele wie in den Jahren 2011 bis 2013. Und sie sind nicht sonderlich gut verteilt: 200 der 300 neu geschaffenen Stellen gehen auf das Konto von fünf Firmen – welche es sind, gibt die Standortförderung nicht bekannt. Die übrigen 27 Unternehmen brachten damit im Schnitt 3,7 Stellen.

Im gleichen Zeitraum schuf allein die Migros Ostschweiz 173 Vollzeitstellen im Kanton St. Gallen – bei insgesamt 3283 Vollzeitstellen im Kanton. Diese Zahlen zeigen: Die Erfolgsmeldungen der Standortförderung sind Kleinigkeiten, erst recht im Vergleich zur gesamten St. Galler Wirtschaft. Ende 2016 wies der Kanton knapp 286000 Beschäftigte aus, rund sechs Prozent aller Arbeitsplätze in der Schweiz. Gleichzeitig betreibt die Standortförderung einen enormen Aufwand, um Firmen in die Region zu locken. Pro Jahr führen die obersten Promotoren des Kantons weit über 150 Gespräche mit Verwaltungsräten, Geschäftsleitungsmitgliedern und Beratungsunternehmen im In- und Ausland.

Von Stadtrand ins globale Rohstoffzentrum

Dazu kommt, dass Ansiedlungen in dieser Grössenordnung, wie sie die St. Galler Standortförderung mehrheitlich verbucht, häufig nicht nachhaltig sind. Je kleiner eine Firma, desto flexibler ist sie, was den Standort angeht. Im Gegensatz zu grossen Industriebetrieben kann eine Kleinfirma ohne komplexe Infrastruktur mit wenig Aufwand zügeln. Und das tun viele, wenn die Bedingungen anderswo besser sind. Das zeigt etwa das Beispiel Transoil. Ende 2011 vermeldete die Standortförderung stolz die Ansiedlung der Erdöl- und Technologiefirma in der Wegelin-Villa im Osten der Stadt St. Gallen. Auch damals liess sich der Volkswirtschaftsdirektor – in diesem Fall Beni Würth – lächelnd mit der Firmenspitze ablichten. Und wieder wurde ein Ausbau angekündigt, von 9 auf 30 Arbeitsplätzen innerhalb eines Jahres. Transoil wird dieses Versprechen nicht einlösen: Im Dezember 2017 beschloss das Unternehmen an einer ausserordentlichen Generalversammlung, seinen Sitz nach Zug zu verlegen, ins Zentrum des globalen Rohstoffhandels.

Eines der wenigen prominenten Beispiele einer erfolgreichen Ansiedlung im Kanton ist Würth. Der weltweit grösste Schraubenhersteller (Jahresumsatz 2017: 12,7 Milliarden Euro) baute in Rorschach einen Bürokomplex für 150 Millionen Franken, an bester Lage direkt am See. Doch auch hier wurden die Erwartungen nicht erfüllt. Bei der Eröffnung 2013 wurden 250 Mitarbeitende angekündigt, aktuell sind nur 170 dort einquartiert – ein Klacks bei weltweit 74000 Angestellten.

Wie bei Sigma-Aldrich sind es häufig äussere Einflüsse, die der Standortförderung einen Strich durch die Rechnung machen. Im Februar 2014 kündigte der Kanton freudig die «Neuansiedlung» des israelischen Pharma-Multis Teva Pharmaceuticals in Rapperswil-Jona an. Das Unternehmen hatte bereits Büros am Standort und beschäftigte dort knapp zehn Mitarbeiter. Die St. Galler Standortförderer prophezeiten, das Unternehmen werde 60 bis 70 zusätzliche Stellen schaffen – und zwar innert zwei Jahren. Letztlich waren es immerhin 50, doch ein Teil davon ist bereits wieder weg. Der Konzern kämpft um sein Überleben, im März wurden weltweit 14000 Mitarbeitende entlassen. In Rapperswil strich Teva jede vierte Stelle, 15 Mitarbeiter mussten gehen.

Prominente Einzelfälle, generelle Schwierigkeiten

Sigma-Aldrich, Teva Pharma und Transoil sind zwar prominente Einzelfälle. Sie stehen aber für die generellen Schwierigkeiten der Standortförderer. Die St. Galler stehen mit ihren Problemen allerdings nicht allein da. Seit 2005 hat sich die Zahl der Ansiedlungen ausländischer Firmen schweizweit halbiert, die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze ist gar um 70 Prozent eingebrochen. Gründe dafür gibt es viele: Finanzkrise, Frankenstärke, Masseneinwanderungs-Initiative, Abzocker-Initiative, das Ende des Bankgeheimnisses.

Es sei in den letzten Jahren zunehmend schwieriger geworden, Firmen aus den «traditionellen Zielmärkten wie z.B. Deutschland und England» in der Ostschweiz anzusiedeln, klagt die Regierung in ihrer Botschaft zum Mehrjahresprogramm der kantonalen Standortförderung für die Jahre 2019 bis 2022. Umso wichtiger sei es deshalb, «aus der Stärke des Kanton St.Gallen heraus die Zielmärkte und die Vertriebskanäle entsprechend gezielt zu bearbeiten». Das 42-seitige Programm kommt am Mittwoch in den Kantonsrat. Der Tenor des Papiers: Die Probleme sind erkannt, die Massnahmen definiert. So will man unter anderem eine «Nischenstrategie» setzen: Die Standortförderer sollen «noch differenzierter auf Zielunternehmen – insbesondere aus dem Bereich der produzierenden Industrie – zugehen».

Die vorberatende Kommission unterstützt das Programm, die Debatte dürfte sich allenfalls um den Tourismus, den Metropolitanraum und das Projekt zum Innovationspark Ostschweiz drehen. Doch zu einer Grundsatzdiskussion, was eine kantonale Standortförderung mit zehn Angestellten im globalen Wettbewerb um Firmen und Arbeitsplätze überhaupt ausrichten kann, wird es kaum kommen.

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